Bundesliga Zahltag vom Zornkonto

Warum fünf englische Wörter die deutsche Fußballmeisterschaft entscheiden könnten

Kann es sein, dass fünf englische Wörter, von einem Griechen einem Brasilianer an den Kopf geschleudert, die deutsche Fußballmeisterschaft 2007/2008 entscheiden? "Fuck you and stand up", bellte Sotirios Kyrgiakos aus seinem Gesichtsgestrüpp heraus. Da war es zehn nach vier am Samstagnachmittag im Frankfurter Waldstadion, und zu seinen Füßen krümmte sich der kleine Größte: Diego Ribas da Cunha, der bislang beste Spieler dieser Saison und naturgemäß der Meistgefoulte.

So weit lief eigentlich alles nach Plan; seit seiner Ankunft auf deutschen Plätzen hat der brasilianische Außerirdische stoisch ertragen, dass Minderbegabte ihm in die Knochen traten, er inzwischen jeden Bundesligarasen am Geschmack erkennt und er sich auch noch als Schwalbenkönig verhöhnen lassen musste. Doch nun schlug das Imperium der Spielkultur zurück.

Ein Verteidiger wie der griechische Funkturm in Frankfurter Diensten sollte waffenscheinpflichtig sein. Und dessen Trainer Friedhelm Funkel, auch in Sachen Gesichtsbehaarung mit Kyrgiakos einer Meinung, erinnert von der Coaching-Zone seine Spieler gerne lautstark daran, dass er persönlich ihnen so einen Schein ausgestellt hat und erwartet, dass sie davon regen Gebrauch machen. Als vorbildlicher Angestellter holte Kyrgiakos Bremens Besten also von den Beinen, beschimpfte ihn und garnierte alles mit einer zotigen Handbewegung, für die einen Tag später der holländische Bayer Mark van Bommel die Rote Karte bekam. Als all das unbestraft blieb, lief, wie das Peter Sloterdijk sagen würde (ein Philosoph, kein holländischer Nationalspieler), Diegos Zornkonto über. Jetzt zahlte er mal aus und fällte den Zyklopen mit einer Zidane-Gedächtnis-Attacke. Nur dass er in weiser Einschätzung seiner eigenen Möglichkeiten nicht den Kopf, sondern die Schulter und reichlich Anlauf nahm. Tätlichkeit, Rote Karte, lange Sperre.

Ich will mich nicht lange damit aufhalten, ob Diegos Reaktion verständlich oder die Rote Karte berechtigt war. Dass Fußballkünstler in unserer Grobmotoriker-Liga in erster Linie als Zielscheiben mitmachen dürfen, ist bekannt. Aber der Frankfurter Fall hat der Meisterschaft eine entscheidende Wende gegeben. Dem einzigen ernsthaften Konkurrenten der Bayern ist für Wochen das Herz herausgerissen.

Nun müssen die Bremer wieder mit Spenderherzen namens Jensen oder Borowski funktionieren. Eben jener Borowski ließ in Frankfurt die größte Chance des Spieltags ungenutzt und machte damit seinem zukünftigen Arbeitgeber Bayern München ein Antrittsgeschenk im Wert einer Meisterschale.

Wie wollen die Hanseaten mit solchen Leuten vier Punkte und ein deutlich schlechteres Torverhältnis aufholen? Zumal, und hier gelangt der Spieltag zu seiner eigentlichen Pointe, am Tag eins nach Diegos tiefem Fall der zweite Außerirdische dieser Saison nach längerer Pause wieder mal über den Platz schwebte: Franck Ribéry. Nur sechs Minuten brauchte der Franzose nach seiner Einwechslung, um mit einem tödlichen No-look-Pass dem bis dahin erfolglosen Anrennen seiner Bayern auf das Hamburger Tor die entscheidende Wende zu geben.

Klar, jetzt schreiben alle, der HSV habe mit dem Unentschieden von München die Meisterschaft spannend gehalten, vier bzw. sechs Punkte Rückstand seien nicht viel et cetera blabla. Tatsache ist: Im Geldausgeben mögen die Bayern bislang souveräner gewesen sein als auf dem Platz. Aber sie haben erst ein einziges Mal verloren. Und nun haben sie auch noch einen ausgeruhten Ribéry zurück, während der Spielmacher des ärgsten Konkurrenten in den nächsten Wochen nur die Kähne auf der Weser zählen darf.

Der einzige Trost, den dieser 21. Spieltag für Freunde des gepflegten Balls bereit hält, ist die Erkenntnis, dass immer noch die genialen Spielmacher den Unterschied machen zwischen guten und großen Mannschaften. Gern wird ja behauptet, Taktik, Tempo, Systemzwänge hätten dem klassischen Regisseur den Garaus gemacht, der entscheidende Spieler sei heute der staubsaugende Sechser, der früher Dieter Eilts hieß. Aber drei der vier führenden Bundesligamannschaften hängen auf Gedeih und Verderb an ihren Zehnern (auch wenn auf ihrem Trikot eine andere Zahl stehen mag): Bayern an Ribéry, Bremen an Diego, Hamburg an Rafael van der Vaart. Dem HSV reicht es, sich für die Champions League zu qualifizieren. Bremen ohne Diego ist nur halb so gefährlich. Den Rest erledigt Ribéry. Deshalb haben fünf englische Wörter die deutsche Fußballmeisterschaft entschieden.

ZEIT-Spiel . Die Bundesliga-Kolumne auf Zeit online. In jeder Bundesliga-Woche kommentieren fußballbegeisterte Autoren der ZEIT den Kampf um Tore und Punkte, Meisterschaft und Abstieg.

 
Leser-Kommentare
  1. Also bitte. Die Spitzenmannschaft Bremen um den "galaktischen" Diego lässt sich also von "fünf englischen Wörten" aufhalten!?Dann war es ihnen wohl auch nicht bestimmt Meister zu werden.Absolut lächerlich wie hier ein -PROFI-Fußballer von allen Seiten in Schutz genommen wird. Aber die absolute Lobpudelei ist dieser Artikel.Bitte die Vereinsbrille wieder abnehmen.

    • Koloss
    • 25.02.2008 um 21:15 Uhr

    Man sollte eien Pygmäen-Liga etablieren. Da wäre dann auch klein-Diego gut aufgehoben. Und Herr Siemes könnte seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: Über Außerirdische ohne Gesichtsbehaarung aus dem Imperium der Spielkultur schreiben. Vielleicht gäbe es ja auch ein paar Kleingeister, die das interessieren würde. SU and FYDer Koloss   

  2. Sie sollten besser darauf achten, welche Worte Ihrem "Gehirngestrüpp" entweichen. Ihre Intention ist ganz offensichtlich, hier gegen einen bestimmten Spieler und einen bestimmten Verein Stimmung zu machen, nichts anderes.Diego krümmte sich zu keiner Zeit zu Füßen von Kyrgiakos, schon garnicht in der besagten Szene. Dort wurde nämlich (ausnahms- und richtigerweise)nicht auf Foul entschieden, daß Spiel lief weiter und Diego erhob sich mit zuvor kaum gesehener Schnelligkeit. Der Rest ist Geschichte...Der Bremer "Zauberfußballer" wurde übrigens zuvor durchaus mehrmals gefoult. Die Fouls wurden jedoch von anderen Spielern begangen und auch immer geahndet, bis hin zur gelben Karte gegen die Frankfurter Spieler Chris und Inamoto.Gesteigerten Wert lege ich auf die Aussage, daß es hier lediglich darum ging, den Spielfluß der Bremer zu unterbinden. Diego wurde zu keiner Zeit Opfer eines Fouls, das seine Gesundheit gefährdet hätte. Dementsprechend verließ er unverletzt den Platz!Der Vorgang, den Spielaufbau des Gegners durch Fouls zu unterbinden, ist durchaus nicht Bundes(Grobmotoriker)liga spezifisch. Er findet weltweit auch in anderen Ligen statt, und das auf durchaus rustikalere Weise. Sie brauchen noch nicht einmal sehr weit zu fahren, um das zu beobachten. Ein Trip in die Liga des Weltmeisters genügt völlig. Da dort nach allgemeinem Verständnis angeblich besserer Fußball gespielt wird als hier, besteht also ein Widerspruch. Ich bin gespannt auf die Auflösung...Was Ihren ironischen Hinweis "Schwalbenkönig" anbelangt, so ist dies doch ganz offenbar ein Fingerzeig, daß Beobachtungen wie in Frankfurt schon andernorts gemacht wurden. Das sollte Ihnen zu denken geben! Fakt ist, daß die Mißfallenskundgebungen durch das Frankfurter Publikum erst begannen, nachdem Diego anzeigte willens zu sein, lieber seine gleichfalls ausgeprägten Fallkünste zu zeigen anstelle seines formidablen Spiels.Fakt ist, daß er mehrfach hätte stehen bleiben können und im Mutterland des Fußballs Pfiffe der eigenen Anhänger zu hören bekommen hätte - jedenfalls in Englands besseren Zeiten.Was ihre weiteren Äusserungen zur Person von Kyrgiakos angeht, so sollten sie sich mal darüber informieren, inwieweit dieser Spieler bisher durch Unsportlichkeiten oder grobes Verhalten in Erscheinung getreten ist - danach würde sich ihr impertinentes Geschmiere von selbst erledigen.Dem Faß den Boden aus schlägt jedoch ihre Beschimpfung des Frankfurter Trainers. Das grenzt in meinen Augen an Rufmord und sollte mit einer Anzeige gegen Ihren hochverehrten Herrn Siemes geahndet werden.Unfaßbar, welche widerwärtigen Schmierfinken nicht nur dieser Tage ungeahndet ihren Müll in der Öffentlichkeit ausschütten dürfen. Die Republik wird sehr pampig, wenn man ihr die Helden stielt.In ihrer Aufzählung der Unwahrheiten und Lügen fällt eigentlich nur noch der Hinweis auf Kyrgiakos' schauspielerische Fähigkeiten, denen sein Fall nach Lesart des Möchtegern-Altbundestrainers Lattek zu verdanken ist. Der hat nämlich schon lange vergessen (es sei ihm aufgrund seines fortgeschrittenen Alters verziehen), wie dynamisch auch ein zwei Köpfe kleinerer, aber athletisch bestens ausgeprägter Spieler gegen seinen Widersacher auftreten kann, wenn er mit Anlauf und unerwartet springt.Noch ein Wort zu Kyrgiakos' Verhalten: man mag es bedauern, aber das ist Liga-Alltag 2008. Jeder wird es bestätigen. Der allgemeine Verhaltens-Codex besagt, daß nach dem Spiel dazu geschwiegen wird. Auch hiergegen hat Diego verstossen!Wenn Bremen auf diese Weise das Rennen um die Meisterschaft verliert (was ich allerdings nicht glaube, außerdem wurden zuvor schon ohne Not Punkte verschenkt!), tut mir persönlich das sehr leid. Die Schuld daran muß man jedoch bei Diego suchen, und nirgendwo sonst! Der Tatbestand ist klar: Tätlichkeit nach Provokation, die Strafe von 3 Spielen Sperre ist angemessen.Falls Ihnen das ein Trost ist: die Eintracht wird sicher gegen Bayern nicht anders spielen. Ich hoffe es jedenfalls. Vielleicht gelingt als "Wiedergutmachung" auch ein ähnliches Resultat.Wer schützt übrigens die wichtigen Leute der kleineren Vereine? Fenin wurde elfmeterreif gefoult, Amanatidis mußte sich als Resultat eines ungeahndeten Fouls während der überwiegenden Zeit des Spiels humpelnd über das Feld quälen!Ihr Kommentar ist jedenfalls das Allerletzte. Kommentieren sie zukünftigen besser den Christopher Street Day!

  3. Also tut mir Leid, aber diesen Artikel kann ich einfach nur als absolute Katastrophe bezeichnen.
    Der Spieler Kyrgiakos wird nicht nur als amateurhafter brutaler Knochenbrecher hingestellt, sondern das grenzt hier ja fast schon an persönliche Beleidigung. Den Frankfurtern wird unterstellt, den Gegner die Knochen kaputt treten zu wollen, während Diego (der sicherlich ein toller Fußballer ist) hier als reines Opfer dargestellt wird und als König Fussball persönlich gefeiert wird. Nebenbei werden Tatsachen einfach verdreht, z.B war der Zweikampf, der der Tätlichkeit vorausging, alles andere als ein klares Foul; vielmehr trennte Kyrgiakos den Bremer hart, aber eben doch fair vom Ball (wie so oft) und van Bommels Aktion als Vergleich zu Kyrgiakos heranzuziehen, ist wohl wirklich nur noch lachhaft. So sehr man einen Diego als Spieler schätzen kann sollte man hier nicht die Tatsachen verdrehen. Er war es letztlich, der eine klare Tätlichkeit ausführte und ich denke dass Spieler schon wegen harmloseren Schubsern des Feldes verwiesen wurden...Das Ganze auf Pfiffe des Publikums oder Gestiken des Trainers zu schieben, anstatt den Spieler selbst zu kritisieren, würde den Herren von der Presse wohl kaum bei weniger berühmten Kickern einfallen. Genauso wenig nachvollziehbar wäre eine Spezialbehandlung seitens der Schiedsrichter von Diego, Ribery und co, da das nichts anderes als Wettbewerbsverzerrung wäre. Gleiche Behandlung für alle Spieler, wenn Foul ist, ist es ein Foul, wenns ne gelbe Karte ist, dann ists eben ne gelbe Karte; unabhängig ob ein Diego der Gefoulte ist oder der Weihnachtsmann. Nichts anderes ist auch in Frankfurt passiert...Mit freundlichem Gruß Daniel Saam

  4. Woran merkt man, dass es einem Feuilletonisten wichtig ist, dass
    man ihn auch dann noch als Feuilletonisten wahrnimmt, wenn er
    eigentlich einfach ein bisschen übers Kicken schreiben will?
    1) Ein Bart wird zum "Gesichtsgestrüpp"
    2) Ein großer griechischer Spieler wird zum "Zyklopen"
    3) Es wird mindestens ein Filmtitel eingebaut wie "Das Imperium schlägt zurück"
    4) Es wird mindestens ein Philosoph erwähnt (Peter Sloterdijk)
    5) Es wird rund um den Philosophen ein Witz ("ein Philosoph, kein holländischer Nationalspieler") gestrickt, bei dem sich Feuilletonisten für gewöhnlich abends bei einem schönen Mouton Rothschild gegenseitig auf die Schenkelchen klopfen.
    6) Es wird vor allem nicht auf den längst überwunden geglaubten "No-look-Pass" verzichtet, den sich ansonsten höchstens noch Mouton-Rothschild-Philosophen wie Udo Lattek auszusprechen getrauen. 
    7) Es wird sich mindestens ein Mal beim zwanghaften Schreiben in schiefen Bildern verheddert (Ribery gab dem "erfolglosen Anrennen seiner Bayern auf das Hamburger Tor die entscheidende Wende". Also rannten sie vom Tor weg? Gar zurück? An die Seitenlinie?)
    Und wer all diesen manirierten Mist überstanden hat, weiß dann
    endgültig, warum er  krachlederne Typen wie Kyrgiakos, die einfach mal
    quer über den Rasen sensen, mehr liebt als Zauberkünstler wie Diego,
    die Feuilletonisten zu philosophischen Betrachtungen anregen, und er
    weiß dann vor allem auch endgültig, warum er  lieber  den "Kicker" als die
    "Zeit" liest.
    gruß,
    pallazio

  5. ........was hier über den Trainer Funkel, sowie den Spieler Kyrgiakos geschrieben wird.Wo haben Sie denn das Spiel verfolgt? Im Videotext?Lachhaft geradezu, wie ein Täter (Klein-Diego) von Ihnen zum Opfer gemacht wird.Mir scheint, hier liegt kein hoch angesiedelter Fussballsachverstand vor.Ich kann mich meinen Vor"rednern" nur anschließen:sicher gibt es andere Themen, über die Sie kompetenrt schreiben können- über Fussball beherrschen Sie dies offenbar nicht!

  6. Sehr geehrte Zeit-Redaktion,
    eigentlich habe ich Eure Zeitung bislang sehr gern gelesen, aber damit ist es nun vorbei. Es ist erschreckend, mit welch tendenziöser Wortwahl hier über einen Vorfall berichtet wird, der eigentlich kaum erwähnenswert ist. Der "Fußball-Gott" Diego hat sich daneben benommen und musste folgerichtig vom Platz. Soweit so gut. Der Aktion ging kein Foul von Kyrgiakos voraus! Wie allerdings Ihr Autor, von dem ich mich an Ihrer Stelle schleunigst trennen würde, in bester "Stürmer"-Manier über die Herren Funkel und Kyrgiakos schreibt, ist allerunterste Schublade. Sind alle langhaarigen und dreitagebärtigen Männer Gangster und Verbrecher? Seit wann ist das äußere Erscheinungsbild eines Menschen aussagekräftig über seinen Charakter? Irgendwie erinnert mich das an eine dunkle deutsche Vergangenheit... Da hätte Ihr Autor sicherlich brilliert mit seiner Wortwahl. Auf jeden Fall ist es mir absolut unverständlich, wie in einer Zeitung wie der ZEIT solch ein Artikel erscheinen kann. Gibt es bei Ihnen keine End-Redaktion? Oder sitzt da noch so ein brauner Geselle? Auf jeden Fall - das wars für mich, was Ihr Blatt angeht. Es geht mir nicht darum, dass da ein Schmierfink etwas gegen Eintracht Frankfurt schreibt, damit habe ich gar kein Problem, auch nicht mit der Tatsache, dass Ihr Autor keine Ahnung vom Fußball hat, das muss man nicht haben, es geht mir einzig und allein um die Tatsache, dass hier Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung aufs übelste diffamiert werden. Dass die ZEIT so tief sinken würde, hätte ich nicht gedacht...
     
    Viele Grüße von einem langhaarigen unrasierten Unhold
     
    Der Woellschlirf

  7. Dieser Artikel ist so ungefähr der größte Unsinn, den ich jemals in einer deutschen Zeitung lesen durfte.
    Gratulation! Stimmungsmache, von der sich die Zeitung mit den vier großen Buchstaben noch einiges abschauen kann.
    eine absolute Frechheit, so etwas zu veröffentlichen!

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  • Serie -
  • Quelle ZEIT online, 25.02.2008
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