Ganz im Norden Chinas, an der Grenze zu Rußland, wohnt der Volksstamm der Ewenki. Ganz im Süden, an der Grenze zu Burma, wohnt der Volksstamm der Drung. In beiden Volksstämmen gibt es noch einige echte Schamanen, die – zumindest nach eigenem Bekunden – Regen machen können. Aber trotzdem assoziieren die Chinesen mit Regenmachern nicht die Schamanen ihrer nationalen Minderheiten, sondern die Ingenieure ihrer meteorologischen Ämter.

In der Hauptstadt Peking ist es bereits seit vielen Jahren so, dass es am Vorabend der wichtigsten Feiertage, also am 30. April vor dem Tag der Arbeit und am 30. September vor dem Nationalfeiertag, wie aus Kübeln schüttet. Nicht ganz zufällig und nicht ganz natürlich, wie noch zu sehen sein wird. Das regnet den ganzen Smog und Staub herunter. Der strahlend blaue Feiertagshimmel am nächsten Tag überzeugt dann die Pekinger und erst recht die vor ihren Fernsehern den Paraden und Showveranstaltungen zuschauenden sonstigen Chinesen, dass die Luftverschmutzung in der Hauptstadt doch gar nicht so schlimm ist.

Entsprechend ist zu empfehlen, dass sich die Pekinger, wenn sie am Abend vor der Eröffnungsveranstaltung der Olympischen Spiele am 8. August noch einmal aus dem Haus müssen, einen Regenschirm mitnehmen. Die ganze Angelegenheit könnte damit erledigt sein.

Leider ist ganze Sache aber etwas komplizierter. Die Pekinger Meteorologen erwarten nämlich für den 8. August selbst nicht nur Durchschnittstemperaturen zwischen 25 und 30 Grad und eine relative Luftfeuchtigkeit von 77 Prozent, sondern auch eine Regenwahrscheinlichkeit von 50 Prozent. Und letzteres bereitete Wang Qishan, der nicht nur Pekings Bürgermeister, sondern auch geschäftsführender Direktor des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele (BOGOC) ist, laut eigenem Bekunden die meisten Kopfschmerzen. Regen sollte es bei der Eröffnungsveranstaltung nicht geben.

Deswegen musste das Pekinger Meteorologische Amt etwas unternehmen. „Abgesehen von genausten Wettervorhersagen werden wir weitere Maßnahmen ergreifen, um gegen mögliches schlechtes Wetter während der Pekinger Olympiade vorzugehen“, versicherte Wang Yubin, Vize-Chefingenieur der Behörde, am 7. August 2007 dem besorgten BOGOC.

Und schon einen Tag später, also genau ein Jahr vor der Eröffnungsveranstaltung, wurde deutlich, was er damit meinte: Drei mit je zehn Technikern bemannte Flugzeuge flogen in 8000 Meter Höhe und einem 80-Kilometer-Radius über Hohot, der Hauptstadt der zu China gehörenden Autonomen Region Innere Mongolei. Sie versprühten dort Silberjodit und 2,8 Tonnen einer „umweltschonenden“ mineralischen Einzellerablagerung namens Diatomite, um Regenwolken auseinander zu treiben und Tröpfchenbildung zu verhindern.

Trotz ungünstiger Wetterbedingungen waren die Ingenieure mit ihrem Erfolg zufrieden. „Wir sind bereits sehr gut im Regenmachen“, sagt Liu Xiaolin, Mitarbeiter des Wetterkontrollamtes in Hohot, „aber wir brauchen noch mehr Forschung und Erfahrung im Bereich der Regenvermeidung." Letztere funktioniert bisher nur auf relativ kleinen Flächen.

Die Pekinger Wettermacher werden deshalb am Olympia-Eröffnungstag zu einer Doppelstrategie greifen: In einer Entfernung von 120 bis 15 Kilometer vom Olympiagelände wird vorher Regen erzeugt, um die Luft von Schadstoffen zu reinigen und die Wolken zu entleeren, während innerhalb eines 15-Kilometer-Radius um die Sportstätten Niederschläge vermieden werden sollen. Sollten die Flugzeuge wegen  Sturms oder Gewitter nicht starten können, können die entsprechenden Chemikalien alternativ von insgesamt 26 rund um Peking gelegenen Basen mittels Raketen direkt in die Wolken geschossen werden.

Wäre es da nicht einfacher gewesen, den Beginn der Olympiade etwas nach hinten zu verschieben? Nach dem 24. August beginnt nämlich laut dem Jahrtausende alten chinesischen Bauernkalender die Periode chushu (zu Deutsch: Ende der Hitze). Das Wetter in Peking wird dann immer deutlich kühler und trockener. Wieso musste es unbedingt der 8. August sein?

Nur, weil die Zahl „8“ auf Chinesisch ausgesprochen so ähnlich klingt wie fa , was neben im Wörterbuch aufgeführten elf weiteren Bedeutungen auch „sich entwickeln“ bedeuten kann? Und weil die Zahl „8“ auf arabisch geschrieben, entfernte Ähnhlichkeit hat mit dem chinesischem Zeichen für xi , auf deutsch: Glück, Freude?

Es kann doch wohl nicht sein, dass Parteikader, die das Schamanentum als „Aberglauben“ ablehnen und die Religionen der Ewenki und der Drung nicht zu den fünf offiziell in China zugelassenen Religionsgemeinschaften zählen, zur selben Zeit so viel Wert auf ein „glückliches Datum“ legen. Vielleicht wollten die Parteikader die Gelegenheit nutzen, einmal aller Welt zu zeigen, an was sie wirklich glauben: an die Allmacht der Ingenieure.