"Ich erkläre mir das vor allem mit einer leichtfertigeren Einstellung zu werdendem Leben in den neuen Ländern", sagte Böhmer der Zeitschrift Focus . Für manche ostdeutsche Frau sei eine Kindstötung anscheinend "ein Mittel der Familienplanung". Diese Einstellung halte er für eine Folge der DDR-Abtreibungspolitik. Frauen konnten dort nach 1972 bis zur zwölften Woche ohne jede Begründung die Schwangerschaft abbrechen. "Das wirkt bis heute nach", sagte Böhmer, der bis 1990 Chefarzt der Gynäkologie in Wittenberg war.

Um zu verhindern, dass Mütter ihre Schwangerschaft verheimlichen und ihr Kind dann töten, müssten die Menschen wachsamer werden. Viele Ostdeutsche seien zu sehr auf den Staat fixiert und gäben dadurch ihre individuelle Verantwortung auf. "Das stört mich sehr", sagte Böhmer. Zugleich forderte er stärkere staatliche Kontrollen, um "chronische Verwahrlosung" in Familien zu verhindern.

Roth: Ich bin entsetzt

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth forderte nach den Äußerungen von Böhmer den Rücktritt des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt. "Wer so über Menschen redet, für die er mit verantwortlich ist, kann seine Aufgabe als Ministerpräsident nicht mehr wahrnehmen. "Ich bin entsetzt", sagte Roth.

Vor knapp drei Jahren war der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) mit einer ähnlichen Aussage heftig in die Kritik geraten. Mit Blick auf eine neunfache Kindstötung in Ostbrandenburg hatte er gesagt, für die Gewaltbereitschaft und Verwahrlosung im Osten seien die "Proletarisierung" und "zwangsweise Kollektivierung" unter dem SED-Regime verantwortlich.

Kriminologe forscht an Ost-West-Unterschieden

Der Kriminologe Christian Pfeiffer vermutet die Ursachen für die im Osten häufiger vorkommenen Kindstötungen bei den Lebensumständen dort. "Vermutlich ist eine Ursache, dass es im Osten mehr junge Mütter gibt, die in sozialer Isolation und Armut aufwachsen und überfordert sind mit ihrer Mutterrolle", sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen vor einer Woche zu den jüngsten Fällen in Brandenburg. "Wir sind aber noch nicht so weit, diese Ost-West-Unterschiede aufzuklären." Pfeiffers Angaben nach kommen Fälle von Kinder, die von ihren Eltern getötet wurden, drei- bis viermal häufiger im Osten vor als im Westen.

An seinem Institut läuft derzeit eine Studie zu allen rund 900 bis 1000 gerichtlich abgeschlossenen Fällen, bei denen Kinder durch ihre Eltern in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren getötet wurden. Die Auswertung von bisher etwa 150 Fällen zeige, dass es drei Kategorien von Müttern gebe, die ihre Kinder töten - allerdings fließen die Kategorien auch ineinander. "Bei einem Viertel bis einem Drittel der Fälle handelt es sich um Frauen, die die Schwangerschaft verheimlichen, das Kind ohne Hilfe zur Welt bringen und es dann töten oder es sich selbst überlassen." Dies seien "sehr isolierte Frauen", die ihre Mutterrolle nicht annehmen wollen oder können. "Durchaus sind darunter auch junge Studentinnen", betonte Pfeiffer.

In 50 bis 60 Prozent der Fälle spielten katastrophale Lebensbedingungen eine wesentliche Rolle. "Oft versuchen es die jungen Eltern zunächst, ihr Kind aufzuziehen, sind dann aber völlig überfordert und irgendwann passiert es, dass Vater oder Mutter das Kind zu Tode schütteln oder es nicht mehr versorgen." Als dritte Kategorie nannte Pfeiffer psychisch kranke Frauen (15 bis 20 Prozent aller Fälle).