Amerikanische Literatur Böse Affen und andere Rabauken

Mit fünf Jahren beschloss Matt Ruff, Schriftsteller zu werden. Nun ist er 42 und hat bisher vier Bücher veröffentlicht. Ein Gespräch über Musik, Faulheit und die Fantasie

Matt Ruff hat den Gang eines Bären. Gemütlich schlurft er durch den Raum, seine Arme hängen bis zu den Kniekehlen. Die Augen leuchten, als würde dieser Bär vor einem Honigregal stehen. Er ist auf Lesetour in Deutschland, nun steht er im amerikanischen Generalkonsulat in Hamburg, an dem Pult, das sonst für Politiker und Pressesprecher bestimmt ist, und liest aus seinem neuen Buch. Das Publikum ist unterschiedlich. Wie Ruffs Bücher.

Sein Romandebüt Fool On The Hill war fantasievoll und behandelte das Leben auf einem ungewöhnlichen Universitätscampus voll mit Trollen, sprechenden Tieren und Motorradrächern. Multiple Persönlichkeiten thematisierte er in seinem dritten Roman Ich und die anderen — und gewann zahlreiche Preise. Bad Monkeys heißt sein neues Buch. Es spielt Lüge und Wahrheit gegeneinander aus. Die Mörderin Jane Charlotte wird in der psychiatrischen Abteilung eines Gefängnisses verhört. Sie erzählt die Geschichte einer Geheimorganisation, die schlechte Menschen auf der Basis einer Kosten-Nutzen-Rechnung aus dem Weg räumt.

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Schnell taucht der Psychiater in ihre Welt ein, und aus den Diffusionen einer Verrückten wird eine Reise in die Untiefen menschlichen Rachebedürfnisses. Zwischen dem Streben nach Gerechtigkeit und Selbstjustiz sind viele Fragen offen.

Fünfjährig, vor immerhin 37 Jahren, beschloss Matt Ruff Schriftsteller zu werden. Sagt er zumindest. Trotzdem hat er erst vier Bücher veröffentlicht. Ein Gespräch über Faulheit, Musik und Ideen.

ZEIT online: Sind Sie in Europa erfolgreicher als in der Heimat?

Matt Ruff: Mittlerweile ist es ausgeglichen. Am Anfang war ich in Deutschland am erfolgreichsten. Ich und die anderen hat das jedoch verändert.

ZEIT online: Sie hören viel Musik, auf ihrer Website geben sie CDs an, die sie zum neuen Buch inspiriert haben — eine Art Soundtrack?

Ruff: Manchmal bin ich von einem bestimmten Song oder Album regelrecht besessen. Und wenn es thematisch zu dem passt, was ich gerade schreibe, komme ich wieder darauf zurück. Ein klassisches Beispiel zu Bad Monkeys ist ein Song namens The Low Spark Of High Heeled Boys , einem alten Stück von Traffic. Da geht es um eine Pistole, die kein Geräusch macht. Die habe ich zum Schreiben dann auch verwendet. Meine Website benutze ich gerne, um darzustellen, woran ich beim entwickeln der Handlung gedacht habe. Na ja, und Fans besuchen meinen Internet-Auftritt, und da sollte dann auch hin und wieder etwas Neues erscheinen!

ZEIT online: Nutzen Sie Musik, um beim Schreiben in eine bestimmte Stimmung zu kommen?

Ruff: Das kommt schon vor. Ob die Musik diesen Effekt bringt, ist eine andere Frage. Denn wenn das Schreiben gut läuft, dann tauche ich so weit ab, dass die Musik nur noch im Hintergrund läuft. Oder im Unterbewusstsein. An sich ist das ein interessantes Spannungsfeld.

ZEIT online: Sie veröffentlichen in einem sehr langsamen Rhythmus, etwa alle fünf Jahre erscheint ein Buch.

Ruff: Ich bin einfach sehr langsam. Das liegt aber auch daran, dass ich sehr akribisch arbeite. Bevor ich etwas zu einem Lektor schicke, wird es peinlich genau überarbeitet und gesäubert. Dazu kommt, dass mir der Antrieb fehlt, ständig etwas auf dem Markt haben zu müssen. Wenn dann noch die eine oder andere Verzögerung hinzukommt, sind fünf Jahre im Nu um. Der 11. September hat das Erscheinen von Ich und die anderen zum Beispiel um ein Jahr verzögert. Nach Fool On The Hill wollte ich einen Roman — Venusneid — veröffentlichen. Mein Verlag lehnte ihn jedoch ab.

ZEIT online: Im Buch Fool On The Hill arbeitet Ihr Romanheld bereits daran.

Ruff: Ach ja, das hatte ich ja völlig vergessen! Während der Arbeit an dem einen Buch, schwirrte schon der Titel für das nächste in meinem Kopf. Das passiert, denn das, was man gerade tun muss, ist niemals so interessant wie das, was man gerade tun könnte ...

ZEIT online: In Interviews behaupten Sie gerne, dass Sie faul seien und gerade deswegen so langsam veröffentlichen. Aber bringt man nicht sehr viel Zeit damit zu, nach Ideen zu fischen? Dafür muss man natürlich andere Dinge tun, als am Schreibtisch zu sitzen.

Ruff: Ich hab es wirklich nicht eilig, muss viel nachdenken, bevor ich überhaupt etwas umsetze. Auch wenn ich es gerne schneller machen würde — es scheint einfach mein Tempo zu sein. Im Gegensatz zu anderen Autoren fehlt mir einfach die Ambition. "I get there when I get there." Jetzt bin ich 42 und merke, dass mir die Zeit dann doch langsam davonrennt.

ZEIT online: Eines Ihrer Talente ist es, die Welt andersherum betrachten zu können, sie in verschiedenen Ebenen zu sehen. Erfordert dies viel Rückzug? Immerhin leben Sie nicht mehr in New York, sondern in der Abgeschiedenheit von Washington State, in Amerikas Nordwesten.

Ruff: Meine Frau und ich leben dort, weil es schön ist. Lange Spaziergänge an einem schönen Ort sind förderlich. Und ich bin passionierter Wanderer. Für die Arbeit ist es aber nicht so wichtig. Ich war schon immer so, dass ich in unbeschäftigten Momenten die Gedanken schweifen lassen kann. Während ich am Flughafen sitze und warte, entstehen Dialoge und Szenen. Mein Umfeld nehme ich dann gar nicht wahr. Ideen können überall entstehen, ich brauche dafür keine bestimmte Umgebung. Ein Freund meiner Frau zum Beispiel leidet unter Persönlichkeitsspaltung. Irgendwie hat mich das beschäftigt und am Ende zu dem Roman Ich und die anderen geführt.

ZEIT online: Und Bad Monkeys ?

Ruff:Bad Monkeys war erst ein Titel, bevor es zum Roman wurde. Es gibt eine Episode von South Park , wo Eric Cartman einen Affen mit einem Stöckchen schlägt und dabei "Bad Monkey" ruft. Dieser Spruch setzte sich gleich in meinem Kopf fest und ich stellte ihn mir auf einem Buchcover vor. Er wirkte geheimnisvoll. Was könnte so ein Satz bedeuten und welche Geschichte würde dazu passen? Der Ausgangspunkt für einen Roman kann folglich ganz banal sein. Was danach passiert, ist sehr kompliziert und schwer zu beschreiben.

ZEIT online: Ihr Romandebüt Fool On The Hill war ein umfangreiches Fantasiegebilde und wilderte in der menschlichen Mythologie. Ihre letzten Arbeiten hingegen sind auf Phänomene der menschlichen Psyche aufgebaut. Tendieren Sie mittlerweile zum Wissenschaftlichen?

Ruff: Nein, da ich so faul bin, betreibe ich nur genug Nachforschung, um nicht unglaubwürdig dazustehen. Das Erfinderische gibt mir Freiheit. Nur will ich auch gerne wissen, was ich da erfinde. Fool On The Hill hatte eine riesige Besetzungsliste. In den beiden letzten Büchern sind es weniger Personen. Die werden umso intensiver behandelt — man hat einfach mehr Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen.

ZEIT online: Ihr Schreibstil wird oft als "filmisch" bezeichnet. Seit Fool On The Hill warten viele auf die Verfilmung eines Ihrer Bücher.

Ruff: Seit Fool On The Hill warte ich auf die Verfilmung eines meiner Bücher!

Das Gespräch führte Sebastian Reier .

 
Leser-Kommentare
  1. Guten Tag zusammen,genauso akribisch, wie Herr Ruff seine Bücher überarbeitet, hätte vielleicht auch dieses Interview überarbeitet werden müssen: Kommafehler reihen sich in unvorteilhafter Pose an Rechtschreibfehler. Beim Lesen (wird z.B. groß geschrieben, wegen "beim"!) ist das eher hinderlich...

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