Ausgerechnet Libyen. Muammar al-Gadhafis Wüstenstaat, in der westlichen Welt lange Zeit als Hort des Terrors geächtet, wird heute von europäischen Konzernen umworben wie eine junge Braut. Auch Unternehmen aus den USA, Russland und China stehen Schlange. Sie alle wollen einen Anteil an Libyens reicher Mitgift.

Es geht um Förderrechte für Öl und Gas, um Wind- und Sonnenenergie. Um Libyens Ressourcen ausbeuten zu dürfen, geben sich die ausländischen Energiekonzerne in Gadhafis Reich die Klinke in die Hand. Erst Ende Januar bestätigte zum Beispiel die deutsche RWE Dea, man habe Lizenzen zur Gasexploration auf einer Fläche von mehr als 10.000 Quadratkilometern auf der Hochebene von Cyrenaica erworben, östlich der Hafenstadt Benghazi. Wenige Tage später, am 4. Februar, gab der britische Ölriese BP bekannt, ebenfalls ein Abkommen zur Erschließung von Erdgas mit Libyens Regierung abgeschlossen zu haben. Allein für das Recht, mögliche Gasquellen auf einer Fläche von 55.000 Quadratkilometern zu erforschen - das entspricht etwa der Größe Kroatiens -, zahlt BP die Summe von 600 Millionen Euro.

Damit kehrt der Ölmulti, dessen Besitztümer im Jahr 1974 von Gadhafi komplett verstaatlicht worden waren, nach Libyen zurück. Der Wert des neuen Vertrags deutet darauf hin, dass der Konzern diesmal nicht damit rechnet, so bald wieder ausgewiesen zu werden.

Um mit Libyen ins Geschäft zu kommen, akzeptieren die ausländischen Energiefirmen harte Bedingungen. BP etwa zahlte knapp 250 Millionen Euro alleine an Provision. Zudem wird der Konzern fast 80 Prozent seiner künftigen Produktionserlöse an die staatliche libysche Ölgesellschaft NOC abtreten müssen. Sie kontrolliert das Geschäft mit den fossilen Ressourcen des Landes. Überhaupt darf keine ausländische Firma in Libyen ohne einheimisches Partnerunternehmen aktiv werden. Meist schreiben die Vereinbarungen die Zusammenarbeit gleich über einen Zeitraum von 25 oder 30 Jahren fest. Doch falls die Explorationen die hochfliegenden Erwartungen erfüllen, winken den Konzernen trotz alledem gute Geschäfte.

Auch energiepolitisch ist das Land von großer Bedeutung: Libyen könnte, falls sich die Hoffnungen der Europäer erfüllen, zu einem wichtigen Erdgaslieferanten für den ganzen Kontinent werden. Dann wäre Europa nicht mehr ganz so abhängig von Russland. Interessant sind auch die Bedingungen, die das Land der alternativen Energiegewinnung bietet. Fast das ganze Jahr über scheint die Sonne, zudem bietet der vielerorts besonders harte und ebenerdige Wüstensand einen idealen Untergrund für großflächige Solarparks. Zudem sei Libyens 1700 Kilometer lange Küste ideal für die Erzeugung von Windkraft, glaubt beispielsweise die deutsche Windenergiefirma CUBE. Am Standort Dernah an der libyschen Ostküste möchte das Kasseler Unternehmen Strom zum Preis von dreieinhalb Cent je Kilowattstunde erzeugen. In Deutschland kosten vergleichbare Windkraftanlagen mehr als doppelt so viel.

Bislang ist das alles aber noch Zukunftsmusik. Auch für die Versorgung Europas mit Gas spielt Libyen derzeit eine eher untergeordnete Rolle. Zwar werden seit 2004 durch eine Gaspipeline zwischen Sizilien und der libyschen Stadt Mellitah jährlich acht Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Italien gepumpt. Doch das ist noch nicht einmal ein Zehntel dessen, was alleine Deutschland im Jahr verbraucht.

Dennoch sind Libyen und seine Nachbarstaaten aus Sicht der EU schon heute eine ernst zu nehmende Alternative für die Förderung von Öl, Gas und erneuerbaren Energien. Algerien etwa deckt gegenwärtig 13 Prozent von Europas Gasverbrauch, Libyen ist Deutschlands drittgrößter Öllieferant. In etwa 12 Jahren werde ebenso viel Öl aus dem Maghreb nach Europa fließen wie aus Russland, schätzt der EU-Energiekommissar Andris Piebalgs.