Europa Mach’s noch einmal, Oscar!

Europas Kultur ist außer Gefahr – dank Hollywood und Christie‘s. Und die Europäische Union wäre gut beraten, solche Erfolge aufzugreifen und nachzufeiern

Ziemlich viel Regen für das sonnige Kalifornien in der diesjährigen Oscar-Nacht. Die Sonne schien eigentlich nur über Europa . Bester Hauptdarsteller – der Brite Daniel Day-Lewis. Beste Hauptdarstellerin – die Französin Marion Cotillard (hinreißend in ihrer tränennahen Surprise). Bester Nebendarsteller – der Spanier Javier Bardem. Beste Nebendarstellerin – die Schottin Tilda Swinton. Bester nicht-englischsprachiger Film – vom Österreicher Stefan Ruzowitzky (vergangenes Jahr ging der Preis übrigens an einen Deutschen, schon vergessen?). Beste Filmmusik – für Abbitte , die Romanvorlage des Streifens lieferte der Brite Ian McEwan. Der beste Animationsfilm? Ratatouille . Zugegeben, von Disney, aber ohne Paris und seine Haute Cuisine nur ein leergefutterter Teller.

Rekordpreise melden Christie’s, Sotheby’s & Co. schon seit Jahren für die Werke von Gerhard Richter, Anselm Kiefer, Lucian Freud e tutti quanti. Die Welt ist also im Bilde: Europas Kreative lassen kaum Wünsche offen. Amerikanisierung? Alberne Frage.

Anzeige

Was ist schon, sagen wir, ein Dan Brown, verglichen mit Joanne K. Rowling? Wobei ja auch Brown seinen Da Vinci Code (auf Deutsch Ein Sakrileg ) in Europa spielen lässt, mit dem Finale auf der britischen Insel, deren Public Schools die Kaffeehaus-Literatin Rowling in ihren Harry Potter -Romanen ein amüsantes Denkmal setzte.

Feingeister werden an dieser Stelle die Mundwinkel verziehen: Halt, halt, halt, das alles ist doch allenfalls populäre Kultur, ja schiere Kulturindustrie, wo bleibt da der Geist? Aber dieser sehr alte, sehr europäische, zumindest kontinentaleuropäische Streit um hohe und niedere Kultur soll hier nicht Thema sein.

Sondern die sehr europäische, bisweilen auch sehr britische Klage über den angeblichen Niedergang der kulturellen Schaffenskraft (so hieß das mal, bevor die Kreativen kamen) in unserer Alten Welt. Das donnernde Dementi kommt vom Rest der Welt, siehe oben.

Wer diesem Europa eine Seele geben will, der wird am ehesten hier fündig, in seiner quicklebendigen Kultur. „In Vielfalt geeint“ , so sollte das Motto im Verfassungsvertrag lauten. Es wurde auf britischen Wunsch getilgt, das kann nicht oft genug beklagt werden. Es klingt ein wenig wie das Motto der drei Musketiere, „Alle für einen, einer für alle“. Das fiel Alexandre Dumas 162 Jahre vor Jürgen Klinsmann ein.

Es beweist derzeit doch vor allem und vor aller Augen, dass dieses Europa sich in Brüsseler Kabalen und Arabesken nie und nimmer erschöpft. Im Gegenteil, die ansonsten eher steifleinene Europäische Union wäre ganz gut beraten, solche schöpferischen Energien und Erfolge ganz ungezwungen alsbald aufzugreifen und nachzufeiern – und zum Beispiel gleich kommende Woche alle europäischen Oscar-Preisträger kurzerhand einzuladen, damit endlich mal Begeisterung aufkommt.

Es muss ja nicht gleich der Sitzungssaal der Kommission sein (recht karg für jede Kamera). Der barocke Grand Place zu Brüssel, einer der schönsten der Welt, böte da eher die rechte Kulisse. Als musikalische Untermalung empfehlen wir: Willkommen, bienvenue, welcome , der Song aus Cabaret . Acht Oscars. Schauplatz? Berlin.

Joachim Fritz-Vannahme, langjähriger ZEIT-Autor, leitet heute die Europa-Projekte der Bertelsmann Stiftung.

 
Leser-Kommentare
  1. endlich ist Europa auf das Niveau der Vereinigten Staaten herabgesunken, das ist es. Jetzt sind wird alle in unserer Dummheit verbrüdert. Wahrscheinlich denken die Amis jetzt, dass die Europäer endlich ihre Überheblichkeit abgelegt haben...Wenn ich mal so verallgemeinern darf...der Autor dieses Artikels tut es doch auch...Da haben in den USA ein paar europäische Schauspieler Preise gewonnen und jetzt sollen sie in Europa einen großen Empfang bekommen. Das ist doch ein schlechter Scherz oder? Sind das die neuen Helden? Geehrt vom großen Vater USA... Und wir sollen denen in den Po kriechen, mit der Ehrung der Geehrten...Ich höre lieber auf, sonst wird es noch beleidigend für diesen Fritz...

  2. Es zeugt schon von einem bemerkenswerten Maß an Kleingeistigkeit, wenn man die Tatsache, dass einige tolle europäische Künstler den wichtigsten Preis der Filmbranche gewonnen haben, dazu nutzt zu einem Rundumschlag gegen die bösen USA in ihrer Gesamtheit auszuholen. Ob dem Oscar zu Recht eine so hohe Bedeutung zugemessen wird ist eine andere Frage, über die man mit vernünftigen Argumenten herzlich streiten kann. Aber nein, Sie verlegen sich da lieber auf Verallgemeinerungen und Klischees vom dumpfen, stumpfsinnigen Amerikaner. Lange nicht mehr einen so albernen Kommentar gelesen.

  3. Pappenheimer, es geht dem Fritz darum, dass die EU die Erfolge "nachfeiert"... Ob dem Oscar zu Recht eine so hohe Bedeutung zugemessen wird, darüber lässt sich nicht streiten und schon gar nicht herzlich. Eine solche Zelebration der Oberflächlichkeit wird sich kaum ein zweites Mal auf der Welt finden lassen.Dieser Vorschlag zum Nachfeiern im großen Kreise der EU-Grosskotze bringt mich zum Erbrechen. Und haben wir denn nicht auch unsere Preise in Europa? Was ist mit Cannes, Venedig, Berlin? Was interessieren uns die Oscars?Falls die EU Gutes tun will, dann sollte sie mehr unsere unabhängigen Filmemacher finanzieren. Aber nein, alles was die interessiert, ist dass ihre Fressen mit im Bild sind...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service