Psychopharmaka Wider die Glückspille!

Forscher wollen dem Prozac-Wahnsinn ein Ende bereiten: Mit einer umfassenden Analyse zeigen sie erneut, dass die beliebtesten aller Antidepressiva gar nicht wirken

Es gibt Dinge, die erfreuen sich fast schon allgemeiner Bekanntheit, aber wahrhaben will sie offenbar trotzdem keiner. In der Nervenmedizin zum Beispiel tobt seit Jahren ein erbitterter Diskurs über eine Medikamentengruppe, die modern, ausgesprochen umsatzstark und vermutlich nahezu wirkungslos ist: Die sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI. Die Wirkstoffe dieser Antidepressiva sollen dafür sorgen, dass der Botenstoff Serotonin im Gehirn möglichst lange Wirkung entfaltet - und somit die Depression lindert.

Seit die Mittel auf dem Markt sind, wachsen allerdings nicht nur die Verkaufszahlen, sondern auch die Zweifel daran, dass die Pillen tatsächlich irgendetwas herbeiführen - außer Nebenwirkungen. Und wie auch die aktuelle Ausgabe des ZEIT Wissen Magazins ausführlich beschreibt , bestehen seit jeher sogar erhebliche Zweifel daran, dass der anvisierte Botenstoff Serotonin überhaupt verantwortlich ist für die Entstehung von Depressionen. Was die Ärzte - und vor allem die amerikanischen Mediziner - nicht daran hindert, diese Medikamente weiterhin fleißig zu verschreiben.

Anzeige

In der US-Presse allerdings dominiert derzeit die Empörung. Bereits im Januar hatte das New England Journal of Medicine eine Analyse auf der Datengrundlage von mehr als 12.000 Patienten veröffentlich. Das vernichtende Ergebnis: SSRI sind kaum wirksamer als Scheinmedikamente. Und nun publiziert auch noch der britische Wissenschaftler Irving Kirsch von der Universität in Hull am Dienstag eine neue Meta-Analyse im Forschungsjournal PLoS : 47 Zulassungsstudien für verschiedene SSRI hat er untersucht, darunter - und das ist bemerkenswert - auch bislang unveröffentlichte Papiere aus den Schubladen der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA. Das Resultat der Analyse: Die Wirkung aller SSRI übersteigt die eines Scheinmedikaments bei leichten Depressionen nicht. Selbst in schweren Fällen von Depression ist der Effekt nur äußerst schwach.

Die größten Hersteller von SSRI - Eli Lilly, GlaxoSmithKline, Wyeth und Pfizer - stehen damit nach vier Jahren erneut unter großem Druck. Bereits 2004 wurden zuvor unveröffentlichte Daten publik, die keine messbare Wirksamkeit belegten, dafür aber einen Zusammenhang zwischen dem modernen, angeblich nebenwirkungsarmen Paxil-Wirkstoff Paroxetin und einem erhöhten Selbstmordrisiko bei Kindern und Jugendlichen. Auch damals war die Empörung groß, die Maßnahmen allerdings fielen eher bescheiden aus: Die Hersteller wurden dazu verdonnert, Warnhinweise auf den Medikamentenpackungen anzubringen. Der gefürchtete Umsatzeinbruch für die Wirkstoffgruppe blieb aus, denn wie Psychologen jüngst in den Archives of General Psychiatry feststellten, haben die Warnungen zwar zu mehr Vorsicht, aber nicht zum Verzicht auf die beliebten Glückspillen geführt.

Ob sich nun, angesichts der neuen Studien etwas Grundlegendes ändert? Wohl kaum, denn Antidepressiva stillen offenbar ein unbändiges Bedürfnis nach Hilfe. Allein der Wirkstoff Fluoxetin (bekannt als Prozac oder Fluctin) wurde bereits von 45 Millionen Menschen weltweit eingenommen. Die Nebenwirkungen reichen von Übelkeit über Durchfall bis hin zu sexuellen Funktionsstörungen – aber die Leute schlucken das Zeug. Und nicht nur in den USA, wo Prozac am häufigsten verordnet wird und fünf Prozent aller Verschreibungen Kinder betreffen, nimmt die Einnahme von Antidepressiva unaufhaltsam zu: Auch in Deutschland erreichte die Zahl verschriebener Tagesdosen laut Arzneimittelreport allein für Fluoxetin die Marke von einer halben Million, Tendenz steigend.

Zu diesen Ziffern trägt auch bei, dass Antidepressiva in Deutschland nicht vom Spezialisten, sondern auch vom Hausarzt verordnet werden können – deren Fachkenntnis bisweilen nicht dazu ausreichen mag, eine Depression von einer schwierigen Lebensphase zu unterscheiden. Zeit aber ist Geld in einer Arztpraxis, und wer der betrogenen Ehefrau oder dem einsamen Single nicht mehr das Ohr leihen kann, kann immer noch schnell ein Rezept ausstellen. Tatsächlich geht mittlerweile nur noch ein Drittel aller Verschreibungen auf das Konto echter Nervenärzte. Die allerdings beteuern hartnäckig, dass sie die modernen Antidepressiva als Behandlungsoption brauchen.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 27.02.2008 um 19:14 Uhr

    einmal eine positive Nachricht - Glückspillen wirkungslos...wer möchte sich auch schon auf  Dauer von Pillen beglücken lassen...die Dummheit und das Vergessen im Kopf ist käuflich - hoffentlich geht auch diese Nebenwirkung abhanden - es geht nichts über erlerntes Handwerk was sich Leben nennt

  1. Die Ärzte machen sich gegenseitig kaputt, d.h. der eine macht dem anderen seinen Placebo kaputt. Wir bräuchten weder Prozac noch andere Drogen, wenn die Erziehung von Kindheit an auf die Integration des Lebens gerichtet wäre.Für manche ist sogar der liebe Gott ein Placebo - für andere ist ER (oder SIE) eine lebendige Realität. (Letzteres findet man aber wohl nur noch in Indien.)

    • jojo08
    • 27.02.2008 um 23:35 Uhr

    Die Bezeichnung "Glückspillen" finde ich doch etwas unangemessen: es handelt sich bei Depressionen bzw. bei depressiven Erkankungen generell um eine ernstzunehmende Krankheit, bei der auch genetische und neurobiologische Ursachen eine Rolle spielen.Natürlich haben sich die Zustände insbesondere in den USA, aber auch bei uns, enorm gewandelt. Psychopharmaka werden oft sehr schnell verordnet. Trotzdem ist es ein Schlag ins Gesicht jedes ernsthaft erkrankten depressiven Patienten, Antidepressiva (und das sind nicht nur SSRI wie Prozac) als "Glükspillen" zu bezeichnen.

    • Medley
    • 28.02.2008 um 0:46 Uhr

    null Ahnung von der Materie. Antibiotika sind ja schließlich auch keine "Immunpillen", die einen für Ereger unangreifbar wie Siegfried den Drachentöter machen.
    Alles Laiengequatsche und dumme, populistische Pseudopharmaindustriekritik.
    Zuallererstmal:. Antidepressiva, sowohl als die "alten" trizyklischen, als auch genauso die "modernen" Serotonienwiederaufnahmehemmer und die Noadrenalienwiederaufnahmehemmer wirken fast gleichartig auf die Hirnchemie, nur dass die moderneren SSRI's, ausgehend von der Entwicklung von Prosac, ERHEBLICH weniger Nebenwirkungen haben, wie die triziyklischen Antidepressivas, da sie viel GEZIELTER wirken. DAS war und ist überhaupt DER!!! einzigste Grund, warum diese Medikamente wie Prozac überhaupt so populär wurden: Nämlich ihre relative VERTRÄGLICHKEIT!!! Statt wie früher mit großkalibrigen Kanonen auf die Patienten zu schießen, ziehlt man jetzt mit kleinkalibrigen Damenrevolvern auf sie. Das ist zwar auch recht unangenehm, aber doch allemal besser als mit den zuvor verordneten Medikamenten . Ich kann dies hier mit Fug und Recht behaupten, denn ich habe selbst diese Pschopharmakas einnehmen müssen und weiß daher wovon ich rede!!! 
    Zuallererst mal für alle Hobbypsychiater: Andidepressivas sin KEINE Drogen, die wie Heroin, Kokain, Cannabis, oder diverse Technoszenen-Pillen, normal empfindende Menschen "glücklich" oder gar "high" machen. Wer als nicht krankhaft depressiver "Normalo" irgendwelche Antidepressivas schluckt, wird nichts, aber auch GARNICHTS an emotionalen Veränderungen verspüren, da AD's den Körper EBEN NICHT zusätzliches an Neurotransmittern zuführen, wie das die klassischen Drogen tun. Das einzige was sie verursachen, ist, die Botenstoffe im Gehirn, die schon vom Körper gebildet wurden, länger aufrecht zu erhalten, damit sie eine normale Signalübertragung im synaptischen Spalt gewährleisten können. Bei Depressiven ist das nämlich so, dass diese Botenstoffe von ihren Containerzellen im synaptischen Spalt eben zu schnell wieder aufgenommen werden und so keine oder nur zu schwache elektrische Signale von einem Neuron zum einem anderen Neuron im Gehirn weitergeben können: Die Ergebnisse dieser Fehlfunktion sind dann eben Depressionen, Ängste, Zwangshandlungen und sonstige psychische Störungen.
    Also: Antidepressivas können "normal" empfindene Menschen nicht glücklich machen, sondern nur "unnormal" empfindene, pyschisch kranke Menschen wieder normal fühlend. MEHR nicht!!! Die Ereichung des Zustandes der "Normalität" ist daher das Maximum an Wirkung. Mehr geht eben nicht. Würden Prozac und Co. denn tatsächlich "glücklich" machen können, so würden diese Pharmakas nämlich schon lange auf dem Drogenschwarzmarkt lukrativ verschoben werden. So ist es aber beileibe nicht. Kein Drogendealer bietet SSRI's in seinem Sortiment an, weil sie bei seinen mutmaßlich nicht depressiven Kunden eben nicht wirken....es sein denn sie wären schwermütig. Aber dann könnten die/seine Käufer an das Medikament auch über den Facharzt rankommen, wenn sie denn wirklich krank wären.
    Im Übrigen ist Prozac die Schellackplatte unter den SSRI's. Mitterweile gibt es schon viel besser verträgliche und wirksamere Medikamente dieser Typenklasse. Die Artikelschreiberin Frau Kathrin Zinkant glaubt vermutlich wohl auch noch, dass die Beatles topaktuelle Gicks sind, so wie sie der Zeit hinterherhinkt.
     
    ---
     
    ---

  2. Man wird es besser kaum auf den Punkt bringen können.
    Das ein solch unausgegorener Artikel vielleicht zu einer massiven Verunsicherung sowieso schon sehr unsicherer Menschen führt, tut ein übriges. Shame on you, Frau Zinkant.

  3. Die Entdeckung der Wirkung von Serotonin war sicher ein nur Marksteinchen im Verständnis von psychischen Vorgängen, mehr aber nicht.Wer diese Vorgänge schon ganz genau kennt, ist eher als gefährlich einzustufen. Auf diesem Gebiet befindet sich die "Psychomedizin" ganz sicher noch ganz am Anfang. Erfolge mit gelungenen Therapien, sowie Misserfolge könnten herbeigeschafft werden, um dies und das beweisen zu können. So erfordert die medikamentöse Therapie von psychischen Problemen ein größtes Maß an Vorsicht und Einfühlungsvermögen, auch die unbedachte Anwendung von gängigen Medikamenten ist  ein Risiko, ganz besonders, wenn ohnehin mehrere Medikamente bei einem Patienten im Einsatz sind, wer kann schon die einsetzenden Wirkungen genau überschauen!  Medikation ohne intensive Zuwendung zum Patienten dient lediglich der sogenannten "Medizinwirtschaft"; aber wer hat schon genügend Zeit dies zu bedenken, oder gar zu praktizieren?

    • Häsin
    • 28.02.2008 um 12:40 Uhr

    Wieder einmal, nach der jüngsten Ausgabe der ZEIT WISSEN, liefert uns die ZEIT einen höchst populistischen und reisserischen Artikel zum Thema Depression. Schade, dass auch hier wieder unsauber recherchiert wurde, schade, dass auch hier wieder mit einer Headline aufgemacht wird, die der BILD entstammen könnte.
    Die Autorin Frau ZInkat behauptet allen Ernstes und journalistischer Sorgfalt zum Trotz:

    "Mit einer umfassenden Analyse zeigen sie erneut, dass die beliebtesten aller Antidepressiva gar nicht wirken".

    Beste Frau Zinkat: studieren Sie bitte die Studienergebnisse genau, dort ist eine solche Behauptung nicht vorzufinden. Genaugenommen könnte man Sie verklagen, denn der wissenschaftliche Beweis, dass "die beliebtesten AD gar nicht wirken" existiert nur in Ihrer Fantasie.

    Ich kann mich nur wundern, welche Richtung die ZEIT bei diesem Thema einschlägt...
    und frage mich, wann mal jemand, dessen Stimme mehr Gewicht hat, diese Art einseitiger Berichterstattung in großem Stil kritisiert. Gäbe es eine Depressions-Liga, kämen Sie mit diesem Artikel nicht davon.

    Gute Besserung!
    Die Häsin
    (selbst von einer Depression geheilt durch das "beliebte" AD Sertralin und noch immer mit einem Vater gesegnet, der nach 2 Suizidversuchen ein AD bekam und sich heute bester Gesundheit erfreut).

  4. nur anschließen - derart unfundierte Aussagen erwartet man sonst nur von einer verdächtigen Organisation mit transparentem Glas-Hauptquartier in Berlin, die Psychater seit längerem als "unerwünschte anti-soziale Elemente" diffamiert. Aber nicht von einem seriösen Blatt wie der ZEIT...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service