Nordsee Sylt für Anfänger

Zum ersten Mal auf Sylt? Hoffentlich merkt das keiner. Denn irgendwie scheint niemand zum ersten Mal hier zu sein. Ein Erfahrungsbericht

Beim nächsten Mal esse ich auch eine Currywurst. Ich wollte es nur deshalb nicht, weil ich mich auf Nordseekrabben und Fischsuppe gefreut habe, die ich, wie ich dachte, abends am Meer noch bekommen würde. Nur deshalb habe ich nicht wie alle anderen im Bahnhofsimbiss in Niebüll noch schnell eine Currywurst bestellt, kurz bevor der Autozug nach Westerland losgefahren ist. Was ich nicht wusste: Die Wurstesser waren Profis mit viel Sylterfahrung. Die Familie mit den zwei zauberhaften, blonden Mädchen, die beiden Männer in ihren späten Dreißigern, die jeweils mit einer Hand ihre Blackberries bearbeitet und mit der anderen Pommes gepickt haben, die elegante Dame mit dem grauen Windhund - alles Leute, die es besser wussten als ich: Man kriegt nämlich weder Fischsuppe noch Nordseekrabben auf Sylt so spät an einem Freitagabend. Zumindest nicht im Februar. Die meisten Lokale haben geschlossen. Eins ist noch geöffnet, aber der Koch ist leider gerade weg. Der wollte heute mal den früheren Zug nach Hause nehmen, war eh nichts los, es ist ja Nebensaison.

Die Currywurst macht den Unterschied. Den Unterschied zwischen Hunger und Nicht-Hunger, zwischen Tourist und Nicht-Tourist, zwischen Könner und Anfänger. Gerade im Winter, wenn keine Strandkörbe am FKK-Strand bei der „Bühne 16“ aufgestellt sind, wenn keine Surfer am „Brandenburger Line Up“ bei Westerland auf den Wellen reiten und keine Cabrios vor der „Sansibar“, Sylts berühmtester Strandbar, parken, dann gehört die Insel den Alt-Syltern. Unter den Einwohnern von Braderup geht das Sprichwort: „Im Sommer kommen die Neureichen, im Herbst die Steinreichen.“ Und die bleiben bis zum Frühling.

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Man kennt sich, man versteht sich. Man gehört einfach dazu – oder nicht. Ich gehöre nicht dazu. Denn ich bin zum ersten Mal auf Sylt. Im Sommer wäre es vielleicht nicht aufgefallen, aber jetzt, zu dieser Jahreszeit, tut es das schon, und es fühlt sich irgendwie komisch an. Ein bisschen so, als wäre ich in die Feier einer geschlossenen Gesellschaft geraten. Es ist eigentlich eine tolle Party, und ich will nicht gleich wieder still und heimlich verschwinden. Deshalb versuche ich, mich selbstverständlich zu bewegen – bloß nicht auffallen!

Um Gottes willen nicht als Neuling enttarnt werden zu wollen macht sehr hungrig: Am nächsten Tag suche ich „Fisch Gosch“ in List. Sie wissen schon, Fisch Gosch. Nördlichste Fischbude Deutschlands. Ich wundere mich ein bisschen über mich selbst, wie locker mir das „Hey, lass uns zu Fisch Gosch in List fahren“ über die Lippen kommt, so, als wäre ich schon 100 Mal dort gewesen, um an einem Samstagnachmittag frittierte Scampi zu essen.

Überhaupt ist das so eine Sache mit diesen ganzen sagenhaften und berühmten Lokalitäten auf Sylt: Man kennt sie ja. Irgendwie. So vom Hörensagen. Aus Erzählungen. Die Namen sind so geläufig, man meint fast, selbst schon da gewesen zu sein. Das Odin in Kampen, die Kupferkanne, das Pony – auch der Sylt-Debütant kann ganz nonchalant über diese Plätze reden, als wären es seine Stammkneipen.

Allerdings gibt es da ein Problem: Ich weiß nicht, wo dieser Fisch Gosch bitteschön genau ist. Ich kurve also orientierungslos durch List. Einmal, zweimal. Der Fisch-Gosch-Imbiss ist nicht da. Nur ein Fisch-Gosch-Restaurant, aber das ist – natürlich – geschlossen.

Leser-Kommentare
  1. Fürs nächste Mal.Wer Sylt in der richtigen Hochsaison erleben möchte, sollte über Sylvester kommen. Dann gibt es (fast) keine Sommertouristen und nouveau riche...Alles hat geöffnet, ist viel stilvoller und wesentlich entspannter. Und neben den genannten Destinationen sollte man unbedingt das immer noch geschmückte Morsum erleben, dort in kleinen freundlichen Läden ein wenig reduziert shoppen und die besondere Gastlichkeit, z.B. im Saloon 1900, erleben. Und wer abends auf die Piste möchte kommt ferner auch im Cliff auf seine Kosten..Und das mit den Anfängern und Profis nicht so ernst nehmen, denn viele selbsternannte "Profis" kommen aus Düsseldorf oder dem Rheinland und benehmen sich auch so! Hanseatische Zurückhaltung kommt in Friesland einfach besser und stilvoller...Viel Spaß!       

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