Kunst
Trauma in Öl
Im Vietnamkrieg wurde Agent Orange versprüht, um Regenwälder zu entlauben. Der in Deutschland lebende Vietnamese Xuan Huy Nguyen malt die Menschen, die noch heute darunter leiden
Die Flugzeuge kamen ohne Bomben. Nur einen feinen Nebel ließen sie zurück. Ein Nebel, der die Bäume in Pfähle ohne Blätter verwandelte. Ein Nebel, der Agent Orange heißt, weil die Fässer, in denen das Gift von den USA zwischen 1961 und 1975 nach Vietnam geliefert wurden, orange Streifen zierten. Was sich damals im Innern der Metallzylinder verbarg, ist nicht so harmlos, wie die bunte Farbe an der Außenwand vermuten lässt. Die Schäden, die das Dioxin anrichtete, sind heute noch sichtbar. Nicht an den Bäumen, sondern an den Menschen, die geboren werden.
Kahle Bäume ragen in Nordhausen in den Himmel. Hier war es die Kälte, die flächendeckend für den Verlust der Blätter sorgte. Und doch gibt es zwischen der kleinen Stadt im nördlichsten Zipfel Thüringens und dem Gift Agent Orange eine Verbindung: Xuan Huy Nguyen malt in der Thüringer Provinz im kalten Keller einer Gründerzeit-Villa genau 40 Jahre nach der Tet-Offensive, die als Wendepunkt des Vietnamkriegs gilt, die Folgen des Umweltskandals. Er malt ein paar der mehr als vier Millionen Menschen, deren Erbgut durch Dioxin verändert wurde. Auch heute noch kommen Krüppel auf die Welt. Ohne Arme, ohne Beine und meist auch ohne Verstand.
„Es ist krass, mir vorzustellen, dass ich nicht so geboren wurde“, sagt Xuan Huy Nguyen. Weil es jeden treffen kann in Vietnam, weil viele Menschen verändertes Erbgut in sich tragen. Und „weil es zu meiner Identität als Vietnamese gehört“, deshalb bevölkern Behinderte seine Bilder.
Bis 1994 lebt Xuan Huy Nguyen in Vietnam, macht Abitur und beginnt ein Architekturstudium in Hanoi. Wenn er Lust hat, malt er. So, wie es ihm sein Vater beigebracht hat. Realistisch. Die Mutter, einst als Gastarbeiterin in die DDR gekommen, lädt ihren Sohn nach Deutschland ein, weil das Studium hier besser sei. „Sechs Monate musste ich in Vietnam auf ein Visum warten“, erinnert sich der junge Mann. Sechs Monate, in denen er „malt und malt und malt“ und dabei erkennt, dass er in Deutschland nicht Architektur, sondern Malerei studieren wird.
2005 reist der Kunststudent der Hallenser Burg Giebichenstein mit Fotoapparat und einem Stipendium in der Tasche durch ganz Vietnam. Er ist auf der Suche nach den Opfern, nach missgebildeten Kindern. Den Krieg kennt der 31-Jährige nur von Propagandasprüchen und aus den Erzählungen seines Vaters. Der kämpfte selbst in Agent-Orange-Gebieten. Sein Sohn will nun mit der Kamera festhalten, was dieser Krieg heute noch anrichtet. Irgendwann im Studium war er im Internet auf die Fotos gestoßen, die verkrüppelte Menschen zeigten. Nun will er es selbst sehen.
Wieder zurück in Deutschland malt er das, was er fotografieren konnte. Erst mit Dschungel-Hintergrund: Eine Frau mit zwei Rümpfen hockt auf einem Baum, ein kleiner Junge, der keine Beine hat, macht einen Kopfstand im Bambusdickicht. Dann integriert er die Opfer in die Serie Blackout (2006/2007), in die er neben verkrüppelten Kindern auch die braune Giftgaswolke malt, die sich über einem Tal ausbreitet. Er zeigt den Blick aus einem Flugzeug-Cockpit und den Angriff danach. Oder er zeichnet eine Frau, die aus einem der überall im Krieg gebauten kleinen Schutzbunkern schaut. Zwischen all den Kriegsbildern hängen schwarze Leinwände, die „Blackouts“, die der Krieg hinterlässt.
- Datum 5.3.2008 - 03:14 Uhr
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