Beppe Grillo Die Stimme der Wütenden

Italiens Volksheld und Politaktivist Beppe Grillo auf Besuch in Köln: Der Komiker schimpft über die politische Klasse seines Heimatlandes - ein unvergleichliches Spektakel.

An diesem Abend ist in Köln ein Phänomen zu besichtigen, und knapp 1000 Menschen sind gekommen, um es zu bestaunen - und vielleicht auch, um es ein bisschen besser zu verstehen. Dieses Phänomen heißt Beppe Grillo, zugleich Kabarettist, Ex-TV-Star, Politaktivist, Blogger, Provokateur. Der Mann dort oben auf der Bühne des Tanzbrunnen-Theaters ist derjenige, der mit dem "Vaffanculo-Day" ("Leck mich am Arsch-Tag") Hunderttausende Italiener auf die Straße brachte, um gegen die politische Klasse in Italien zu demonstrieren; der Mann, der in der ZEIT forderte: "Deutsche, erobert uns! Nehmt uns unsere Politiker ab!" Der Mann, der mit seinem Blog www.beppegrillo.it die mit Abstand meistbesuchte Website Italiens betreibt. Der Mann, den jeder zweite Italiener zum Ministerpräsidenten wählen würde. Der Komiker Beppe Grillo ist der Führer der außerparlamentarischen Opposition in Italien.

Keine Minute braucht der 59-jährige Grillo, um das Publikum für sich zu gewinnen. Er erzählt einfach vom schwungvollen Müllhandel in Europa, vom neapolitanischen Abfall, "der jetzt bei euch hier nebenan in Düsseldorf vor sich hin stinkt". Er ruft: "Das ist doch wie bei Kindern in der analen Phase! Wir spielen mit unserer Kacke, schieben sie hin und her! Findet ihr das etwa normal?" Das Publikum johlt.

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Viele Italiener sind darunter, schätzungsweise jeder Zweite versteht die Tiraden Grillos ohne Übersetzung - und ist damit in den folgenden anderthalb Stunden klar im Vorteil. Denn Grillo redet so schnell, so assoziativ und mit so viel Furor, dass die beiden Simultanübersetzerinnen immer wieder Mühe haben, ihm zu folgen. Er springt innerhalb von einer Minute vom italienischen Ex-Staatschef Bettino Craxi über Sigmund Freud zur Mozzarella-Produktion, um schließlich bei der Atomkraft zu enden.

Dabei sind seine Geschichten oftmals gar nicht neu. Anfangs dreht sich das Gespräch vor allem um die absurden Blüten der Globalisierung. Zum Beispiel um belgische Mastschweine, die für ein paar Wochen nach Parma gekarrt werden, nur damit ihr Fleisch später zu Luxus-Preisen als Parma-Schinken verkauft werden kann. Oder um westfälische Kartoffeln, die auf Sizilien geschält werden, bevor sie wieder in westfälischen Supermarktregalen landen. Doch Beppe Grillo spricht davon mit geradezu kindlicher Verzückung und Empörung, dass auch den Abgeklärtesten die ganze Absurdität solcher Vorgänge erneut deutlich wird.

So stolz die Veranstalter darauf sein können, den italienischen Star nach Deutschland geholt zu haben, so spektakulär angestrengt ist der Titel dieses Spektakels. "Was ist heute links?", heißt der Abend offiziell und verweist so eher in Richtung eines politikwissenschaftlichen Programmdiskurses. Doch Grillo macht dem ein Strich durch die Rechnung: "Links und rechts, das sind Worte, die sind doch total unwichtig", sagt er immer wieder. So sei das zumindest in Italien. "Oben und unten, damit kann ich schon mehr anfangen", stellt er klar. Oben, das seien die Bösen, unten das seien die Guten. So einfach ist das bei Grillo - und gleichzeitig so verkürzt, denn das "Warum" dieser Zustände erklärt er nicht.

Darin gleicht er dem US-amerikanischen Polit-Filmer Michael Moore, Grillos Bruder im Geiste, wenn es um populistische Aufklärung geht. Doch im Gegensatz zu Moore speist sich Grillos Satire nicht aus einem heiligen Zorn, sondern aus der Komik. Damit hat er es geschafft, sich zur Stimme der italienischen Politikverachtung zu machen.

Offen und äußerst provokativ spricht der Südländer immer wieder all die unglaublichen Verfehlungen der italienischen Politik in den letzten Jahrzehnten an. Seine Beliebtheit ist dabei ein Symbol für die massive Entfremdung zwischen der politischen Klasse und der breiten Bevölkerung. Er selber sagt dazu: "Wenn die Italiener mehr Vertrauen zu mir haben als zu den großen Parteibossen, dann wird mir wirklich Angst um Italien, Himmelangst!"

Natürlich macht es die italienische Politik dem Kabarettisten Grillo auch sehr leicht. Die Vorlagen sind einfach zu gut. So etwa wie diejenigen des Spitzenkandidaten der Linken, Walter Veltroni: Dieser saß eines Tages ratlos vor seinem neuen Notebook und schaffte es nicht, das Gerät aufzuklappen. Da soll er gesagt haben: "Gibt es das nicht auch ohne Deckel?"

Da ihm das politische Rechts oder Links herzlich egal ist, macht Grillo bei der Schärfe seiner Tiraden keinen Unterschied zwischen einzelnen Parteien, zwischen Berlusconi, den er durchgehend "diesen Psycho-Zwerg" nennt, und seinen Gegenspielern. "Egal wen wir wählen, die machen doch eh alle das Gleiche", sagt er. Ihm geht es schlichtweg um eine Generalabrechnung mit der gesamten politischen Klasse.

Damit hat er sicherlich den Nerv der italienischen Politikverdrossenheit getroffen - und die Elite seines Landes erzürnt. Seit 15 Jahren darf Grillo nicht mehr im Fernsehen auftreten, seine letzte Show sahen unglaubliche 16 Millionen Menschen. Doch die Präsenz auf dem Bildschirm braucht er nicht, er füllt auch so die größten Arenen des Landes - sooft er will. Das allein ist ein Wunder in Italien, wo das Fernsehen so allgegenwärtig und dominant ist wie kaum in einem anderen Land.

Trotz der übersteigerten Verbalattacken, die das Publikum erfreuen, sollte nicht vergessen werden, dass es Grillo ernst meint, etwa mit seiner wichtigsten Forderung, dass verurteilten Politikern der erneute Zugang zum Parlament verwehrt wird. Gegenwärtig sitzen dort 24 letztinstanzlich Verurteilte, Betrüger, Mafiosi und Lügner. Dazu kommen noch eine ganze Reihe Abgeordnete, deren Verbrechen verjährt sind. "Alles in allem rund 100 Gauner", schimpft Grillo. Über eine Million Stimmen hat er inzwischen für eine Petition gesammelt, geändert hat sich an diesem Zustand jedoch bisher nichts.

Dabei wandelt der Komiker stets auf einem schmalen Grat. Einerseits verstärkt er viele Italiener in ihrer antipolitischen Haltung und fördert so die Verachtung für die politische Klasse, ohne eine echte Alternative aufzuzeigen. In dieses Bild passen auch jüngste Umfrageergebnisse, nach denen ein Drittel der Italiener ihren Staat mittlerweile so sehr verabscheut, dass ihnen sogar ein autoritäres Regime lieber wäre. Grillo macht es für die Politik nicht leichter, wieder auf die Füße zu kommen.

Andererseits jedoch ist seine Bewegung schon jetzt nicht nur Sammelbecken der Enttäuschten und Wütenden. Es ist auch die Basis für echtes gesellschaftliches Engagement, für Volksbegehren, Erfahrungsaustausch, lokalpolitische Initiativen und Projekte. Mit ihrer gemeinsam empfundenen Scham und Wut über die Führung ihres Landes haben die Grillo-Anhänger die einmalige Chance, in Italien etwas wirklich Neues aufzubauen: im Idealfall bürgerschaftliches Engagement jenseits des Parteiensystems.

Vielleicht war dies auch an diesem Abend in Köln zu spüren. Noch 40 Minuten nach der Veranstaltung jedenfalls wird Beppe Grillo wie ein Popstar von 100 Zuschauern umringt und bestürmt. Es sind vor allem seine italienischen Landsleute, die von ihm restlos begeistert sind. Für sie ist er die Stimme ihrer Wut. Die deutschen Gäste strömen unterdessen gemächlich aus dem Saal. Sie hatten einen unterhaltsamen Abend. "Lustig war es ja schon", sagt einer nachdenklich, "aber auch ein bisschen traurig."

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 04.03.2008 um 16:03 Uhr

    ihm möglichst rasch und vorbildlich unbürokratisch die deutsche staatsbürgerschaft geben.

  1. und wer aktiviert die Deutschen?
    Schließlich sind die Unterschiede zwischen Italien und Deutschland mittlerweile nicht mehr sooo gravierend, vor allem was den Abstand der Herrschenden zum Volk angeht.

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