Hedge-Fonds Exodus am Alexanderplatz
Investor Montgomery und die Berliner Zeitung: Langsam bestätigen sich die schlimmsten Befürchtungen. Macht das Modell Schule, ist der Qualitätsjournalismus in Gefahr
Als Josef Depenbrock an diesem Mittwoch vor die Redaktion trat, hatte er eine Anekdote parat. Der Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, habe ihn unlängst gefragt, ob er denn nun zurücktreten wolle, nachdem ihn die Redaktion dazu aufgefordert habe, erzählte der Chefredakteur der Berliner Zeitung der versammelten Belegschaft. Das habe er verneint. Denn zum Abgang, so Depenbrock, könne ihn derzeit nur einer bewegen: David Montgomery.
So sind die Verhältnisse bei der Berliner Zeitung derzeit, und man könnte sagen: Traurig für die Mitarbeiter, aber harmlos. Denn dass Eigentümer mitreden, wenn es um den Posten des Chefredakteurs einer Zeitung geht, ist nicht neu. Selbst dass dieser Eigentümer, der Brite Montgomery, den Verlag streng auf Rendite trimmen will, wäre für das Blatt bedauerlich, aber nicht unbedingt bedrohlich. Gefährlich ist es dennoch, was sich derzeit beim Berliner Verlag abspielt. Machen die Vorgänge dort Schule, ist der deutsche Qualitätsjournalismus in Gefahr.
Denn Montgomery plant mehr als man von einer „Heuschrecke“ erwarten dürfte. Er will nicht in das Unternehmen hineinspringen, die Rendite hochtreiben, das Blatt auspressen und sich dann wieder verabschieden. Er selbst stellte das in einem Interview im August vergangenen Jahres klar. „Ich bin ein langfristig orientierter Verleger, der nicht bei Zeitungen aus-, sondern einsteigen will.“ Will heißen: Montgomery will mit seiner Beteiligungsgesellschaft Mecom, der die Berliner Zeitung offiziell gehört, den Verlag nicht einfach kaputt sparen. Vielmehr will er ihn nach seinem Gusto neu ausrichten.
Dazu gehört, dass Chefredakteur Depenbrock, der im Mai 2006 Uwe Vorkötter ablöste, nicht nur der Redaktion vorsteht, sondern auch Geschäftsführer des Verlages ist. Eigentlich verbietet das Redaktionsstatut der Zeitung eine derartige Konstruktion. Doch Montgomery und Depenbrock setzen sich bislang darüber hinweg, denn Depenbrocks Doppelrolle hat ihren Grund.
Auch wenn Montgomery stets beteuert, den guten Journalismus in Deutschland hoch halten zu wollen, sind seine Pläne offenkundig andere. Um die Rendite zu steigern, will er den „Newsroom näher an das Anzeigengeschäft“ rücken. Was das heißt? Redaktionelle und werbliche Inhalte sollen sich ergänzen, im besten Fall gar korrespondieren. Dass kritischen Berichten bei einem solchen Plan noch viel Platz eingeräumt wird, darf man getrost bezweifeln. Mit freundlichen Artikeln lässt sich die Werbung eben besser verkaufen. Montgomery könnte so geschickt das Renomee nutzen, dass sich die Redaktion in den neunziger Jahren durch seriösen Journalismus erarbeitet hat. Ist das einmal verbraucht, ist die
Berliner Zeitung
nichts mehr wert.
Und nicht nur die: Macht das Beispiel Schule, verliert der Journalismus an Glaubwürdigkeit, und das wiederum schadet dem Geschäft der Verlage. Denn Unternehmen schalten Anzeigen in Zeitungen, weil sie hoffen, dass von deren Ruf auch etwas auf sie abfärbt. Kluge Verleger sollten deshalb strikt auf die Trennung von werblichen und redaktionellen Inhalten achten - anders als Montgomery es plant.
Jetzt schon leidet die Qualität der
Berliner Zeitung
. Fast im Monatsrhythmus verlassen derzeit Mitarbeiter das Redaktionsgebäude am Alexanderplatz. Erst ging der Chef der Meinungsseite, nun verlässt auch der leitende Redakteur Ewald B. Schulte die Redaktion. Viele der frei gewordenen Arbeitsplätze wurden nicht mehr neu besetzt. Vor rund zwei Wochen kam es zum Eklat, weil insgesamt vier Stellen mit dem Verweis auf Sparzwänge nicht neu ausgeschrieben werden sollten. Die Redaktion sprach ihrem Chefredakteur kurz darauf das Misstrauen aus und forderte in einem Brief seinen Rücktritt. Depenbrock antwortete, die Redakteure sollten lieber eine gute Zeitung machen, auf ihr Vertrauen könne er verzichten.
Die Leser aber offenkundig nicht auf guten Journalismus. Auch im vierten Quartal ging die Auflage der Zeitung um 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. Damit setzten sich die jahrelangen Auflagenverluste fort.
Der Widerstand in der Redaktion wächst. Bald will der Redaktionsausschuss die Trennung von Geschäftsführung und Chefredaktion mit einer Klage vor dem Arbeitsgericht durchsetzen. Chefredakteur Depenbrock zeigt sich bislang davon ungerührt. Offene Konfrontation gegen ihn bringe nichts. Auch was andere über ihn schrieben, ändere nichts an seinen Entscheidungen. Auch im Management scheint er Tabula Rasa zu machen: So entließ Depenbrock Holger Zöllner, der seit 2002 beim Berliner Kurier als geschäftsführender Redakteur arbeitete. Gerüchteweise soll bald auch der Personalchef des Verlags seinen Hut nehmen.
Ob die Strategie von Montgomery aufgehen wird, ist derweil mehr als fraglich. Bislang ist es ihm nicht gelungen, wie beabsichtigt einen Zeitungskonzern zu schmieden. Zwar kaufte er neben dem Berliner Verlag auch die
Netzeitung
und die
Hamburger Morgenpost
, bei der
Financial Times Deutschland
blitzte er aber offenbar genauso ab wie beim Bieterrennen um die
Süddeutsche Zeitung
. Auch für seine Gruppe Mecom stehen die Aktien derzeit nicht günstig: Die Papiere der Investorengruppe brachen Anfang des Jahres zeitweise um die Hälfte ein.
- Datum 29.02.2008 - 12:47 Uhr
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Es mag ein ganz subjektives Empfinden sein, aber wenn ich Qualitätsjournalismus lesen will, dann werfe ich einen Blick in die Asia Times oder den Herald Tribune. Deutsche Zeitungen bestehen doch zum größten Teil nur noch aus Für und Wider irgendwelcher provinzieller Beindlichkeiten sowie irgendwelcher Nazi-Klamotten in der Endlosschleife. Große Weltpolitik abseits vom bösen George und dem noch böseren Wladimir liest man kaum. Stattdessen darf der Herr Professor aus Princeton seine Allgemeinplätze in schöner Regelmäßigkeit vor einem gelangweilten und hasserfüllten Publikum ausbreiten. Chapeau!Ich glaube wenige werden dem deutschen Qualitätsjournalismus eine Träne hinterher weinen, denn dafür ist es schon mehr als ein Jahrzehnt zu spät.
Eine Erfahrung aus der Schweiz. Als ehemaliger Leser der Weltwoche konnte ich miterleben wie zuerst der Eigentümer wechselte, dann der Redakteur, dann die Journalisten... aber natürlich, allen voran wurde zuerst das Konzept gewechselt. Das hat sich dann in immer mehr Marktschreierischen und undurchsichtigen Artikeln geäussert. Die Politische Richtung hat sich Inhaltlich von eher balanciert zu einem bürgerlich-neoliberalen Blatt gewandelt. Ein guter Freund für die Anliegen der Wirtschaft und einer spezifischen Partei. Das Abo habe ich auslaufen lassen... trotzdem kam das Blatt danach noch lange Gratis in den Briefkasten... leesbarer wurde es dadurch nicht. Schade drum
Die Berliner Zeitung wird wahrscheinlich eine Art "Bild" werden. Das liegt im Trend und entspricht dem heutigen Niveau der Mehrheit deutscher Zeitungsleser und der allgemeinen moralischen und kulturellen Dekadenz. Aber damit wird eben viel Geld verdient. Qualitaetsjournalismus wird es trotzdem auch in Zukunft geben, nur vielleicht nicht mehr im dem bekannten Umfang.
Der qualitative Niedergang und die ideologische Einäugigkeit des deutschen Mainstreamjournalismus zieht quer durch fast alle Blätter. Die Entwicklung von SPIEGEL und auch ZEIT illustrieren, dass keine britischen Heuschrecke nötig ist, um aus ehemaligen Leuchttürmen des Qualitätsjournalismus neoliberale Gesinnungsblätter zu machen.Wer sich halbwegs unvoreingenommen über die Welt informieren will, kommt nicht am Internet und außereuropäischen Medien vorbei.
Was machen eigentlich auf diesen Seiten die Versicherungs-Links in der Subnavigation?
Seit reichlich vierzig Jahren lese ich nun die ZEIT.Donnerstag ,nein oft Mittwoch-Abend, ist die Lektüre-ZEIT.Bin ich zu doof, den Verfall des Journalismus zu bemerken? Ich lese jede Woche in dieser Zeitung anregende Artikel, die ich so in keiner anderen Zeitung lese- mein Zeitungskonsum bezieht sich auf drei Tageszeitungen, nicht jeden Tag, aber regelmässig.Ich würde mich für die Argumente interessieren, die hier vorgebracht werden,wenn es nicht nur Überheblichkeit aus sicherem Hinterhalt ist ?Wenn ich die Artikel in der Zeit zu Fragen der Ethik der Wirtschaft lese, erschliesst sich mir nicht, was daran neoliberale Gesinnung sein soll ?
ist längst erreicht, seit Berlin als Bundeshauptstadt erlebe ich eine widerliche Kumpanei, man ist sich einig in Presse und Regierung, Recherche findet, wenn überhaupt in München statt - alle anderen scheinen dicke Kumpels zu sein, die Regierung denkt sich irgendwelchen Rotz (Gesundheitsreform, Lauschangriff, FestplattenTrojanerei) aus, die Hammelherde von Journalisten blökt es in die Welt - Glückwunsch meine Damen und Herren. Da braucht es schon mal handfester Verbrecher, die Ihr Wissen teuer an den BND verkaufen um Wahrheiten zu kommunizieren - wissen Journalisten eigentlich was ein Abonement eines Tageszeitung kostet - richtig, Ihr wisst es, deshalb deshalb schreibt Ihr bestenfalls für Euch selbst - mit dem kleinen Guckfenster in die Öffentlicheit Sonntags 12 Uhr in der ARD. Es braucht viel Zähigkeit und Zielstrebigkeit Journalist zu sein - gelehrt wird das offensichtlich nicht mehr.
Nicht zuerst wohlwollender Begleiter dieser Gesellschaft sollt Ihr sein - sondern Korrektiv! Sonst machen die Regierenden, was wir jetzt erleben, nämlich was sie wollen.
... und Freunde von der Berliner Zeitung - es ist zum in die Kissen schluchzen - da will doch glatt jemand Rendite erwirtschaften mit Eurer SED Zeitung ... mir kommen die Tränen.
Ebensoweinig wie Richter, Ärzte und Politiker (sic) Glaubwürdigkeit schlicht dadurch verdienen, dass sie einer bestimmten Berufsgruppe angehören; und das aus einem ganz einfachen Grund: Es sind Menschen, und Menschen sind nun mal sehr unterschiedlich.Seit jener denkwürdigen Ereignisse am Pfingsttage sind meines Wissens auch nie wieder himmlische Mächte erschienen, um irgendjemanden für seinen Beruf mental auszurüsten. Glaubwürdigkeit fällt eben nicht vom Himmel, sondern muss Tag für Tag neu erworben und erhalten werden. Dazu gehört m.E. auch, das man nicht nur den eigenen Stall sauber hält, sondern auch stets darauf achtet was anderen Ortes an Dreck entsteht. Aber dafür sind Sie ja Journalisten, nicht wahr?
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