Strommarkt Günstiger wird's nicht so schnell
Die Wettbewerbskontrolleure der EU verkünden einen Punktsieg: E.on bietet sein Leitungsnetz zum Verkauf. Billigeren Strom für die Verbraucher bringt das nicht unbedingt.
Der größte Stromkonzern Deutschlands hat einen Coup gelandet. Offenbar um Strafzahlungen in Millionen- wenn nicht Milliardenhöhe zu verhindern , mit denen deutsche und europäische Wettbewerbshüter E.on wegen Kartellverstößen zu belegen drohten, bietet der Riese nun sein Netz zum Verkauf – in enger Abstimmung mit EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes, die seit Jahren hart gegen die Marktmacht der deutschen Energieversorger kämpft. Vor ihrem Ansturm knickt E.on nun ein.
Die Pläne der Niederländerin Kroes sind klar. Sie will, dass Kraftwerke und Stromnetze künftig von unterschiedlichen, nicht miteinander verbandelten Unternehmen betrieben werden statt, wie bislang in Deutschland üblich, von großen, integrierten Konzernen. Denn diese, so Kroes, könnten ihrer Konkurrenz den Zugang zum Netz gezielt erschweren. Werden sie aber entflochten, steht der Weg zum Kunden allen Stromanbietern gleichermaßen offen. Das Angebot an Elektrizität steigt, der Wettbewerb kommt in Gang, die Preise sinken - soweit die Theorie der Kommissarin.
Besonders freuen dürfte Kroes, dass sie mit E.on nun einen besonders dicken Gegenspieler zu Fall gebracht hat. Das Netz der Düsseldorfer ist besonders groß. Wie ein breites Band zieht es sich von der dänischen Grenze quer durch Deutschland bis hinein in den tiefsten Südosten. Der schwedische Versorger Vattenfall, der bereits angekündigt hat, den Verkauf seiner Hochspannungsleitungen ebenfalls zu prüfen, beliefert vor allem den Osten Deutschlands. Gemessen am Netz dieser beiden nimmt sich jenes der Konkurrenz von RWE und EnBW im Westen und Süden klein aus.
Wer nun aber glaubt, durch E.ons überraschendes Angebot bald in den Genuss
billiger Elektrizität
zu kommen, liegt vermutlich falsch. Solange die Rohstoffe teurer werden und erneuerbare Energien weiter subventioniert werden - was durch Steuern finanziert wird, die den Strompreis in die Höhe treiben - dürfte der Preis nicht sinken.
„Das Netz ist nicht das Problem“, sagt Peter Wirtz, auf die Energiemärkte spezialisierter Analyst der WestLB. „Zumal die Bundesnetzagentur die Durchleitungspreise ganz gut im Griff hat.“ Damit meint Wirtz jene Gebühren, die E.on und die anderen großen drei konkurrierenden Energieerzeuger für die Nutzung ihrer Stromleitungen in Rechnung stellen. Jede Erhöhung muss die Bundesnetzagentur genehmigen, und sie hat Wucher bislang einigermaßen erfolgreich vermieden. „Eine gute Regulierung des Netzes ist das Wichtigste“, sagt auch Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW. „Wer die Stromleitungen besitzt, ist weniger entscheidend.“
Bedeutend ist aus Sicht von Fachleuten vielmehr die Frage, ob durch die Entkopplung von Produktion und Vertrieb, die Neelie Kroes nun zumindest in Teilen gelungen scheint, tatsächlich mehr Saft durchs deutsche Stromnetz fließen wird. Da aber sieht es mau aus. Denn es gibt zu wenige Kraftwerke, sowohl in Deutschland wie in Europa. „Nirgendwo herrscht ein Überangebot an Strom“, sagt Aktienanalystin Karin Brinkmann von der Bank UniCredit. Woher soll die zusätzliche Elektrizität also kommen?
Zumal der Bau neuer Kraftwerke zumindest in Deutschland teuer, mühsam und politisch heikel ist. Es gibt kaum Plätze, die für einen Neubau geeignet sind, oder an denen er politisch gewollt wäre. Auf eine Baugenehmigung müssen die Betreiber Jahre warten. Die Zulieferer, etwa von Turbinen, leiden derzeit unter Lieferengpässen. Die Konsequenz all dieser Widrigkeiten, sagt Aktienexpertin Brinkmann: „In Deutschland sind derzeit nur Ersatzkraftwerke geplant, wir erhöhen durch sie nicht die Menge an verfügbarer Elektrizität.“ Doch selbst wenn man zusätzliche Kraftwerke bauen würde, dauerte es weit mehr als zehn Jahre, sie fertigzustellen. In nächster Zukunft hätten die Stromverbraucher davon nichts.
- Datum 06.05.2009 - 15:16 Uhr
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