Stromversorger In Zukunft ohne Netz?
Überraschende Wende im Machtkampf auf dem deutschen Strommarkt: Der größte Energieversorger E.on will sein Leitungsnetz verkaufen. Die Kanzlerin freut sich darüber gar nicht
Mitten im Streit zwischen Bund und EU über eine Zwangsabtrennung der Energienetze will Deutschlands größter Versorger E.on seine Strom-Fernleitungen verkaufen. Damit besänftigte der Konzern am Donnerstag zwar die Wettbewerbshüter der EU, schwächte aber die Position der Bundesregierung. Auch der schwedische Anbieter Vattenfall Europe, der vor allem Ostdeutschland mit Strom versorgt, erwägt, sich von seinem Hochspannungsnetz zu trennen: "Wir prüfen alle Optionen", sagte ein Sprecher. Die anderen beiden großen Versorger, RWE und EnBW, wollen am Netz festhalten.
E.on bot der EU-Kommission an, neben seinem Übertragungsnetz in der Bundesrepublik auch deutsche Kraftwerks-Kapazitäten von 4800 Megawatt an Konkurrenten zu verkaufen. Das entspricht in etwa der Leistung von vier Atomkraftwerken. Bei einem Verkauf dürften ausländische Versorger zum Zuge kommen, um den Wettbewerb in Deutschland endlich anzuheizen. Die EU erklärte daraufhin, das Kartellverfahren gegen E.on könne eingestellt werden. Zuvor wolle man jedoch noch mit Kunden und Konkurrenten sprechen. Dem Konzern hätte eine Strafe von mehreren hundert Millionen Euro gedroht.
Vorstandschef Wulf Bernotat hatte die Pläne nach Regierungsangaben zuvor im Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel angesprochen. In Branchenkreisen hieß es, Merkel sei verärgert über dieses Vorgehen. Es schwäche die Position der Regierung im Ringen mit der EU: Merkel wehrt sich seit Längerem gegen eine von der Kommission verfolgten Zwangstrennung der Stromversorger von den Netzen. Die EU will damit den Wettbewerb auf dem Energiemarkt beleben, was auch zu sinkenden Preisen führen soll. Deutschland, Frankreich und weitere Staaten plädieren zwar auch für eine stärkere Unabhängigkeit der Netztöchter, dies aber unter dem Dach der Konzerne. Merkel sagte anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Bundesnetzagentur in Bonn: "Zwangsverkäufe der Netze sind keine Lösung." Stromerzeugung ohne Netz sei "eine dumme Sache".
Die Versorger stehen seit Längerem unter großem Druck: Zum einen gilt ihr Monopol bei den Netzen als Hindernis für mehr Wettbewerb, weil Konkurrenten ihren Strom durch diese Leitungen schicken müssen. Die gestiegenen Strompreise und die hohen Gewinne der Unternehmen wurden auch darauf zurückgeführt. Die Bundesnetzagentur hatte die von den Konzernen verlangten Gebühren für diese Durchleitung aber zuletzt wiederholt gekürzt. Zudem hatte die EU-Kommission Unternehmenszentralen wegen des Verdachts der Behinderung des Wettbewerbs durchsuchen lassen und Unterlagen sichergestellt.
In Kreisen der Branche waren zudem immer wieder Stimmen laut geworden, dass die Netze nicht mehr die gewünschten Renditen brächten und daher zur Belastung würden. Besonders E.on mit seinen internationalen Investoren stehe daher unter Druck, hieß es. Offen blieb am Donnerstag, wer das Netz kaufen könnte. Aus Kartellgründen darf es kein Versorger sein, infrage kommen vor allem Finanzinvestoren aus dem Ausland. Der Bund bemüht sich allerdings gerade um einen gesetzlichen Schutz von besonders wichtigen Unternehmen vor ausländischen Investoren. Dazu könnten die Energienetze gehören.
Die Verbraucherzentralen lobten das E.on-Angebot zum Verkauf des Netzes. Jetzt müsse der Bund Vorschläge für eine ordentliche Netzinfrastruktur machen, sagte Energie-Experte Holger Krawinkel dem Tagesspiegel vom Freitag. Eine Möglichkeit sei, das Netz in Staatshand zu nehmen.
- Datum 29.02.2008 - 08:39 Uhr
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- Quelle ZEIT online, Reuters
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Der Verkauf der eigenen Stromnetze durch Eon ist sicherlich kein Paradigmenwechsel, sondern eher als knallhartes geschäftspolitisches Kalkül des Eon-Management zu verstehen.Eon schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe; 1. Man entgeht so einem Kartelllverfahren durch die EU, 2. Man verscheuert das marode eigene Stromnetz; am besten an Vater Staat für ein paar Milliarden , der dann brav saniert.Eon ist so zweifacher Gewinner, streicht Milliarden ein und spart sich und seinen Aktionären milliardenschwere Investionen.
Siehe Punkt 4 in http://www.nachdenkseiten.de/?p=3030
Mit diesem überraschenden Deal zeigt E.on mal wieder, wer in diesem Land Koch und wer Kellner ist.
Das also ist das Ergebnis von 10 Jahren "Liberalisierung":Die Preise haben sich verdreifacht, und das Netz ist marode.(Anlässlich des Brandes in Karlsruhe hiess es doch, das Netz stünde vor dem Kollaps?) Da dürfen wir ja froh sein, dass jedenfalls die Eigenkapitalrendite immer gut 2-stellig war und jetzt mühelos auf die üblichen 25% gesteigert werden kann.
@Ion"Staat" ist gut: "Der Staat", das sind doch die Stromkunden? Die, aus deren Rechnungen das Netz bezahlt wurde - zwischen 1895 und 1995? Die kaufen jetrzt ihr Eigentum wieder zurück?
Das gesamte Stromnetz Deutschlands ist rund 1,7 Mio. km lang. Worum es eigentlich geht ist aber nur der „Highway“ über den die internationalen Stromgeschäfte abgewickelt werden (380 KV Leitungen), der ist ca. 35.000 km lang. Hier werden regionale Netzversorger und Grossbetriebe mit Großkraftwerken verbunden. Und dieser soll nach dem Willen der EU – Kommission neue Eigentümer bekommen. Dies gilt also nur für die Übertragungsnetze und nicht das darunter liegende Verteilernetz, dem so genannten Hochspannungsnetz (rd. 70.000 km lang), aus dem dann die jeweiligen Versorger den Strom transformieren in ein Mittelspannungsnetz (rd. 500.000 km lang). Dieses sorgt wiederum für Weiterleitung an mittlere Betriebe und Lokalversorger, die diesen Strom an Haushalte verteilen. Diese letzte Etappe bezeichnet man als Niederspannungsnetz, das rund 1 Mio. Km lang ist und zumeist den jeweiligen Stadtwerken gehört. Alle Zahlenangaben lt. Verband deutscher Netzbetreiber (VDN).
Der Sinn des EU Beschlusses ist es also, zu verhindern, das diese „Hauptsstrasse“ und entsprechende Kraftwerke, die den Strom für diese Leitungen produzieren, in einer Hand sind, und so den internationalen Stromhandel als Kartell deutlich beeinflussen könnten. Die Behörde kritisierte vor allem, dass Erzeugung, Versorgung und Verteilung in Deutschland auf einen Konzern vereint sind.
EON will verkaufen um der Kartellbuße zu entgehen und bietet gleich noch im Paket Kraftwerkskapazitäten in Hohe rd. 5000 Megawatt mit an. Das interessante daran ist, das die deutsche Regierung den Energiekonzernen auch weiterhin Einfluss auf die Netze garantieren will, da sie das Risiko einer verdeckten „Zwangsenteignung“ befürchtet. Das nun ausgerechnet EON mit seinen Vorstoß einen „Dolchstoss“ in den Rücken der deutschen Regierung begeht, die sich in Brüssel vehement für eine „softere Version „ eingesetzt hatte, ist interessant, zumal es auch noch genau an dem Tag erfolgte, als in Brüssel die Energieminister tagten. Die Regierung erwartet Investitionen in den Ausbau dieser Netze, macht dies aber durch politische Taktiererei und sehr hohe bürokratische Hürden nach Angaben der Investoren nicht leicht. Da sich die Investoren, welche die Netze nun übernehmen sollen, auch noch mit einer staatlich vorgegebenen Rendite bescheiden sollen, macht die ganze Sache noch subtiler, denn EON hatte bereits kaum eine Deckung der Kapitalkosten. Die Regierung braucht aber einen schnellen Ausbau des Netzes, um ihren energiepolitischen „Traum“ vom Ökostrom zu verwirklichen. Gutes Gelingen kann man da nur wünschen.
will weiterhin den machtlosen Staat, der nur mehr die Schutzlosigkeit der Bürger vor Profitgier als Staatziel kennt. Schöne neue Welt halt. Dabei wäre es marktwirtschaftlich geboten, Netze und Dienste zu trennen. Netze - Kommunikation, Energie und Transport - sind Staats- und damit Bürgerangelegenheit, die Dienste auf den Netzen sollen um Himmels willen privat sein. Niemand wünscht sich die goldenen Zeiten der Telekoma zurück. Und das Argument, dass Dienstebetreiber die Netze kontrollieren müssten, ist völlig obsolet: Müssen Autobauer eigene Strassen betreiben??Schönes Wochenende allerseits
Ich sehe das so ähnlich. Nur wird Eon zum dreifachen Gewinner, weil nach dem Verkauf die Preise noch mehr steigen werden, da ja die Fremdnetzbetreiber auch noch Geld haben wollen. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt. ;-)
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