Hessen Willst du mit mir gehen?

Lieblose Briefe, unbeholfene Flirts, brüske Körbe: Die Parteien in Hessen tun so, als wenn sie aufeinander zugehen, bewegen sich aber nicht. Ein Drama mit fünf Protagonisten

Es heißt, im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt. Die gegenwärtige Situation in Hessen trägt Züge von beiden existenziellen Zuständen, deshalb gebärden sich die Parteien auch so merkwürdig. Ähnlich wie in einem militärischen Konflikt sind die Fronten starr, die Strategien undurchschaubar: Mal wird über die Flanken angegriffen, mal frontal, dann einfach bloß wieder zurückgeschossen und verteidigt. Alle Beteiligten wissen indes, dass sie künftig neue Alliierte brauchen werden. Deshalb verhalten sie sich zwischen zwei Salven wie unerfahrene Teenager, die erstmals eine Freundin suchen, und sich nicht recht zwischen Angeberei und Schmeichelei entscheiden können.

Einfach ist das nicht. Schließlich haben alle Beteiligten vorher vor ihren Freunden noch lauthals damit geprahlt, dass man sich nie und nimmer auf diesen oder jenen neuen Partner einlassen werde. Die Anführer der Parteien müssen nun also die schwierige Aufgabe bewältigen, sich neu zu liieren, ohne dabei das Gesicht vor den eigenen Kumpels zu verlieren.

Anzeige

Wir haben die fünf Werber mit Angst vor dem Wortbruch eine Weile beobachtet.

1. Der entmachtete Halbstarke
Was macht eigentlich Roland Koch? Wochenlang hat man von ihm nichts gehört, bis zum vergangenen Donnerstag. Dabei ist er doch der Antiheld in dem hessischen Drama, der mit der größten Fallhöhe. Er war der potenteste Mann im Land, seine Partei regierte fünf Jahre allein. Entsprechend kraftstrotzend war Koch im Wahlkampf aufgetreten: mit martialischen Tönen und unsauberer Argumentation. Er wollte „Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen“, er warnte im kulturkämpferischen Duktus vor Zwangseinheitsschulen und Windrädern, die wie Pilze aus dem Boden schießen würden, wenn dieses Dreierband an die Macht käme. Allein, dem Publikum hat das nicht gefallen. Die CDU verlor 13 Prozentpunkte. Äußerst knapp wurde sie noch stärkste Partei, sonst wäre Koch, der erfolgsverwöhnte Klassenkönig, wohl noch am Wahlabend zurückgetreten.

Koch ist ein erfahrener Politiker, aber ein unbeholfener Flirter. Deshalb zog er sich nach dem Wahltag erst einmal zurück, trat öffentlich kaum mehr auf, fuhr eine Woche in den Frühjahrsurlaub, ging anschließend mit seiner Partei in mehrtägige Klausur. Er wusste sofort um die vertrackte Situation: Mit seiner alten Liebhaberin, der FDP, reicht es nicht zum Weiterregieren. Die anderen potenziell heiratsfähigen Partner, SPD und Grüne, hatte er im Wahlkamp bekämpft und beschimpft. Er vertraute darauf, dass die Zeit die Wunden heilt.

Am Donnerstag gab Koch dann sein Comeback vor der Presse. Und siehe da: Sein Ton hat sich verändert. Wirklich wahr, Koch hat Fehler in der Regierungspolitik wie im Wahlkampf eingeräumt (etwa in der Schulpolitik) - und in einigen Punkten Besserung versprochen. Außerdem betrat er amouröses Neuland, indem er ganz offen seiner alten Lieblingsfeindin, den Grünen, Avancen für ein Jamaika-Dreiecksbündnis machte, gemeinsam mit dem Lieblingspartner FDP.

Leser-Kommentare
  1. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Politiker, der 12 % bei einer Wahl verloren hat  kaum in der Presse stattfindet. Er kann sich in aller Ruhe überlegen und abwarten, welche Taktik für ihn die beste Möglichkeit ist, die Macht noch eine Weile zu erhalten und kann dabei zusehen, wie die gesamte Pressemeute über seinen politischen Gegner herfällt.

  2. Andrea Ypsilanti ist eine linke Hardlinerin, die die FDP bloß als Mittel zum Zweck betrachtet, um an die Macht zu kommen. Die Liberalen haben schon recht, wenn sie Ypsilantis Avancen (die in Wahrheit keine sind, da sie ja keinen Deut von ihren eigenen Forderungen abweicht) mit Misstrauen beäugen.Ich persönlich vermute, dass Frau Ypsilanti sich längst auf eine rot-grüne Minderheitsregierung festgelegt hat. Nur öffentlich zugeben will sie das noch nicht.

  3. ...in Hessen zwei Dinge. Die SPD wird seitens der Medien ständig des Wortbruchs geziehen. Koch hat eine katastrophale Wahlniederlage von ca. 20!!% hinnehmen müssen und ist der eigentliche Wahlverlierer. Er machte Wahlwerbung mit " wir stoppen Ypsilanti und Al Wazir".Jetzt macht er zaghafte Annäherungsversuche an die Grünen, würde offenbar nicht zögern, Al Wazir zum Minister zu machen...Hauptsache, er bleibt Ministerpräsident.Während Herr Zumwinkel wegen 10 Millionen nicht versteuerter Werte Job, Ansehen, Karriere verlor, bzw. aufgeben musste, darf der als Schwarzgeldverwerter (20 Millionen!!) überführte Herr Koch unwidersprochen den Anspruch aufs Amt erheben.Erstaunlich, erstaunlich, was der sich alles erlauben darf, ohne dass er seitens der Medien als das dargestellt wird, was er ist: Wahlverlierer, Wahlverprechensbrecher und überführter Schwarzgeldverwerter (jüdische Vermächtnisse)

  4. Diese vorletzte Buchstabendame scheint nach meinem Dafürhalten völlig überfordert. Sie sieht zwar ganz nett aus, aber reicht das um eine Regierung zu führen? Nein. Allerdings sollte dieser unsägliche Koch endlich mal erklären, dass er auf sein Amt als MP verzichtet. Dann wäre auch eine vernünftige Regierung in Hessen möglich, inclusive der SPD, Grünen, FDP, möglicherweise auch mit Beteiligung der CDU. Eine weitere Regierung unter Koch mit Grün-Gelb scheint mir unmöglich zu sein. Das müsste Koch, der abgewählt wurde, eigentlich selbst einsehen, sofern er überhaupt über Selbstkritik verfügt. Die ist zwar nicht vorhanden, möglicherweise verhelfen ihm CDU-Granden zu dieser Einsicht. Über den absurden Pfälzer Beck will ich erst garnicht reden. Kohl stammt zwar auch dort her, aber der war zumindest in zwei Dingen besser, Wiedervereinigung und Spendenaffaire. Beim letzteren ist Beck noch nicht soweit, aber im Gegensatz zu Kohl besser beim Wortbruch. Ergo: Vorsicht vor den Pfälzern. Man sollte sie nicht überschätzen, wie einige das meinen.

    • Anonym
    • 01.03.2008 um 16:41 Uhr

    Koch, von dem fast niemand mehr zu reden wagt, legt sich quer und denkt wahrscheinlich, nur macht mal. Ich ruhe mich derzeit für die Wahl im Parlament aus.Was hat dieser Mann für ein Stehvermögen, vom Sitzfleisch gar nicht zu reden.Das Spiel was dieser Mann treibt, gebietet Demokraten in keiner Weise, daß sie noch daran glauben wollen.isaac ben laurence weismann

Service