Nachgefragt Powerpaare vor 30 Jahren
Im ZEITmagazin vom 10. März 1978 ging es schon einmal um "Karriere-Eltern". Wir haben einige der damals Interviewten gefragt, was aus ihren Lebensentwürfen geworden ist
Das Glück springt einem entgegen, wenn man dieses Foto ansieht im ZEITmagazin aus dem Jahr 1978 . Eine junge Frau, die übers ganze Gesicht strahlt, neben ihr ein lachender Mann, zwischen beiden ein Junge, der den Arm um beide Eltern legt und der Mutter einen Kuss auf die Wange gibt. "Karriere-Paare" mit Kindern, lautete das Thema damals, und die Familie Radler wird als leuchtendes Beispiel angeführt. Er Schauspieler, sie Balletttänzerin, beide gleichberechtigt in Beruf und Elternrolle. "Es war eine tolle Zeit damals", sagt Monika Radler heute, "wir drei waren ein super Team."
Monika Radler hat ihr ganzes Leben lang gearbeitet, sogar jetzt, mit 66 Jahren, unterrichtet sie noch als Ballettlehrerin. Als sie mit 27 ihren Sohn bekam, tanzte sie als Solistin in Gelsenkirchen. In den Pausen stillte sie das Baby in ihrer Garderobe, später nahmen sie oder ihr Mann den Jungen mit in die Ballett- oder Theaterproben. Als Jan Diabetes bekam, beschloss Monika Radler zu unterrichten und machte sich schließlich mit ihrer eigenen Ballettschule selbstständig – äußerst erfolgreich. "Das war der beste Wurf meines Lebens", sagt sie rückblickend. "Möglich war das aber nur mit der Hilfe meines Mannes Axel. Wir haben uns so organisiert, dass unser Sohn nie alleine war."
Für Axel Radler war es ganz selbstverständlich, dass seine Frau genauso Karriere machte wie er selbst. "Wir haben das immer gleichberechtigt gesehen", sagt er heute. "Auch für unsere Umwelt war es klar, dass jeder von uns seinen Beruf macht und wir uns gegenseitig unterstützen."
Für damalige Verhältnisse durchaus keine übliche Ansicht. In dem Artikel wird eine Studie aus dem Jahr 1977 zitiert, wonach 87 Prozent der Männer im Alter zwischen 20 und 50 Jahren angaben, eine "richtige Frau" sollte ihren Beruf aufgeben, wenn sie Mutter wird.
Im Hause Radler gab es hingegen eine paritätische Aufgabenteilung: "Vormittags bis mittags hatte Axel Probe im Thalia-Theater, da war ich zu Hause und konnte meinen Haushalt machen und mich auf die Ballettschule vorbereiten", erzählt Monika Radler. "Wenn Axel nach Hause kam, bin ich in die Schule gegangen und kam zurück, wenn er Vorstellung hatte. Wir waren immer telefonisch in Verbindung und alles lief reibungslos."
Allerdings nur so lange, wie das Paar gemeinsam in Hamburg lebte. Als der Intendant des Thalia-Theaters, Boy Gobert, nach Berlin wechselte, war für Axel Radler klar, dass er mitgehen würde. Ebenso klar war es für seine Frau Monika, dass sie ihre Ballettschule nicht im Stich lassen würde.
"Wenn unsere Ehe Trennungen nicht überlebt, dann soll es so sein", sagte sie dem ZEITmagazin vor 30 Jahren. Heute muss dieser Satz sehr schmerzhaft für sie klingen. Denn an eben dieser Distanz sollte die Beziehung schließlich scheitern.
Gefragt, was er rückblickend anders gemacht hätte, sagt Axel Radler, der heute pensioniert ist und mit seiner zweiten Frau in Berlin lebt: "Wahrscheinlich würde ich mich nicht mehr über so eine lange Zeit trennen. Die Distanz über die beiden Städte, das hat nicht funktioniert. Sie war zu sehr in Hamburg engagiert, ich zu sehr in Berlin. Da lebt man sich auseinander."
Haben es berufstätige Eltern heute leichter? Ganz im Gegenteil, findet Radler: "Mir tun junge Familien heute sehr leid. Sie stehen unter einem wirtschaftlichen Druck, den ich nicht so empfunden habe, als ich jung war." Es sei ganz selbstverständlich, dass Partner in verschiedenen Städten lebten und ihrem Job hinterherlaufen müssten. "Fernbeziehungen sind normal geworden", sagt Radler. "Aber Trennungen auch. In dieser Hinsicht haben sich die Dinge sehr geändert. Viele stellen die Arbeit über die Beziehung."
Doch wenn er ehrlich ist, war das in seiner eigenen Ehe nicht anders: "Wir sahen auch keine andere Möglichkeit. Meine Frau konnte ihre Schule ja nicht einfach nach Berlin exportieren. Und für mich war klar, dass ich bei meinem Ensemble bleiben wollte. Da war die Schauspielerei auch das Wichtigste."
Auch wenn ihr Glück nicht von Dauer war, sagt Monika Radler: "Ich würde es jederzeit wieder so machen." Immerhin haben sie es als Paar lange Jahre geschafft, Beruf und Familie so zu vereinen, dass keiner zu kurz kam. "Meine beiden Männer sind immer hinter mir gestanden, was meine Arbeit betraf", sagt Monika Radler. "Ich hab es als Geschenk gesehen, dass ich arbeiten konnte, obwohl ich ein krankes Kind hatte."
Ein schlechtes Gewissen, sagt sie, habe sie nie gehabt – "das lag aber an meinem Mann, weil er genauso für unseren Sohn da war wie ich". Sie sei eine "fröhliche Mama" gewesen, sagt Monika Radler, und wenn man auf das Foto von damals blickt, glaubt man ihr das sofort. Aber, so betont sie, "das konnte ich nur sein, weil ich meine Arbeit hatte, die ich über alles liebte."
- Datum 18.03.2008 - 05:36 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 06.03.2008
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