Lit.Cologne Alles schmerzfrei

Was ist heute noch radikal? In Köln diskutierten Charlotte Roche, Claus Peymann und Roger Willemsen - und kamen zu keinem richtigen Ergebnis. Ein Bericht

Charlotte Roche kam im schlicht schwarzen Kleid mit weißem Spitzenkragen. Doch im braven Gewand steckt ein revolutionärer Geist: Roche, 29 Jahre alt, bekannt geworden als Viva-Moderatorin, brachte einst frischen Wind in die Popkultur. Mit unverblümten Sprüchen und einer Einstellung, der es egal ist, "was die Nachbarn denken". So habe ihre Mutter sie erzogen. Nun sitzt sie auf einem Literaturabend der Lit.Cologne, dem Literaturfest in Köln. Das Thema: Radikales Denken. Denn Roche hat jetzt auch einen Roman geschrieben, Feuchtgebiete heißt er und ist radikal - in sexueller Hinsicht.

Zusammen mit Roger Willemsen, Moderator und Stammgast der Lit.Cologne, und dem Theaterregisseur Claus Peymann ging Roche dem Anfang und den Weiterentwicklungen des Radikalen auf den Grund. Empfohlen war der Abend im ausverkauften Schauspielhaus nur Zuschauern, "die das 16. Lebensjahr vollendet haben", heiß es im Programmheft. –Irgendwo muss sich das Radikale heute doch verstecken, in Kunst, Literatur, Theater und Politik." "Endemisch" sei es noch vorhanden, sagte Willemsen. Aber nein, "Kompromiss-Seligkeit" herrsche in unserer Zeit, selbst im als radikal verstandenen Teheran, erklang es indes aus der anderen Ecke, von Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles. Peymann und Willemsen saßen links und rechts auf der puristisch schwarz gehaltenen Bühne, mit einer grinsenden, aber recht stillen Charlotte Roche in ihrer Mitte. "Eingeklemmt zwischen diesen gebildeten Männern", sagte sie etwas ehrfürchtig.

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Und die "gebildeten Männer" hatten gleich die staatsphilosophischen Klassiker im Gepäck: Thomas Morus' Fantasieland Utopia , Georg Büchners Pamphlet über den Staat: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" und Henry David Thoreau, das Vorbild des zivilen Ungehorsams und Inspirationsquelle von Mahatma Gandhi bis Martin Luther King. Keine zeitgenössischen Theorien, nur die Mottenkiste voll vergessener historischer Texte des sozialistischen Revolutionärs Louis Auguste Blanqui, des russischen Anarchisten Michail Bakunin und seines jüngeren Verbündeten im Geiste, Pjotr Kropotkin. Was man mit diesen Ideen machen sollte, wurde nicht klar. Und warum gerade diese Texte?

Peymann und Willemsen gruben die Wurzel des Radikalen aus, nämlich die bürgerliche Linke, die Gesellschaftskritiker des 16. bis 19. Jahrhunderts. Doch was bedeutet Radikalität heute? Willemsen, der dieses Jahr auf der Lit.Cologne bereits über Verschwörungstheorien (Paul McCartney ist ein Double, Barschel wurde ermordet und so weiter) sowie über den Autor Richard Yates gesprochen und gelesen hat, moderierte hier selbst ungewohnt radikal, schimpfte etwa auf die „scheißliberale Mitte“ und die Demokratie, die nicht mehr Herrschaft des Volkes, sondern dessen „Selbstbeherrschung“ bedeute. Zumindest wäre aber mehr Reflexion über die RAF-Texte gut gewesen, die großen Raum einnahmen: Man las von der "Guerilla" und dem "Krieg", von "Sieg oder Tod", von Marxismus und Materialismus, Ideen, auf die nostalgische Blicke geworfen wurden. Auch hier aber ohne Begründung, dabei wäre doch genau das spannend gewesen; vielleicht nicht gerade mit der auch schon zu oft geführten Diskussion über RAF, sondern mit dem Bezug zu Radikalitäten und Extremisten der Gegenwart. Ist der Freiheitskampf von damals der Freiheitskampf von heute, wäre eine von vielen Fragen gewesen.

Selbst Peymann mochte da irgendwann nicht mehr mitspielen und fand es bald "ein bisschen geschmacklos". Man agiere als "Salonbolschewisten", säße auf der Bühne in braven Anzügen "und lese vor". Willemsen verteidigte sich, dass es egal sei, ob sie in Anzügen und in Badehosen läsen, "mir geht es darum, die Texte anzubieten und darüber nachzudenken". Doch so wurde das „Radikale“ nur zur legitimierten Zweck-Mittel-Rebellion, zum idealistischen Spiegel einer scheinbar desillusionierenden Gegenwart.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 04.03.2008 um 20:02 Uhr

    maximal Nervig. Radikal wäre es z.B. wenn jemand sagt, er weiß nicht zu jedem Thema sofort 1000 Sachen zu sagen, jemand der zugibt das er womöglich falsch liegt und sich durch ein Gespräch mit jemand anderem in seiner Meinung umstimmen lässt. Radikal wäre es wohl auch nicht sofort in Diskussionen bei jedem Buzzword den einstudierten Tollwut-Schaum vor dem Mund zu bekommen und in eingeübter Weise zu reagieren.. so, und nun gebt mir wie eingeübt den 1nen Tollwut-Stern, ich steh so auf schlechte Bewertungen.. 

    • Anonym
    • 04.03.2008 um 21:44 Uhr
    2. nein,

    radikal klingt das alles nicht. es handelt sich eher um politisch korrekte armut von leuten, die ausgesorgt haben und nach minderwertigkeitskomplexaufhebenden podien und kameras gieren, um endlich ihre dauerhaft erwachsenen meinungen loszuwerden. so ne art lit-rudicarrellamlaufendenbuchshowwerbung, die ohnehin nur auf eine einzige verwertbarkeit abzielt und die heisst fernsehen.

  1. 3. ...

    an sich muss ich leider zustimmen, von radikal keine spur. allerdings muss ich hier eine lanze für die texte thoreau's brechen. die sind von ungeahnter bedeutung und meiner meinung nach zu wenig beachtet in unseren sphären! reinschauen lohnt sich.

    • radie
    • 05.03.2008 um 10:27 Uhr

    Radikal in der Kunst kann zumindest das noch zu sein, was der Polizei nicht gefällt, auch wenn die Kunst von den Künstlern selbst nicht als radikal eingeschätzt wird. Das hab ich vor kurzem auf Arte gesehen. Eine Punkgruppe namens Mono für Alle! und deren Familienangehörige werden seit über einem Jahr vom Staatsschutz überwacht, weil sie ein Lied zu dem Thema Amoklauf spielen. Erschreckend fand ich an der Sache, dass das Lied tatsächlich harmloser ist als jeder HipHopReim aus Neukölln oder dem Wedding.
     

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