Familien Eine Ehe, zwei Karrieren
Vor genau 30 Jahren befasste sich das ZEITmagazin schon einmal mit dem Thema "Familien und Beruf". Fünf Paare berichteten 1978 über Selbstverwirklichung und Kindererziehung
Hinter der Gartenpforte tobt Wilhelm, Rauhhaardackel bei Fischers. Die Haustür öffnet Gertie Fuchs, Haushälterin bei Fischers. Neben dem Bechsteinflügel liegt Felix, Stammhalter bei Fischers. Im Sofa-Ensemble sitzt Christa Babette Fischer und findet das Wort "Selbstverwirklichung" schrecklich abgegriffen: "Ich mag es eigentlich nicht mehr hören." Wer das gelassen aussprechen kann, hat der es geschafft?
Auf der Suche nach der gleichberechtigten Frau quer durch die gesellschaftlichen Schichten führt der Weg vom Souterrain über das bürgerliche Parterre schließlich in die Beletage. Emanzipierte Frauen mögen einem dabei begegnen. Ob sie deshalb gleichberechtigt leben können, ist überall davon abhängig, was die anderen in ihrem Umkreis zulassen.
Da Frauen weder in der Ehe von vornherein gleichberechtigte Partner sind, noch in der Lebensgemeinschaft ohne Trauschein, geschweige denn gleichberechtigte Mitglieder dieser Gesellschaft als alleinstehende Mütter, sind sie es vielleicht in der "Karriere-Ehe"?
Das möglicherweise unsympathisch klingende Wort soll Positives signalisieren: Beide, Mann und Frau, sind auch Vater und Mutter und haben einen Beruf, der sich nicht mit der linken Hand machen läßt, in dem sie erfolgreich sind.
Das gemeinsame Monatseinkommen reicht beim Karriere-Paar aus, um eine Haushälterin, eine Putzfrau oder eine Kinderschwester bezahlen zu können. Das ist schon viel wert, wenn die Hausfrau, Ehefrau und Mutter sich zu guter Letzt auch noch auf ihre Talente, Fähigkeiten, Interessen besinnen möchte.
Daß in diesen Ehen beide Partner ihrem Beruf nachgehen können — attraktiven Berufen zumeist — scheint auf den ersten Blick keine Kunst zu sein. Die Kinder, für die alltags eine bezahlte Bezugsperson engagiert werden kann, wachsen in weiträumigen Familienhäusern mit Gärten auf, haben es mehr als gut im landläufigen Sinne. Die Mütter solcher Familien wenigstens müßten also gleichberechtigt sein in ihrem Tun und Denken, in ihrer Ehe, ihrer gesellschaftlichen Position, weil die Familie "es sich leisten kann".
Viele dieser Frauen mögen sich so fühlen, aber die Fakten und schließlich ihre eigenen Ansichten — soweit sie sich überhaupt dazu äußern mögen — sprechen doch oft dagegen. Die Berufstätigkeit der Wohlstandsfrau, ihre Arztpraxis, ihr Modeatelier, ihre Boutique ist in Karriere-Ehen nicht selten die höchste Stufe auf der Erfolgsleiter — aber letztlich eben doch eher aus der Prestige-Perspektive des Mannes.
Dr. Christa Babette Fischer ist Zahnärztin. Ihre Praxis in einem Hamburger Vorort übt sie im Gartenhaus aus, nur ein paar Schritte vom eindrucksvollen Familiendomizil entfernt, "damit doch wenigstens einer in der Familie einen anständigen Beruf ausübt. Ich habe ungewöhnliches Glück gehabt, habe keine finanziellen Probleme, habe meine Familie und meinen Beruf". Überdies sagt Christa Fischer: "Mein Mann mag den Typ Frau nicht, der sich nur um den Haushalt und die Kinder kümmert. Er mag kein Hausmütterchen." Er mag aber auch keine Frau, die nicht dann selbstverständlich zur Verfügung steht, wenn ihr Mann es erwartet.
Bringt Vorstandsvorsitzender Dr. Manfred Fischer des Abends Gäste mit nach Hause, was häufig geschieht und ebenso häufig erst wenige Stunden vorher vom Sekretariat angekündigt wird, dann ist zur Begrüßung der Geschäftsfreunde keine abgekämpfte, von der Arbeit ermüdete Ärztin erwünscht, sondern eine charmante Hausfrau.
"Ich kann nicht einfach sagen, das paßt mir nicht, wenn er überraschend Besuch anbringt oder mich auch mal auf eine Reise mitnehmen will." Dann wird die Praxis im Garten für zwei, drei Tage geschlossen oder eine Vertretung gefunden. "Reisen bedeutet im übrigen auch Streß." Darum, überlegt Zahnärztin Dr. Fischer, "ist die Haushälterin doch eigentlich mehr für meinen Mann da als für die Kinder und mich. Ich habe bis 18 Uhr Sprechstunde. Da kann ich nicht noch alles für die Gäste vorbereiten und die Kinder zu Bett bringen."
Sie könnte, wäre sie nicht berufstätig. Sie könnte auch ohne Bohrer, Plomben und Patienten auskommen. "Aber dann wäre ich nicht ausgelastet"", weil Haushälterin und Putzfrau ihr die Arbeit aus der Hand nehmen, und dann wäre sie nur das "Hausmütterchen".
Christa Fischer weiß im übrigen auch, was es heißt, ohne fremde Hilfe die Doppelbelastung einer Ärztin-Mutter zu ertragen. Ihrem ersten Mann hat sie in der Praxis assistiert. Aus dieser Ehe stammen die beiden Töchter Dorothee (9) und Stefanie (10), die "sehr stolz" auf sie sind. "Mein erster Mann war nicht bereit, die Mädchen mal zu versorgen, zu wickeln und zu füttern. Da waren die beiden ja noch klein und machten viel Arbeit. Und Kinderbekommen ist ja auch kein Pappenstiel."
- Datum 28.03.2008 - 13:51 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 06.03.2008
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