David Baltimore, Biologe, Nobelpreisträger und bis Februar 2008 Präsident der weltweit größten allgemeinen wissenschaftlichen Vereinigung AAAS (American Association for the Advancement of Science) ist einer der schärfsten Kritiker des US-Präsidenten innerhalb der Forschung.

ZEIT online: Herr Baltimore, was macht Sie so wütend?

David Baltimore: Das Weiße Haus und der US-Kongress haben der Wissenschaft in den letzten Jahren ausgenommen wenig Respekt entgegengebracht. Die Regierung versteht offenbar nicht, wie wichtig Unabhängigkeit für die Wissenschaft ist. Die muss ihr dringend wieder zugebilligt werden, denn unfrei funktioniert wissenschaftliches Denken einfach nicht. Ich denke, ich spreche damit für die meisten amerikanischen Wissenschaftler.

ZEIT online: Ist die Freiheit der Wissenschaft denn in Gefahr?

Baltimore:
Die Politik nimmt viel zu viel Einfluss. Und das ärgert uns. Als zum Beispiel der Klimaforscher Jim Hansen seine Meinung zum menschengemachten Anteil am Klimawandel öffentlich äußern wollte, hat man versucht, ihn daran zu hindern. Hansens Ansichten passten nicht zur Regierungsagenda.

ZEIT online: Was wäre denn ein gesundes Verhältnis von Wissenschaft und Politik? Was würden Sie sich vom Präsidenten wünschen?

Baltimore:
Oh, vieles. Vor allem würde ich ihm sagen: Bringen Sie die Wissenschaft zurück ins Weiße Haus, engagieren Sie einen eigenen Wissenschaftsberater. Bill Clinton hatte einen, George Bush nicht. Die Politik sollte Wissenschaftler in ihrem Tun ermutigen, ihnen die dafür nötige Unabhängigkeit lassen und ihnen das Geld geben, sich bewegen zu können. Die Politik müsste erkennen, dass Wissenschaft die Zukunft ausmacht. Sie müsste junge Wissenschaftler fördern, eigene Forschungswege zu finden, vielleicht auch einmal etwas auszuprobieren, was letztlich nicht zu einem Ergebnis führt. Wissenschaftlicher Erfolg fußt auf der Kreativität der Menschen, die Forschung machen. Dafür muss die Politik wieder Platz schaffen.

ZEIT online: Bekommt die Forschung denn genug Geld, um sich so zu entwickeln?

Baltimore: Unter Bush war die Gelderverteilung an die Forschung sehr unausgewogen, in manchen Bereichen gab es drastische Kürzungen. Einigen Forschungszweigen wurde der Geldhahn quasi komplett zugedreht, wie zum Beispiel der Gesundheitsforschung oder der Grundlagenphysik. Der Präsident, scheint mir, hat keinen Respekt vor deren Nutzen.