"Ich bin in der Stadt Aubagne geboren, unter dem von Ziegen gekrönten Garlaban, zur Zeit der letzten Ziegenhirten." So muss ein guter Roman anfangen. Einer, in den man sich reinlegt, bei dem man weiß: Jetzt darf ich träumen, in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Es ist der erste Satz von Der Ruhm meines Vaters , der erste Teil der Kindheitserinnerungen des französischen Schriftstellers Marcel Pagnol.

Pagnol wurde 1895 in Aubagne geboren, einer provenzalischen Kleinstadt zwischen Marseille und Toulon. Berühmt machten ihn vor allem seine Theaterstücke und Filme. Er war einer der ersten Regisseure von Tonfilmen in Frankreich. Dennoch verbinden ihn die meisten Franzosen besonders mit den Erinnerungen seiner Kindheit in der Provence. Diese muss jeder kleine Franzose, neben den obligatorischen Fabeln von La Fontaine, in der Schule lesen. Und die französischen Lehrer traktieren ihre Schüler gerne mit Diktaten aus dem Werk. Denn Pagnols Texte sind voll von Wörtern, deren Orthografie einen Schreibanfänger ganz schön ins Schwitzen bringen können. Man sagt, Pagnol verwende 30 Prozent mehr unterschiedliche Wörter als der durchschnittliche französische Romancier. Trotzdem bleibt bei Pagnol nicht die Erinnerung an staubtrockene Schulstunden. Die meisten lieben ihn. Weil er den Leser mitnimmt in die Welt einer unbeschwerten Kindheit mit all ihren Abenteuern und prägenden Erlebnissen.

Seine Kindheitserinnerungen bestehen aus vier Bänden, von denen der letzte posthum veröffentlicht wurde. Sie erzählen von seiner Kindheit in Aubagne und Marseille, wo sein Vater Lehrer an einem Gymnasium war, und von den langen ausgedehnten Sommerferien in der Bastide neuve, einem Häuschen im Marseiller Hinterland. Jahr für Jahr verbringt der kleine Marcel dort die Sommermonate Juli und August.

In dem kleinen Ferienhaus habe er die glücklichste Zeit seiner Kindheit verbracht, sagte der Schriftsteller. Das nimmt man ihm ab und beneidet ihn darum. Man beneidet ihn um die unglaubliche Freiheit, den ganzen Tag mit seinem Freund Lili durch die Hügel der Provence zu streichen, Fallen zu legen und Salamander zu fangen. Das Mittagessen, ein Zipfel Wurst und eine Scheibe Brot, eingenommen im Schatten eines Olivenbaums, erscheint dem Leser wie ein Festmahl – genau wie dem kleinen Marcel. Man fürchtet sich mit ihm, vor dem großen Uhu in der Höhle und dem Gewitter, das ihn in eben diese Höhle fliehen lässt. Und man leidet mit, wenn ihm Zweifel an der Heldenhaftigkeit seines größten Helden – sein Vater – aufkommen, als sich herausstellt, dass dieser ein ganz miserabler Jäger ist, eine Schande für einen echten Provenzalen.

Pagnol ist ein echter Lokalpatriot. Er war auch der Erste, der die Schauspieler in seinen Filmen in dem Dialekt der Südfranzosen, dem maschinengewehrartigen Accent Marseillais und dem weicheren Provenzalisch sprechen ließ. Und das zu einer Zeit, in der die französischen Behörden alles dransetzten, um von der Capitale aus ihren Bürgern in der Provinz die Dialekte auszutreiben. Nichtsdestotrotz wurde ihm die größte Würde, die einem französischen Schriftsteller zuteil werden kann, zugesprochen: 1946 erhielt er den Ruf an die Académie fran ç aise, dem Organ, dessen offizielle Aufgabe "die Vereinheitlichung und Pflege der französischen Sprache" ist.

"Edle Wörter sind solche, die Bilder in sich tragen", hat Pagnol einmal gesagt. Und er beherzigt bei der Wahl seiner Vokabeln eben diesen Ausspruch. In seinem Werk findet man kaum einen Satz, der nicht voll von Bildern und Assoziationen ist. Pagnols Bücher riechen und schmecken nach der Provence. Aus jeder Seite kriecht der Duft der Korkeichenwälder, der Oliven-, Aprikosen- und Mandelbäume. Jeder Satz schmeckt nach Thymian, Rosmarin und Lavendel.

Da verzeiht man ihm sogar, dass er dem großen Volkssport der Südfranzosen, dem Jagen von Singvögeln, anhängt. Auch das Massaker an einer Gottesanbeterin, die er in einen Ameisenhaufen wirft, um zu schauen, was passiert, sieht man ihm nach. Nicht nur das: Der Biologieunterricht an den kleinen Insekten lässt einen atemlos, es ist eine mehrseitige Beschreibung über den langsamen und grausamen Tod eines so schönen Geschöpfes, die sich liest wie ein Krimi.

Seine Kindheitserinnerungen hat Pagnol erst im Alter von 62 Jahren aufgeschrieben. In dem Vorwort zu dem ersten Band beschreibt er, wie sehr er mit sich gehadert hat, bevor er sich dazu entschließen konnte, seine Kindheit zu Papier zu bringen. "Wenn ich nicht aufrichtig bin – das heißt ohne alle Scham – verliere ich meine Zeit damit, Papier zu vergeuden." Und eben diese Aufrichtigkeit macht ihn so besonders und einzigartig.