Kjell ist ein durch und durch lässiger Typ. Während er spricht, streicht er sich die Haare aus der Stirn. Seine Jeans hängt so tief, dass man fürchtet, er könne sie jederzeit verlieren. Überhaupt passt der Zwölfjährige in das Hamburger Szeneviertel, in dem er wohnt. In seiner Freizeit spielt er Fußball und Schlagzeug. Keine dieser Beschäftigungen aber betreibt er mit soviel Zeitaufwand wie sein drittes Hobby. Und das wiederum will auf den ersten Blick so gar nicht zu ihm passen: Kjell ist Chorknabe. Zweimal in der Woche, vor Konzerten noch häufiger, fährt er nach der Schule mit dem Fahrrad zur Hamburger St. Nikolai-Kirche, nimmt die Stöpsel seines iPods aus den Ohren und taucht ein in eine andere Welt. Denn dann hört er nicht mehr die Musik der Red Hot Chili Peppers, seiner Lieblingsgruppe, dann singt er selbst. Zur Zeit Bach. Für die Aufführung der Johannes-Passion, die der Knabenchor jedes Jahr vor Ostern aufführt - in bodenlangen roten Kutten.

Mit neun Jahren kam Kjell zum Vorsingen zum Chor, nachdem er in der Schule durch seine schöne Stimme aufgefallen war. „Klar, wenn sich vor den Aufführungen die Proben häufen, muss ich mich manchmal ganz schön überwinden“, erzählt der Gymnasiast. Doch auf die Frage, warum er dennoch mitmache, ist plötzlich alles Coole aus seinem Gesicht gewichen.

„Singen macht einfach richtig viel Spaß“, sagt er. „Nach der Probe fühlt man sich dann viel besser. Irgendwie freier.“ Ähnliches berichten auch Kjells Freunde im Chor: vom manchmal lustlosen Hinweg und davon, wie sie dann zwar erschöpft, aber in fast berauschtem Zustand wieder nach Hause fahren. Wie das passiert? „Keine Ahnung!“ Aber die Erfahrung treibt sie immer wieder dazu, den inneren Schweinehund Woche für Woche zu besiegen.

Den Göttinger Neurobiologen Gerald Hüther verwundert die Aussage der Jungen ganz und gar nicht. „Wenn man sich mit dem Thema Singen beschäftigt, kann man nur eines erstaunlich finden: Dass wir als Gesellschaft zu blöd sind, um zu verstehen, welche ungeheure Kraft im Singen steckt“, sagt er. Gerade für Jungen habe Gesang – zumal in der Gruppe – etwas außerordentlich Anziehendes, erklärt er. „Sie erfahren im Chor einerseits das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit, weil die Modulation der Stimmbänder eine Form extremer Körperbeherrschung voraussetzt. Andererseits machen Sie die Erfahrung, dass sie gemeinsam mit anderen etwas Großartiges schaffen können, was ihnen alleine nicht gelingen würde.“ Beim Singen werde außerdem ein Körpermuster aktiviert, dass dem der Angst genau entgegengesetzt sei. „Der Brustkorb dehnt sich aus, der Hals wird lang, man kann die Luft nicht anhalten“, erläutert Hüther. Im Gehirn der Jungen entstehe durch diese Glückserfahrung eine regelrechte Sucht.

Eine Sucht, die sie vor späteren Süchten im besten Fall sogar schützen könnte. Jungen gelten zur Zeit als die neuen Problemkinder der Gesellschaft, die zwischen Computersucht und fehlenden Idealen den Anschluss an die Moderne zu verpassen drohen. Der Hirnforscher kommt zu einem eindeutigen Schluss: „Die beste Prävention? Schaffen Sie es, dass Ihr Sohn gern in eine Pfadfindergruppe oder in einen Knabenchor geht!“

„Weiter geht’s, Jungs!“ Die Pause ist zu Ende. Kjell läuft zur Tür des Probenraums. Die Leiterin des Chores Rosemarie Pritzkat steht in der Tür und lächelt ihren Zöglingen aufmunternd zu. Ein Gameboy ist ihrem Blick nicht entgangen. „Der verschwindet in der Tasche!“ Ein kurzes Geraschel, Gewusel, Gerenne. Und schon vollzieht sich vor den Augen des Betrachters eine fast unwirkliche Verwandlung. Es dauert nicht einmal eine Minute, bis aus der Gruppe von 100 Jungen und jungen Männern, die eben noch ein Bild heillosen Durcheinanders geboten haben, eine einheitliche Mannschaft geworden ist. Wo eben noch geschubst, Fußball gespielt, laut durcheinandergerufen und gerannt wurde, da stehen nun plötzlich alle an ihrem Platz.

Jeder hält seine Noten in den Händen. Und auf ein Zeichen von Rosemarie Pritzkat setzen Töne ein, die man aus den Kehlen von Kindern nicht für möglich gehalten hätte. Vier- manchmal fünfstimmig singen sie, voll konzentriert, glockenklar. „Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz soll er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.“ Kaum jemand, der diese Töne zum ersten Mal in seinem Leben hört, bleibt von ihnen unberührt. Und tatsächlich sind diese Stimmen durch nichts zu ersetzen, erklärt die Chorleiterin nach der Probe. „So können nur Jungen singen, bevor sie in den Stimmbruch kommen“, erklärt sie. „Dieser metallische, engelsgleiche und gleichzeitig so starke Klang.“