Die ersten Akkorde von John Coltranes Blue Train eröffnen die Sendung. Eine Frau spricht: »Es ist Nacht in der großen Stadt. Ein Nachtwächter spült seine Thermoskanne aus. Der letzte Zug aus Overbrook fährt in den Bahnhof ein. Dies ist die Theme Time Radio Hour mit ihrem Gastgeber: Bob Dylan.« Ein Honky-Tonk -Klavier swingt sich in den Vordergrund. Und dann ertönt diese Stimme. Näselnd, fast spöttisch im Ausdruck.

Der Drifter ist am Mikrofon. Wie zu Beginn jeder Sendung gibt DJ Dylan eine prosaische Einführung in das Thema. Heute soll es um Züge gehen; das Johnny Burnett Trio fährt ab mit Lonesome Train On A Lonesome Track . Dreimal gewannen die Rockabilly-Pioniere in den Fünfzigern die Ted Mack Amateur Hour , eine Talent-Show im amerikanischen Fernsehen, erzählt Dylan. In der kommenden Stunde wird dies nicht die einzige kuriose Anekdote sein, mit der er seine Hörer unterhält. Später wird er die Sendung mit diesen Worten beschließen: »Nehmt euch in Acht vor dem Kuhfänger!«

Die Idee, Bob Dylan für eine wöchentliche Radioshow ins Studio zu holen, hatte der Produzent Lee Abrams Ende der neunziger Jahre. Abrams gilt als Radioguru seiner Generation, sein Einfluss auf die amerikanische Rundfunklandschaft ist enorm. Als kreativer Direktor des damals jungen Satellitenradios XM war er auf der Suche nach einem außergewöhnlichen Sendekonzept.

XM Radio gehört seit 1988 zu den Stationen, die ausschließlich über Satellit und im digitalen Radio zu empfangen sind. Mehr als 180 verschiedene Musik- und Themenkanäle gehören mittlerweile zum Programm des Senders. Darunter finden sich Wellen für jede nur denkbare Musikrichtung. So können Hörer auf XM Led 24 Stunden lang Led Zeppelin hören, während sich allein sieben Kanäle der Country-Musik widmen.

Der Anbieter wendet sich an eine ältere Hörerschaft, die sich nicht mehr von ständig wechselnden Formaten und Musikrichtungen ablenken lassen will. Hier muss keiner mehr umschalten, denn das Programm lässt sich auf die persönlichen Vorlieben des Hörers abstimmen. Darüber hinaus bieten die spezialisierten Kanäle viel Raum für Experimente: Tom Petty moderiert hier seine eigene Sendung, ebenso wie der HipHop-DJ Prince Paul und die Country-Legende Bill Anderson. Prominente Künstler wie Snoop Dogg und Willie Nelson sind an einigen Sendekonzepten beteiligt.

Für den unberechenbaren Dylan musste ein ganz besonderes Radioformat gefunden werden. Man einigte sich auf eine wöchentliche Show, die jeweils ein bestimmtes Thema in den Mittelpunkt stellt. Die Auswahl der Lieder überließ man Dylan sowie dem Produzenten und Musikenthusiasten Eddie Gorodetsky. Die Theme Time Radio Hour sollte aber nicht eine Radiosendung unter vielen sein. Stattdessen sollte sie einen Eindruck davon vermitteln, was Radio einst zu leisten vermochte. Mit Hilfe von Gorodetskys enzyklopädischem Musikwissen und Dylans Moderation sollten Bilder und Geschichten aus der Blütezeit des Radios wieder auferstehen. Radio Theatre nennt der Kreativdirektor Lee Abrams dieses Experiment, das Radio als Bühne des Lebens.

Im ersten Teil seiner Autobiografie The Chronicles hat Bob Dylan seine Liebe zum Rundfunk beschrieben: »Im Radio war ich immer auf der Suche.« Das gilt auch für die Theme Time Radio Hour . Immer wieder ergeben sich ungewohnte Wendungen und herrlich unzeitgemäße Brüche. Theme Time Radio klingt wie eine amerikanische Welle aus den fünfziger Jahren, deren Moderator vergessen hat, den Kalender umzublättern. Die Show ist eine Reise in ein längst vergangenes Amerika, dessen wichtigste kulturelle Errungenschaft Baseball und Apfelkuchen sind.