Neue Bücher Schweinshaxen der Weltliteratur

Eine Flut der Superlative bricht aus den Verlagskatalogen: Jedes Jahr wird der schönste, tollste, beste, atemberaubendste Roman geschrieben. Muss das sein?

Der Frühling! Blätter sprießen, Vögel singen, und pünktlich zur Leipziger Buchmesse kommen die Neuerscheinungen. Die Verlagsprospekte bewerben wieder mit einem gigantischen Wortvolumen das altmodische Vergnügen Bücherkaufen und, ähm ja, lesen.

Ohne einzelnen Autoren, Verlagen, Kritikern, Lektoren, Werbeabteilungen und Lesern nahe treten zu wollen - während man die Buchkataloge durchblättert, bekommt man Kopfschmerzen. Denn die Sprache, mit der Bücher beworben werden, kommt einem bekannt vor. Nicht nur, dass jedes Folgewerk eines Großschriftstellers noch besser, schöner, wortgewaltiger, umfassender und gewichtiger ist. Daran hat man sich gewöhnt. Doch auch die Wucht, mit der inzwischen auf allen Ebenen des Buchmarkts geprotzt wird, hat eine neue Dimension erreicht.

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Immer wieder ist in diesen Katalogen die Rede von "unverschämt guten und erheiternden Romanen", von "sehr vergnüglichen, frech und flott erzählten Romanen", von "atemberaubenden", "definitiv besten Romanen", "die je geschrieben", "gelesen" oder "gedruckt" wurden, von "absolut meisterhaft Erzähltem", "famos, abenteuerlich, umwerfend Komischem". Ja sogar von "zynisch Explosivem".

Als sei der Leser ein zu Zerfetzender, ein zum Bersten freigegebener Hohlkörper, der sich freiwillig zur Explosion zur Verfügung stellt.

"Tief bewegend", "wunderschön erzählt", "glänzend", "erhellend", "brillant" -  wenn ein Buch nur "faszinierend", oder sogar nur "bemerkenswert" ist, geht es in der Flut der Superlative unter. "Einfühlsam und klug", "unglaublich fesselnd" sind gern benutzte Auszeichnungen. Was ist dagegen ein Roman, der einfach nur "rund" ist? Oder einer, der nur noch "und" ist? Ein Plus, ein Zusatz, zu allem, was es schon gibt und gab. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Buch sollte in der Tat mehr können.

Warum kann ein Roman nicht einmal "manisch verzahnt" sein? Weil das verschreckend erscheint? Dann doch lieber ein "packender Roman", "ein hochpoetisches Buch" von oft zitierter "seltener Schönheit".

Das Mindeste, was man über einen Roman heutzutage sagen sollte: Er ist große Literatur. Nur Griesgrämigen, wie Waldorf und Statler, den beiden Alten aus der Muppet-Show, fiele da die Frage ein: Wie groß denn eigentlich? Zwei Meter? Drei? Fünfhundert? Drei Zentimeter? Und bei Gedichtbänden? Sieben Millimeter? Wie zuverlässig sind diese Angaben? Es gibt auch Verlage, die ihre Bücher in Gramm messen (zwischen 825g und 6845g). Ein echter Kochschinken, eine massive Keule oder Schweinshaxe von Weltliteratur?

Leser-Kommentare
    • Ranjit
    • 12.03.2008 um 15:09 Uhr

    Der Artikel beschreibt eigentlich sehr schön, warum ich solche Prospekte gar nicht lese.Es ist einfach nicht aussagekräftig, wenn man die kurzen Werbeslogans ließt, oder die Kurzzusammenfassung im Klappentext. Es ist manchmal zwar erheiternd, nachdem man ein Buch gelesen hat, sich die "Zusammenfassung" noch einmal zu Gemüte zu führen und sich zu fragen, ob der Verfasser des Klappentextes den Roman überhaupt gelesen hat.Aber im Endeffekt läuft es dann eben auf die Empfehlungen von Freunden heraus. Man kennt sich und auch den Geschmack des jeweils anderen und da fällt es leicht einen Roman zu empfehlen. Das Internet ist natürlich auch hilfreich, sowohl Communities als auch Rezensionen. Aber man sollte auch nicht unterschätzen wie viel ein gutes Cover und eine Werbekampagne ausmachen. Nicht jeder hat den Anspruch ein wirklich innovatives Werk zu lesen. Vielen ist es, und das meine ich ganz wertungsfrei, einfach genug sich unterhalten zu lassen, ganz ohne über das Buch hinaus denken zu müssen.Somit hält man es mit dem Werbe-Tamtam der Verlage wohl am besten wie mit Internetbannern: Einfach ausblenden.

    • Anonym
    • 12.03.2008 um 15:51 Uhr

    das wort 'romanmulde' ist wirklich gut!
    vielleicht haben die muldigen hochpreisungen auch etwas mit nach oben schnellenden preisen zu tun. das taschenbuch kann man nicht mehr als billig bezeichnen. hardcover ruinieren einen. auch steigt die seitenzahl mit den glorifizierenden adjektiven.
    und schreibt noch jemand unter 400 seiten?
    bücher kauft man am besten aufmerksam und schnell schlendernd durch mehrere buchläden. no risk no fun!

    • hagego
    • 13.03.2008 um 10:34 Uhr

    !sensationell! unglaublich! diese vielfalt an perspektiven! gehobene literatur für alle! der autor der stunde, der woche, des monats, des jahres! haben sie die metaebene erkannt? reich-ranicki würde knurren - ein großer frauenroman! heidenreich würde schnurren: den traven müssen sie lesen! ich habe ihn wiederentdeckt, weil mir der verlag ein vorabexemplar zugeschickt hat. philosophie einfach erklärt. maß für maß wird habermas vermaßt... zettels traum - wer hat es je gelesen? viele bildungsbürger sitzen drauf. morgen fahr ich nach telgte, obwohl ich einiges gegen grass vorbringen könnte. tiefe einblicke in den boulevardjournalismus bietet f.j. wagner. und wenn wir schon über die sumpfgebiete in key west reden, eine empfehlung: die memoiren der charlotte roch! schlüpfrig, peinlich - muss man einfach lesen!steinberg? kennen sie nicht? amerikanischer hat noch nie jemand gezeichnet! vielleicht nur tomi ungerer in den 60er jahren! kohl, der dritte teil. allein sein ehrenwort wird über 22 lange seiten hochspannend erklärt. Lesen bildet.Und Bücher bilden die Wirklichkeit ab.Na, dann: viel Vergnügen!

  1. Der Buchmarkt-Boom und die Superlative der Buchmesse-Verlagskataloge bilden die Wirklichkeit einer Buch-Krise nicht ab: Highlight auf einer Buchmesse wäre die Diskussion über das Buch-Verlagswesen. Das Bücher-Einerlei der Ketten wie Thalia, Hugendubel etc. ist augenscheinlich. Wenn wir heute Buch-Kaufhäuser – deren Filialen in Eins-a-Lage der Städte - besuchen, vermissen wir auch buchhändlerische Kompetenz. Bücher von kleinen und mittleren Verlagen, die nicht auf den Topp-Listen stehen, findet man in den Großbuchhandlungen selten oder gar nicht ausgelegt. „Tante-Emma-Läden“ verschwinden. Computer in den Ketten können manch Ungewöhnliches, Qualitatives, Anspruchsvolles nicht finden; oft nur über das VLB. Im Internet boomen Amazon und die buch.de internetstores AG. Manche interessante und wichtige Novitäten werden hier wie auch von Universitäts-Bibliotheken nicht registriert. Print-Medien rezensieren hauptsächlich Bücher der Groß-Verlage. Geringe Chancen auf dem Buchmarkt haben unbekanntere oder junge Autoren und deren Verlage/Verleger. Den Buchmarkt bestimmen - analog dem Kunstmarkt - immer mehr Krawall, Klamauk und Kommerz. Schön, dass sich der Luxusartikel Buch wieder gut verkauft. Titel von Prominenten (Kerkeling & Co) reüssieren. Konzentrationsprozesse bei Verlagen und im Buchhandel geben aber zu denken: Von kulturelle Vielfalt bei Büchern kann angesichts der Probleme im Buchmarkt nicht mehr gesprochen werden. Die Medien sollten buchpolitische Debatten initiieren. Das Buch als Produkt (Ware) ist etwas ganz Besonderes: Seine Rolle als schützenswertes Kulturgut – Kultur-Medium – gilt es heutzutage zu fördern! Die großen Buchhandelsketten bedrohen nicht allein die vielen kleinen Buchläden. Sie machen die Verlegerei noch schwieriger als ohnedies. Als Buch-Autor und Klein-Verleger kann ich (mit Kollegen) ein Lied davon singen (www.art-and-science.de). Bekannt wurde, dass Expansion und Dominanz  (Monopolbildung) der Großfilialisten die Gefahr bergen, dass sogar auf die Programm-Eentscheidungen der Verlage Einfluss genommen wird. Ob ein Buch auffällig und publikumswirksam im Buchhandel positioniert wird oder überhaupt in den Bestand eines Buchhandels aufgenommen wird oder nicht, ist leider oft nicht zuletzt eine Frage des Geldes. Schon heute müssen sich die Verlage ungünstige Konditionen gefallen lassen. Experten zufolge verlangen die Großfilialisten beim Einkauf durch zahlreiche Sondervereinbarungen Rabatte von mehr als 50 Prozent. <?xml:namespace prefix =" o" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:office:office"" />

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