Internet Dörfer ohne Anschluss ans globale Dorf
Nur jeder zweite deutsche Haushalt hat Zugang zum Breitband-Internet. Vor allem auf dem Land gibt es Abhilfe nur per Selbsthilfe
Grafiker oder Webdesigner, die auch mal zu Hause arbeiten, Jugendliche, die Musik und Videos im Internet kaufen, Studenten, die an Teleteaching-Veranstaltungen teilnehmen, freie Hörfunkjournalisten, die ihre Beiträge an den Sender schicken – sie alle sind auf eine leistungsstarke Internetverbindung angewiesen. Wer in der Stadt wohnt, hat inzwischen die Auswahl zwischen Dutzenden Anbietern. Dank Konkurrenz ist der Preis für Flatrate-Anschlüsse in den letzten Jahren deutlich gesunken. Dumm dran ist dagegen, wer in einer der 800 Gemeinden lebt, in denen es keinen einzigen Breitband-Anbieter gibt. Die Hälfte aller deutschen Haushalte muss sich mit Geschwindigkeiten unter zwei Megabit pro Sekunde zufriedengeben, drei bis vier Prozent sind gar auf das klassische Telefonmodem angewiesen – in Zeiten immer schneller wachsender Datenmengen eine quälend langsame Verbindung ins globale Dorf.
Die einst staatliche Telekom und ihre private Konkurrenz werden das Problem nicht lösen. Denn die Verkabelung von Dörfern, Streusiedlungen und abgelegenen Bauernhöfen ist teuer und amortisiert sich über die Nutzungsgebühren selbst nach Jahrzehnten nicht. Anders als bei der Post gibt es auch keine gesetzliche Versorgungspflicht und der Versuch, eine zu schaffen, würde an den Wettbewerbsregeln der EU scheitern. Davon geht zumindest Bernd Pfaffenbach aus, zuständiger Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Er rät betroffenen Bürgern, Bürgermeistern und Gemeinderäten deshalb, die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Die Bundesregierung stelle 30 Millionen Euro als "Hilfe zur Selbsthilfe" zur Verfügung , kündigte Pfaffenbach auf der Cebit in Hannover an.
Patentlösungen gibt es nicht. Das sagen alle Initiativen, die versucht haben, ihren Ort zum Teil des globalen Dorfs zu machen. Zum Beispiel Rheinsberg in Nordbrandenburg. Mit einer Fläche von mehr als 300 Quadratkilometern ist es eine der größten Gemeinden Deutschlands, mit 17 im Wald versteckten Ortsteilen aber auch eine der zersplittertsten. Ein Fernsehkabelnetz, das genutzt werden könnte, gibt es nicht. Die Datenübertragung im Stromnetz kam wegen der langen Leitungswege und der zahllosen Umspannstationen aus Kostengründen nicht infrage. Ein sogenanntes WiMax-Funkverteilnetz scheiterte daran, dass sich viele Häuser in Waldlichtungen befinden und die 20 bis 25 Meter hohen Bäume dem Richtfunkverkehr im Weg stehen.
"Unsere Lösung besteht aus einer Kombination verschiedener Techniken", sagt Wolfram Jeske, der mit seiner kleinen IT-Firma vom Rheinsberger Bürgermeister mit der Erarbeitung eines Konzepts beauftragt wurde. Per Richtfunk soll das öffentliche Internet an zentrale Masten auf Schornsteinen und Hügeln in sechs Ortsteilen geschafft werden. Die einzelnen Haushalte werden dann von dort per Kabel oder mit einem lizenzfreien WLAN-Drahtlosnetzwerk versorgt, das Daten zum Teil von Haus zu Haus weiterreicht. Pro Richtfunkempfänger sind mindestens 240 Kunden nötig, um die Wirtschaftlichkeit zu garantieren. "Mit mehr als zehn bis zwölf Prozent des Kundenpotenzials kann man vor dem Netzstart aber nicht rechnen", hat Jeske festgestellt. Und das auch nur, wenn der Preis des Breitbandanschlusses im Rahmen dessen bleibt, was auch in Großstädten üblich ist.
Wer auf dem Land lebt, ein schnelles Internet braucht, aber nicht genügend Gleichgesinnte für eine solche Bürgerinitiative findet, dem bleibt als letzte Möglichkeit eine Verbindung per Satellit. Die allerdings geht ins Geld. Schon die Anschaffung der nötigen Geräte – Satellitenschüssel und Decoder – kostet über 150 Euro, dazu kommen monatliche Gebühren, die weit über den Festnetztarifen liegen. Und für Grafiker oder Hörfunkjournalisten ist die Satellitentechnik wenig geeignet. Sie bietet zwar eine hohe Bandbreite für den Download, der Upload aber, also das Versenden eigener Daten über das Internet, bleibt auf die Piepstöne eines langsamen Telefonmodems angewiesen.
- Datum 06.03.2008 - 06:11 Uhr
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







2-Wege-Satellitenverbindungen werden zu moderaten Preisen seit 1 Jahr angeboten. Das einzige Problem sind die (systembedingt) längeren Latenzzeiten.http://de.wikipedia.org/w...http://www.golem.de/0703/...______________________________________
Meine Nr.1 Politdokumentation 2007:
John Pilger's "War on Democracy"
http://youtube.com/result...
... ich kenne Aussagen von Telekom-Technikern, dass lediglich Module im Wert von 1000€ oder 2000€ in irgendwelchen Verteilern ausgetauscht werden müssten - Keine Amortisierung der Nutzungsgebühren selbst nach Jahrzehnten erscheint mir hier etwas übertrieben. Vielleicht möchte hierzu mal jemand recherchieren...
Der Autor hat so wenig zu den entsprechenden (drahtlosen) Übertragungstechniken recherchiert und das wenige so sinn-entstellt formuliert, dass man wirklich von Desinformation sprechen kann.Ich schließe mich daher dem Urteil von "Berliner" vollinhaltlich an.Athe0
Tatsächlich ist so, dass nicht nur relativ abgelegene und "im Wald" beheimatete Döfer keinen Zugang zu DSL bekommen, sondern durchaus auch Gemeinden, die einfach etwas abseits der wirtschaftlich lohnenden Ballungszentren liegen. Ein Beispiel ist etwa die Gemeinde "Flieden" im Main-Kinzig-Kreis: Eigentlich relativ zentral zwischen Frankfurt und Fulda gelegen verfügt diese bis heute noch über kein DSL.
Die Zonis hatten bei der Pflege ihres Atheismus die bestehenden klassischen Relaisstationen in ihren Dörfern verkommen lassen. Beispiel: Pobles neben Lützen südlich von Leipzig. Ohnedies ein sehenswerter Ort. Weil man dort ähnlich der Dokumenta in Kassel wie nirgends sonst auf der Welt besichtigen kann, welche Blüten hervortreiben, wenn jeder sich bei der Gestaltung seines Vorgartens im Baumarkt seiner persönlichen Ästhetik folgend bedienen kann. Ich habe so etwas weltweit noch nie gesehen. Man bekommt nur vom Hingucken Kopfschmerzen.Mitten im Dorf steht die Ruine der Kirche. Und nicht irgendeine Kirche! Kulturgeschichtlich ein Leckerbissen. Der kleine Nietzsche wanderte einst die paar Kilometer von Röcken herüber um hier seinen Großvater, den Ortspfarrer, zu besuchen.Zum Thema: Stünde der Turm noch, wäre er Basis für eine Funkstrecke zum nächsten DSL-Knoten. Ebenso wie in vergleichbar vergessenen Gegenden der übrigen Republik. Funk-DSL hat einen wesentlich effizienteren Upload und ist deshalb gegebenenfalls schneller als Kabel. Notfalls ließe sich das Equipment sogar selber herstellen. Bastelanleitungen stehen im www. Kommerzielle Anbieter gibt es genug. Die Larmoyanz ist jedenfalls nicht nachvollziehbar. Bedient allenfalls die seit Jahrzehnten wohlfeilen Ressentiments gegenüber der Telekom. Die vielleicht gerade hier mal ausnahmsweise unberechtigt sind.Die Sache war auch seit Jahrzehnten in Gestalt der Umsetzer fürs terrestrische Fernsehen technisch gelöst. Reicht mal der Kirchturm nicht, obwohl er noch steht, bastelt die Gemeinde halt einen Umsetzer auf den nächsten Hügel. Umweltverträglich vielleicht sogar als Kapelle für einen passenden Heiligen gestaltet.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren