ZEIT online: Herr Henke, der Marburger Bund möchte zehn Prozent mehr Lohn für die Ärzte an den Krankenhäusern von Städten und Gemeinden. Das ist weit mehr, als andere Beschäfigte im Öffentlichen Dienst verlangen. Haben die Ärzte mehr als andere verdient?

Rudolf Henke: Ja, unsere Forderung ist gut begründet. Einerseits sind die Ärzte in den Kliniken durch die Einführung von Fallpauschalen deutlich produktiver geworden. Die Patienten bleiben kürzer im Krankenhaus, jeder Arzt behandelt heute mehr Patienten als noch vor zehn Jahren. Deutlich höhere Löhne sind aber auch deshalb wichtig, damit die Kliniken für Mediziner als Arbeitsplatz wieder attraktiv werden. Allein im vergangenen Jahr sind rund 2600 junge Ärzte ins Ausland abgewandert, wo sie deutlich besser bezahlt werden. Unternehmen wir nichts, bekommen wir ein Fachkräfte-Problem.

ZEIT online: Schon heute verdient ein Arzt, der in einer kommunalen Klinik arbeitet, zwischen 3420 und 6500 Euro brutto. Für die meisten Menschen ist das eine Menge Geld.

Henke: Im internationalen Maßstab ist es aber immer noch zu wenig. In Großbritannien verdient ein Klinikarzt 50 Prozent mehr als in Deutschland, in den USA sogar 70 Prozent. Gut ausgebildete Ärzte werden in Deutschland immer knapper. Viele jungen Kollegen können sich ihren Arbeitsplatz auf der ganzen Welt aussuchen, fast alle sprechen fließend Englisch. Die Krankenhäuser in Deutschland konkurrieren deshalb auch mit dem Ausland um Nachwuchs und müssen ihm gutes Geld bieten.

ZEIT online: Richten Sie ihre Forderung nicht an die falsche Adresse? Die kommunalen Kliniken dürfen ihre Ausgaben nur um 0,64 Prozent erhöhen. Das hat die Bundesregierung festgelegt. Die Krankenhäuser sind geknebelt. Woher sollen sie das Geld nehmen?

Henke: Diese Frage müssen andere beantworten. Uns ist klar, dass ein System, bei dem die Preise diktiert werden, irgendwann vor die Wand fährt. Es wird aber nicht besser, wenn wir auf unsere Forderungen verzichten. Selbst wenn wir uns nicht durchsetzen würden, wird die Politik die Finanzierung der Krankenhäuser nicht verbessern. Die Haltung in Berlin ist offenbar, dass es völlig egal ist, ob die Leute ins Ausland abwandern. Das können wir nicht hinnehmen.

ZEIT online: So aber tragen sie dazu bei, dass die Krankenhäuser an anderer Stelle sparen müssen. Zum Beispiel bei den Pflegern. Ist das fair?