Der Ölpreis hat eine neue Rekordhöhe erreicht. In New York notierte am Donnerstagvormittag ein Barrel erstmals über 105 Dollar (für die in den USA maßgebliche Sorte WTI zur Auslieferung im April). Öl der Nordseesorte Brent kostete mehr als 102 Dollar je Fass. Auch das ist ein neuer Höchststand. Später gaben beide Preise wieder ein wenig nach.

Für die Preisspirale gibt es mehrere Gründe. Kurzfristig hat vor allem ein Beschluss der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) vom Mittwoch die Teilnehmer am Ölmarkt pessimistisch gestimmt. Die OPEC entschied, der Teuerung nicht entgegenzuwirken und ihre Förderquoten unverändert beizubehalten, also nicht zu erhöhen – das trieb den Preis über die 105-Dollar-Marke.

„Es ist absolut unverständlich, was die OPEC da tut“, sagt Frank Schallenberger, Rohstoffexperte der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). „Wenn sie den Hahn nicht weiter aufdreht, übersteigt die Nachfrage nach Öl das Angebot täglich um eine Million Fass.“ Die Folge seien sinkende Lagerbestände und Knappheit. Alternative Anbieter gebe es kaum, denn die Vorräte jener Ölländer, die nicht zur OPEC gehören, zum Beispiel Großbritannien oder Norwegen, gingen zur Neige.

Zusätzlich wurde, ebenfalls am Mittwoch, überraschend gemeldet, die US-Vorräte an Rohöl seien zurückgegangen . Auch das schürt die Sorge, Öl könnte knapp werden. Politische Krisen in wichtigen Lieferländern, etwa Nigeria oder Venezuela, verstärken den Preisauftrieb weiter. In Nigeria, dem achtgrößten Ölexporteur der Welt, leidet die Förderung seit Jahren unter Angriffen von Aufständischen, die eine gerechtere Verteilung der Öleinnahmen fordern. Venezuela, die Nummer sechs unter den Exportländern, streitet sich seit Monaten mit den USA über die Verstaatlichung seiner Ölquellen. Noch gravierender ist wohl der aktuelle Konflikt zwischen Venezuela , Ecuador und dem Nachbarland Kolumbien. Nachdem kolumbianische Truppen auf ecuadorianischem Boden vor wenigen Tagen einen ranghohen Farc-Rebellen töteten, warnte Venezuelas Präsident Hugo Chávez gar vor einem Krieg .

Hinzu kommt: Die Krise der Kapitalmärkte treibt mehr und mehr verfügbares Geld in vermeintlich sichere Anlageformen. Deshalb ist neben dem Ölpreis auch der Goldpreis stark gestiegen. Spekulanten nutzen die Dynamik des Marktes und stecken ihr Geld ebenfalls in Öl. So treiben sie den Preis noch weiter in die Höhe.

All das scheint jene Analysten zu widerlegen, die im vergangenen November eine Verbilligung des Rohöls im Laufe des Jahres vorhersagten. Damals kratzte der Ölpreis an der 100-Dollar-Marke. Nun liegt er deutlich darüber. „Wir hatten bis vor wenigen Wochen gedacht, dass Öl durch die konjunkturelle Abschwächung in den Industrieländern wieder billiger werden würde“, sagt Gabriele Widmann, Rohstoffexpertin der Deka-Bank. „Nun ist aber die Dynamik der Schwellenländer so stark, dass sie das mehr als ausgleicht.“