Der "Ick-Factor"
Nun also Spitzer. Die Debatte über ihn ist in Amerika, verglichen mit der über Clinton und Lewinsky, erstaunlich unhysterisch und vernünftig. Das parteipolitisch motivierte Hecheln ist weg, wohl auch deshalb, weil der Spitzenkandidat der Republikaner, John McCain, womöglich selber eine Affäre hatte. Bewiesen ist das nicht, und den meisten Amerikanern ist es sowieso egal. Und die Late-Night-Komiker spinnen es eher als Gerücht aus dem McCain-Camp, das belegen soll, dass der 71-jährige Senator noch viril und jung genug ist, um Präsident zu werden.
Stattdessen wird in Amerika nun über Prostitution und Moral geredet: Wäre es nicht besser, Prostitution zu legalisieren? Wenn es darum geht, Menschenhandel zu unterbinden, warum werden dann Prostituierte kriminalisiert, auch Minderjährige? Sind diese Gesetze noch zeitgemäß? Wie viel Recht auf Privatleben gibt es? Wie würde Europa damit umgehen?
Aber hier ist der Unterschied zwischen amerikanischen und deutschen Sexskandalen. Die amerikanischen haben - fast - alle das, was Carrie Bradshaw in der Fernsehserie Sex and the City den "Ick-Factor" nennt. Dieses Unangenehm-Schlüpfrige, das Zuschauer veranlasst, sich die Hände waschen zu wollen. Dass sich Schröder oder Wulff eine neue junge Frau suchen und Seehofer mit einer überraschenden Vaterschaft konfrontiert wird, ist nicht die Moral unserer Großväter, aber doch eine Erfahrung des normalen Lebens. Nutten in Hotels oder schwule Massagesalons gegen Cash, damit will niemand etwas zu tun haben.
Nun gibt es eine Korrelation zwischen dem Maß an Puritanismus und dem "Ick-Factor". Je puritanischer eine Gesellschaft ist, je weniger sie schwule Lebensgemeinschaften, Scheidungen und das Zusammenleben unverheirateter Paare toleriert, eben all das, was von der althergebrachten Moral abweicht, um so mehr brechen sich sexuelle Bedürfnisse eruptiv und seitwärts eine Bahn, im Geheimen. Wird eine Gesellschaft toleranter, dann verschwindet auch diese Art von Skandalen aus den Schlagzeilen. Wenn es in Amerika erst normal geworden ist, dass ein Präsident in vierter Ehe verheiratet ist und ein Gouverneur mit seinem Freund zusammenlebt, wird das Land auch den "Ick-Factor" los. Dann wird selbst Alan Derwhowitz verstehen, warum es in Europa toleriert wird, wenn der Landwirtschaftsminister eine Affäre hat, nicht aber, wenn es um Gesetzesbruch, Geldschieberei und Ausbeutung von Frauen geht.
- Datum 13.3.2008 - 08:21 Uhr
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Ich erinnere mich immernoch gerne an den Fall Friedmann. Oder wie ihn die Öffentlich seitdem kennt "Paolo Pinkel"! Ich denke mal der ein oder andere Leser wird sich noch an den ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden erinnern, unser Michel was für ein böser Bub! Das war, oder vielleicht ist, genau sein Ding gewesen diese rauschenden Koks und Nutten- Parties, herrlich, Friedmann, die moralische Instanz erwischt mit illegalen Nutten aus Osteuropa wie er sich schön das Schnuppernäschen pudert! Dass war auch ein Sexskandal und den haben wir auch ausgekostet, insofern unterscheiden wir uns doch nicht so sehr von den Amis, warum auch, war ja am(i)sant ;-) Was ist eigentlich aus Michel geworden? Der sprüht sein Gift doch wieder auf irgendwelchen B-Sendern in den Äther, ob der Ami auch soviel Gnade(von wem auch immer) finden wird wie Paolo bei uns? Nuja schaumermal! Ich empfehle mich jetzt mal, ciao.
mh, war bzw. ist der nicht bei Ntv zu sehen?
Jetzt wissen wir also, dass die Amis mit ihrem perversen und verlogenen Protestantismus trotzdem quer durch das Gemuesebeet gehen. Aber es gibt in den USA noch gewisse Regeln und Tabus. Bei uns gibt es inzwischen keine Regeln und Tabus mehr, hier kann jeder mit jedem, oeffentlich oder privat und wehe, wer daran Anstoss nimmt. Alles wg. der freien Entfaltung der Persoenlichkeit und de GG. Totale moralische und kulturelle Dekadenz. Keiner blicket mehr durch. Siehe auch Erich Kaestner aus den 20-ziger Jahren:
" Das Echte ist falsch und das Falsche ist echt. Hier findet sich kein Schwein zurecht."
die vier stündige befragung (oder was sich so impeachment nennt) bill clintons gesehen hat, damals auf cnn, was man vielleicht positiv mit salzen grillen zerfleischen pöckeln fressen beschreiben kann, der weiss, dass sich so schnell nichts ändern wird.
heute gabs auf cnn, bbc, cnbc ausreichend hysterische und zwangsneurotische kommentaren und moderatoren, die mit ihren nichtssagendem durcheinandergekreische nach einem fitzelchen porno ihrem ruf als randfiguren der medienindustrie alle ehre machten.
dazu gabs bilder von dem wagen, der mr. spitzer zur pressekonferenz fuhr. von oben. wie bei o.j. simpson.
dass der cnn-reporter ruhig sagen konnte, dass er sich noch nicht mal sicher ist, ob das der richtige wagen sei, verweist nur darauf, wie wurscht es ist, was man noch zeigt, hauptsache es flutscht irgendwas.
irgendetwas, das auf keinen fall das momentum einer information in sich trägt.
... please have a look:http://www.jjahnke.net/angst.htmlhttp://kommentare.zeit.de/node/126663/98473#comment-98473Ansonsten eine kleine Empfehlung an alle, die noch denken wollen:nehmt ein Tonbandgerät und zeichnet von einer beliebigen Nachrichtensendung im Rundfunk oder Fernsehen den Ton auf.Anschließend Satz für Satz abspielen und analysieren, wo Information, wo Interpretation und wo reine Manipulation vorliegt.Ggf. die Informationen (oder das was dafür gehalten wird) im Internet recherchieren. Einmal machen - dann ist die Meinung über unsere Medien klar!Es funktioniert IMMER!
Clinton hatte Lewinsky kein Geld gezahlt und es war im Prinzip eine Privataffaire die wohl seiner Frau am meisten wehgetan hat. Spitzer hat natuerlich gleichfalls seine Famile (Frau und drei Toechter) hintergangen, aber sein Fall liegt schwerer aus flogenden Gruenden:1.) Es war keine einmalige Affaire, ein Ausrutscher, sondern Gewohnheit (was bekommt man fuer 80 000 Dollar?) und professionell angeheuert2.) Integritaet: fuer jemanden, der Moral und Ethik auf seine Fahnen geschrieben hat, und andere dafuer hart verfolgt hat, hat er nun jegliche Glaubwuerdigkeit verloren.Politikern kann man einfach nicht mehr glauben - so sehen es nun die Waehler.Die Fuehrungselite verspielt ihren moralischen Fuehrungsanspruch voellig und taugen nicht mehr als Rollenmodell fuer die Gesellschaft. 3.) Prostitution sollte legal sein, dafuer muss sie aber versteuert werden.Wenn (unverheiratete) Maenner Prostituierte aufsuchen um ihre biologischen Beduerfnisse gegen Entgeld zu befriedigen, dann ist das nicht viel anders als ein Restaurantbesuch. Wer aber Familie hat und dazu in einer oeffentlichen Vertrauensposition als Staatsdiener steht, der muss sich darueber im Klaren sein dass Nutten/ Callgirl-Besuche weder vorbildhaft sind noch dazu angetan sind als Repraesentant zu fungieren, der Kriminalitaet, Korruption und Prostitution Einhalt gebieten soll. Ist also kein Kavaliersdelikt, es ist nicht viel anders als ob man einen Vegetarier-Apostel beim Wurstessen erwischt.Die Affaire zeigt aber noch mehr, naemlich dass das politische Modell von Einzelvertretern (ohne Checks-und-Balances) nur zur Anreicherung von Geld und Macht dient und sich von jeglicher Verantwortung losgesagt hat.Wenn die politische Kaste in dieser Verantwortung versagt, dann kippt auch die uebrige Gesellschaft um ("die da Oben kuemmern sich einen Dreck" oder "was die koennen, das kann ich auch"). Wir sind Zeugen des Versagens eines ganzen Systems.
natürlich ist clinton und spitzer nicht direkt vergleichbar. clinton ist harmloser, was er selbst, wenn er an seine vernehmung denkt, wahrscheinlich bestreiten wird.dass systeme durch sexualität kippen oder versagen? eher werden sie stabilisiert. alles ist ware. alles muss gekauft werden. also funktioniert das system. wehe wenn der verbraucher sich zurückhält!ob ich jetzt den neusten biodrink kaufe oder für sex zahle. wo bitte ist der unterschied im system? und wer glaubt dass die mehrzahl der leute ins internet geht um sich bei wikipedia zu informieren oder die zeit zu kommentieren, der irrt sich gewaltig.der moralische heuchelaspekt? geschenkt. wer ist schon moralisch?
Ja, ja, wer im Glashaus sitzt soll nicht den Saubermann spielen, wenn er selber keiner ist. Auch bei uns im kleinen geschieht dieses jeden Tag.
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