Sex-Affäre Der tiefe Sturz des Eliot Spitzer

Der Gouverneur und oberster Saubermann des Bundesstaates New York zahlte Tausende von Dollar für Prostituierte - nun ist er zurückgetreten

Eliot Spitzer war einer der vielversprechendsten Politiker Amerikas. Der Demokrat, der als kompromissloser Kämpfer gegen die Mafia und die Wall Street berühmt wurde, war Anfang 2007 mit überwältigender Mehrheit zum Gouverneur von New York gewählt worden. Sogar als künftiger Präsident der USA wurde er gehandelt. Und nun der Schock: Spitzer ist Kunde des exklusiven Sexrings „Emperors Club“, er hat Tausende von Dollar für eine Prostituierte bezahlt, die er sich in ein Washingtoner Hotelzimmer bestellte.

Stunden, nachdem die New York Times die Story auf ihre Website gestellt hatte — gestützt wohl auf einen Informanten beim FBI, das Spitzers Mobiltelefon und sein Konto überwacht hatte — trat der Gouverneur, blass und mit verkniffenen Lippen, begleitet von seiner sprachlosen Frau, für wenige Minuten vor die Presse. Der Vater dreier Töchter im Teenageralter entschuldigte sich bei seiner Familie und sprach davon, dass er seine eigenen moralischen Standards verletzt habe. Fragen ließ er nicht zu.

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Die New York Times rollte auch die Hintergründe auf: Bereits vergangenes Jahr waren der New Yorker Steuerbehörde verdächtige Transaktionen aufgefallen. Es ging um Tausende von Dollar, die von Spitzers Konto zu „Shell Companies“ flossen, Firmen ohne Geschäftszweck. Die Steuerbehörde vermutete dahinter illegitime Parteispenden und alarmierte das FBI und die New Yorker Staatsanwaltschaft. Die informierte ihrerseits den Generalstaatsanwalt. Die Ermittler stellten zu ihrer eigenen Überraschung fest, dass das Geld beim „Emperor‘s Club V.I.P.“ landete, ein Edelpuff, der 50 „Laufstegmodelle, Schönheitsköniginnen und exquisite Studentinnen“ für Stundenhonorare von bis zu 5500 Dollar vermittelte. Der Club – der seit der Affäre seine Website herunternahm – hat einen exklusiven Kundenkreis von New York über Miami bis London und Paris.

Letzte Woche schlug das FBI zu und verhaftete alle vier Betreiber des Emperor Clubs. Mark Brener (bei dem drei Pässe sichergestellt wurden), Temeka Rachelle Lewis, Cecil Suwal und Tanya Hollander. Aus den beschlagnahmten Unterlagen und Emails geht hervor, dass der Club mindestens zehn hochrangige Klienten in den USA hatte. Nummer neun war Eliot Spitzer. Spitzer soll die Dienste des Clubs mehrmals genutzt haben. Zuletzt bestellte er eine Frau namens „Kristen“, eine „Amerikanerin, sehr hübsche, zierliche Brünette“, am 13. Februar ins Hotel Mayflower. Dort übernachtete er, weil er in Parteiangelegenheiten in Washington war. Zuvor machte Suwal „Kristen“ darauf aufmerksam, dass „Nummer neun“ besondere Wünsche habe, die womöglich nicht sicher seien. Aber die Prostituierte sagte, sie könne damit umgehen. Dann verhandelte Spitzer mit Lewis über Preise und Spesen. Zu allem Überfluss buchte er das Hotelzimmer unter dem Namen George Fox, einer seiner finanziellen Unterstützer. Insgesamt zahlte er 4300 Dollar für eine vierstündige Begegnung.

Wie konnte sich ausgerechnet Spitzer im Netz der Ermittler verfangen? Der frühere Generalstaatsanwalt von New York, der ehrgeizige Sohn jüdisch-österreichischer Immigranten, war immer beseelt vom Drang nach oben. Er wuchs unter ärmlichen Bedingungen in der Lower East Side auf, ohne fließendes warmes Wasser, schon als Siebenjähriger arbeitete er auf dem Bau. Aber als sein Vater Bernard Spitzer es zum Immobilienmillionär brachte, schickte er den Sohn zum Jurastudium nach Harvard und Princeton. Danach fing Spitzer bei der New Yorker Staatsanwaltschaft an, noch unter dem legendären Robert Morgenthau, und machte sich bald einen Namen, indem er aggressiv gegen Mafiafamilien wie die Gambinos vorging. Dann knöpfte er sich die Banken vor — Time nannte ihn bald den „Kreuzzügler des Jahres“.

Spitzer hat Aufsichtsräten der New Yorker Börse, darunter Ken Langone, mit Klagen gedroht, um den Rücktritt des Vorsitzenden Dick Grasso nach einer 140-Millionen-Dollar-Bonuszahlung zu bewirken und dabei gesagt, er wolle eine „Lanze durch Langones Herz spießen“. Er hat dem Versicherungsgiganten AIG strafrechtliche Konsequenzen angedroht, wenn der Vorsitzende Maurice Greenberg sein Amt nicht niederlege. Als John Whitehead, der frühere Goldman-Sachs-Chef, Greenberg verteidigte, drohte Spitzer, ihn ebenfalls zu verfolgen. „Du wirst dafür einen hohen Preis zahlen“, sagte er.

Spitzer hat Banken wie Credit Suisse, USB Warburg, J.P. Morgan Chase und Citigroup gezwungen, insgesamt eine Milliarde Dollar an Strafen zu zahlen, und ist gegen Sony und Warner Music wegen Preisabsprachen vorgegangen. Seine Ermittlungen haben Israel Singer, den Chairman des World Jewish Congress zu Fall gebracht, der von Schwarzkonten auf Schweizer Banken profitierte. Und Spitzer hat auch zwei Prostituiertenringe auffliegen lassen und sich bei einem Presseauftritt über deren Verbindungen zu organisierten Verbrechen und Geldwäsche erregt.

Als Spitzer Anfang 2007 als Gouverneur in Albany antrat, wollte er hohe Standards setzen: Er ließ Parteispenden einschränken, kündigte eine „Behörde für Ethik“ an, und warf den Kämmerer Alan Hevesi heraus, der seine Frau im Dienstwagen hatte herumkutschieren lassen. Er verschärfte Gesetze gegen Sextourismus und Menschenhandel. Bald zeigte er auch hier seine überaggressive Art: Er drohte Jim Tedisco, dem republikanischen Chef der State Assembly, des Abgeordnetenhauses, er werde ihn „zerstören“ und er beschimpfte sogar den New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, der eigentlich ein Verbündeter ist. Als sich herausstellte, dass einige seiner Mitarbeiter die staatliche Polizei veranlasst hatten, die Hubschrauberflüge von Oppositionsführer Joseph Bruno zu überwachen, stürzten seine Umfragewerte ab.

Kein Wunder also, dass gestern in der Wall Street die Champagnerkorken knallten und die Schadenfreude übersprudelte. Auf dem Parkett von Merrill Lynch brachen die Börsenhändler in lauten Jubel aus, und die Kurse schossen nach oben. Aber es geht nicht nur um Moral.

Prostitution ist in den USA verboten, auch für Kunden. Insbesondere ist nach dem „Mann Act“ von 1910 „White Slavery“ illegal, Menschenhandel, was einschließt, Prostituierte über Staatsgrenzen schaffen zu lassen. Und eben das hat Spitzer veranlasst. Womöglich wird Spitzer — der bereits das Anwaltsbüro Paul, Weiss, Rifkind Wharton & Garrison engagiert hat — mit einem Rücktritt nicht davonkommen; eine Geldstrafe oder womöglich gar Gefängnis könnten ihm drohen.

Den Demokraten dürfte der Skandal absolut ungelegen kommen, zumal Spitzer Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidatin unterstützt hat. Clinton wünschte seiner Familie „alles Gute“, wollte die Sache aber nicht weiter kommentieren. Spitzer ist einer ihrer Super-Delegierten, die über die Nominierung entscheiden. Ein ähnlicher Fall — der Gouverneur von New Jersey, Jim McGreevey, hatte eine homosexuelle Affäre mit seinem Sicherheitschef — endete letztlich mit Rücktritt. Dabei hatten bisher die Republikaner bei Sexskandalen die Nase vorne: Der Senator David Vitter, Louisiana, nahm die Dienste der „DC Madam“ in Anspruch, die Toilettenfüßeleien des Senators Larry Craig erheitern heute noch die Late-Night-Comedyshows.

Die Vereinigung der republikanischen Gouverneure forderte bereits Spitzers Rücktritt. Kongressabgeordneter Peter King sagte, Spitzer habe sich erpressbar gemacht. Das Wall Street Journal verwujavascript:void(0)nderte sich über den “dummen, verblendeten Glauben, der Gouverneur von New York dürfe die Dienste einer Prostituierten kaufen“. Die New Yorker Boulevardblätter forderten unisono seinen Kopf. Und die New York Times forderte ihn auf, seinem „kurzen, arroganten Statement“ rasch Aufklärung folgen zu lassen. In einer unrepräsentativen CNN-Umfrage fanden 72 Prozent der Zuschauer, Spitzer müsse weg.

Einen Verteidiger hat Spitzer noch: Staranwalt Alan Dershowitz, der frühere Strafverteidiger des Footballstars O. J. Simpson, der wegen Mordes an seiner Frau vor Gericht stand. Dershowitz sagt, viele Präsidenten seien in Sexskandale verwickelt gewesen: Thomas Jefferson, Franklin D. Roosevelt, John F. Kennedy, Lyndon Johnson, Bill Clinton. Aber auch daran möchten die Demokraten ungerne erinnert werden.

Sollte Spitzer zurücktreten, würde sein Stellvertreter David Paterson nachrücken, für den Rest der Legislaturperiode. Das machte Paterson, der von den Harlemer Demokraten kommt, zum ersten schwarzer Gouverneur in der Geschichte der USA. Danach, vermuten viele, könnte Bloomberg antreten — als Parteiloser.

 
Leser-Kommentare
  1. wer immer nur ein Fussbad nimmt, will auch mal duschen. Aber das haette Spitzer billiger und einfacher haben koennen.

  2. Frau Schweitzer, vielen Dank fuer ihren guten und objektiven Artikel. Gov. Spitzer muss sein Amt niederlegen weil er gegen ein Gesetz verstossen hat. Schlicht und einfach.

  3. Das Peinlichste an der Situation ist, dass ausgerechnet Spitzer sich in seiner Staatsanwaltskarriere u.a. durch schärfste Verfolgung mehrerer Prostituiertenringe hervorgetan hatte.

    • Anonym
    • 11.03.2008 um 22:47 Uhr

    "Der tiefe Sturz des Eliot Spitzer"ich frage mich eher, wie so einer nach oben kam

  4. die laut nach Moral und starkem Staat rufen: Wir haben Deutschland aucheinige. Schill, Schaeuble ? Waren Brandt und Kohl immer nuechtern beiihren Entscheidungen? Oder Schroeder auf der Wahlparty.Die Politik will Dopingtests fuer den Spitzensport, ich bin fuer unangemeldeteKontrollen in den Parlamenten , Alkohol, Drogen, Benzodiazepine.Sicher ist, die Politiker sind nicht besser als der Rest der Gesellschaft.Aber sie koennen mehr Schaden anrichten.

  5. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht, ehrlich gesagt. Moral ist ja immer etwas subjktives, aber er hat doch niemandem geschadet, im Gegenteil, die gute Frau hat doch eine schöne Summe verdient. Prostitution ist doch etwas absolut normales, das älteste Gewerbe der Welt, wo ist das Problem wenn auch ein Spitzenpolitiker das Bedüfniss nach Sex mit einer schönen Frau hat?  Die meisten Männer würden sich doch auch wünschen, mit einer atemberaubend schönen Frau zu schlafen, denke ich.Das ändert aber nichts an der Tatsache, das Spitzer, dem Artikel zufolge, gute Arbeit geleistet hat, und eine Art staatliches Gegengewicht zur Wall Street oder der genannten Mafiafamilie war, also seine Aufgaben sehr gut erfüllt hat.Die einzigen, die meiner Meinung nach verletzt worden sind, sind seine Familienmitglieder, es ist sicher nicht in Ordnung, seine Frau mit Nutten zu betrügen, aber das hat nichts mit seiner Arbeit als Anwalt etc. zu tun. Allerdings ist es schon peinlich, dass er selber gegen Nutten gewettert hat und gegen sie vorgegangen ist.

  6. # Silberschnur. Was wollen, können, sollen oder müssen wir dazu noch sagen? Auch Sex-Skandale scheinen in neue Runden zu gehen. Der kleine Unterschied zu Lewinsky-Gate: Es wird kein Impeachment brauchen, um Eliot Spitzer abzusetzen. Er wird mit ziemlicher Sicherheit selber gehen.
    Was lernen wir daraus? Dass die Staaten reif sind für schwarze Spitzen-Poltiker? Oder dass, wenn Hillary Clinton sich in einer Machtrolle sieht und für politische Anerkennung dessen kämpft, die Männer in den obersten Ämtern schwach werden? Ja, was dann vielleicht noch alles auffliegt, wenn die Frau erst Präsidentin ist?
    "politisch" bedeutet u. a. 'öffentlich', 'die öffentlichen Angelegenheiten (einer soziologischen Ordnung) betreffend'; der römische Philosoph Seneca schlug vor, auch im eigenen Haus stets als ein 'homo politicus' all-so zu handeln, dass jedermann es (ein-)sehen könnte.  
    Silberschnur denkt: Kein schlechter Vorschlag, dieser Seneca, doch - wer hielte ein so abgeklärtes Leben schon aus?  

  7. ... wieso dies solche Schlagzeilen macht. Gut, Prostitution ist in den USA illegal - davon kann man halten, was man will, aber letztendlich, dachte ich, sei dies zwischen ihm und seiner Frau. Aber als ich hörte, dass Spitzer viel Zeit damit verbracht hat, gegen Prostituiertenringe vorzugehen, ... jaaa, das ändert für mich alles. Jetzt erinnert mich die ganze Sache an Larry Craig, den Senator, der auf dem Flughafen-Klo "erwischt" wurde, wie er offenbar einem Mann in der Kabine neben ihm ein eindeutiges Angebot machte. Hätte nicht halb so sehr interessiert, wenn er die restliche Zeit nicht gegen Homosexuelle gewettert und ihnen das Leben schwer gemacht hätte. Aber so - in beiden Fällen: peinlich, peinlich...

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