Studiengebühren Fataler Protest

Hamburger Studenten boten sich im Internet als Leihmütter und Samenspender an. Nach vier Wochen kapitulierten die Gebührengegner, der Sturm der Entrüstung wurde zu stark.

500 Euro, mehr nicht: So viel sollte ein waschechtes Studentenbaby kosten. Im Internet konnten sich die Menschen wahlweise eine Leihmutter oder einen Samenspender aus einer Kartei von Studenten auswählen und mit ihnen in Kontakt treten. Erst auf den zweiten Blick fiel vielen Besuchern auf: Die Seite studentenbaby.de ist ein Witz, reine Satire, um gegen Studiengebühren zu protestieren.

Doch dieser Protest ist gründlich nach hinten los gegangen. Kinderlose fühlten sich zutiefst verletzt und liefen in Internetforen Sturm. Vor einer Woche dann schalteten die Studenten ihre Internetseite ab. Ziemlich kleinlaut beendeten sie ihren Widerstand nach nur vier Wochen Laufzeit. Ein weiteres Beispiel dafür, wie spektakuläre Gebührenproteste ihr Ziel verfehlen.

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"Kind gegen Studiengebühr" war das Motto der Aktion, unter dem eine Hand voll Hamburger Kunststudenten auf die "Materialisierung der Bildung" hinweisen wollte. Ein Flugblatt, das ein Kind im Hasenkostüm zeigte, wurde viele tausend Mal in der Hansestadt verteilt. "Wir schenken Leben. Schenken Sie Zukunft", stand darauf - und der Hinweis zur entsprechenden Homepage der Gruppe.

Diese Seite war alles andere als unprofessionell. Aufwendig gestaltet, bot sie eine Leihmutter-Datenbank und eine Übersicht über die potentielle studentische Samenspender. Sie gaben viel von sich preis, zum Teil die Klarnamen, den Intelligenzquotienten oder Familienstand. Das Profil von Marie S. beispielsweise, verriet, dass die Schauspiel-Studentin in einem stabilen sozialen Umfeld lebt, ihre Körpermaße 82-71-93 cm umfassen und sie einen Intelligenzquotienten von 130 hat.

"Mit dieser Aktion wollten wir mit der Würde von Studenten spielen", erzählt ein junger Student am Telefon, einer der Organisatoren von studentenbaby.de. Seinen Namen und sein Alter will er nicht preisgeben, die Gruppe trete nur als Kollektiv studentenbaby.de auf, sagt er. Und: "Die Studiengebühren machen Bildung zu einer reinen Ware. Unsere Idee war, menschliches Leben zur Ware zu machen". Doch die Satire blieb vielen versperrt, stattdessen waren viele verwirrt.

Über 10 000 Klicks verzeichnete studentenbaby.de an den besten Tagen, hunderte Besucher schrieben Kommentare ins Gästebuch. Die Medien griffen das Projekt auf, auf allen Kanälen erschienen Berichte über das ominöse Projekt.

In der letzten Februarwoche dann schlug die Stimmung um, Foren wie wunschkinder.net oder brigitte.de nahmen sich des Themas an. Diskutiert wurde dort jedoch nicht über Studiengebühren, wie es sich die Macher von studentenbaby.de vielleicht gewünscht hätten, sondern über Kinderlosigkeit und die Frage, ob sich die Studenten über Unfruchtbarkeit lustig machten.

"Am Ende waren diese Kommentare eine regelrechte Hetzkampagne", sagt der Hamburger Kunststudent. Sie seien mit "Hasszuschriften zugespamt" worden, im Gästebuch habe es im Minutentakt neue Einträge gegeben. Das eigentliche Thema, die Studiengebühren, spielte in der Internetdebatte keine Rolle mehr. "Es ging nur noch um Kinderlosigkeit und den Vorwurf, wir hätten uns lustig gemacht", sagt der Studentenbaby-Organisator. Man habe versucht, die Debatte zu beruhigen, doch ohne Erfolg. "Einige Nutzer haben uns sogar Unfruchtbarkeit an den Hals gewünscht", sagt der Student.

Das ging den Organisatoren zu weit, innerhalb weniger Tage entschieden sie sich, die Profile zu sperren und die Aktion zu beenden. "Es wird nicht mehr die menschenunwürdige Bildungspolitik verhandelt, sondern es wird die ungewollte Kinderlosigkeit und Infertilität zum zentralen Thema. studentenbaby.de bedauert diese nicht vorhergesehene Verlagerung und zieht die Konsequenz", heißt es nüchtern auf der Seite.

Alles andere - die Profile, das Kontaktformular, das Gästebuch - ist aus dem Netz verschwunden. Das Spiel mit der Provokation endete unschön. Mit Beschimpfungen und ohne, dass die Diskussion um Studiengebühren inhaltlich ernsthaft einen Schritt weiter gekommen wäre.

Die Studenten hatten ihre Aktion explizit als künstlerischen Protest bezeichnet. An der Hochschule für bildende Künste (HfbK) in Hamburg, an der einige von ihnen studieren, kommt man zu einer anderen Bewertung: "Ich kann darin keinerlei künstlerische Qualität erkennen", sagt der Präsident der HfbK, Martin Köttering.

Er kritisiert die "mangelnde Fantasie": "Die Studenten sind leider unter ihren Möglichkeiten geblieben." Die Aktion unterstreiche die Hilflosigkeit im Umgang mit Studiengebühren, so Köttering. "Ein Aspekt der Kritik hätte sein können, dass die Gebühren für die HfbK einen Wettbewerbsnachteil darstellen", sagt der Präsident.

Schon im vergangenen Sommer hatten HfbK-Studenten Aufmerksamkeit erregt, indem sie mit Bildern und Graffitis gegen die Gebühren protestierten. Werner Büttner, Professor für Freie Kunst an der HfbK, hatte die Graffiti-Arbeiten damals scharf kritisiert, sie seien "ästhetisch indiskutabel", sagte er.

Auch andere Formen des Protestes, wie Demonstrationen oder Gebührenboykotte, leiden unter ihrer begrenzten Wirksamkeit. Nur die EFH Freiburg schaffte es im vergangenen Wintersemester, die vorher festgelegte Zahl an Boykottierenden zu erreichen, schreibt der Internetdienst Studis Online . Trotzdem musste dort der Boykott Anfang Februar abgebrochen werden.

An der TU Braunschweig wurden die 3000 Verweigerer nicht annähernd erreicht, nur knapp 200 Studenten zahlten ihre Gebühren auf ein Treuhandkonto. Eine ähnliche Bilanz mussten die Boykott-Organisatoren auch an der Universität Dortmund ziehen: von den vorher großzügig veranschlagten 5500 Studenten waren es gerade mal 77, die ihre Studienbeiträge nicht direkt an die Universität zahlten.

Der Welle an Protesten scheint dies jedoch keinen Abbruch zu tun. So plant das Studierendenparlament der Universität Münster, im Sommer einen Gebührenboykott erneut mit anzustrengen. Dann nämlich entscheidet der hessische Staatsgerichtshof über die Verfassungsmäßigkeit des Studiengebührengesetzes der Regierung unter Ministerpräsident Roland Koch (CDU).

Dieser Aktionismus ermuntert auch die Studentenbaby-Gruppe: "Wir machen weiter, ganz klar", sagt der anonyme Kunststudent kämpferisch. Die Frage nach dem Wie lässt er allerdings unbeantwortet.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 11.03.2008 um 10:35 Uhr

    Interessanter Artikel. Er zeigt mal wieder, wie einfach gestrickt die Masse des Volkes ist. Interessant wäre es, der Frage nachzugehen, wie es zu dem Protest gekommen ist. Ein diesbezüglicher Einblick wird aber wohl, wie meistens, den Geschichtsbüchern verwehrt bleiben.Ich wage daher mal eine kühne Spekulation: ein in Massenpsychologie talentierter (und möglicherweise durchaus männlicher) Befürworter von Studiengebühren hat in einem hauptsächlich von Frauen frequentierten Forum ein Posting lanciert, in welchem die Entrüstung über ein angebliches "Sichlustigmachen" über Unfruchtbarkeit erstmalig gezündet wird. Und schwupps - ist der rationale Verstand ebenso ausgeschaltet wie jegliches angeborene Humorverständnis. Mit Reizwörtern führen uns ja auch Politiker jeden Tag an der Nase herum, deswegen fällt uns das gar nicht mehr auf.Ich finde diese satirische Verarbeitung des Studiengebührenprotestes eine erstklassige Idee. Jemandem einigermaßen mit Verstand begüterten dürfte es nicht entgehen, dass es genau dieser menschenverachtende Zynismus des Studentenbaby-Themas ist, der auch den Studiengebühren zueigen ist: der hilflose (wissenschaftliche) Nachwuchs, welcher eigentlich Anspruch auf Schutz und Unterstützung durch die Gemeinschaft hat, wird zur Ware gemacht, die das Objekt ökonomischer Abwägungen ist.Eine Gesellschaft, in der Studenten einer potenziellen Existenz beraubt werden, entsorgt auch ihre Babys im Gefrierfach.Und nicht, dass mir dieser letzte Satz jetzt als Populismus ausgelegt wird...

  1. Zynisch ist es ja schon, daß da munter nach Leihmüttern gesucht wird, obwohl das in Deutschland nicht legal ist, und am Ende die protestierenden Studenten die Bösewichte sein sollen. Zynisch auch der Kommentar der Experten, die Studierenden wären hier "hinter ihren Möglichkeiten" geblieben. Im Gegenteil: ich finde, sie haben versucht ihre Möglichkeiten auszureizen. Glückwunsch zu der mutigen Aktion.

    • Oli_i
    • 11.03.2008 um 12:15 Uhr

    Warum wird nicht erwähnt, was auf der Webseite als Ausblick steht?studentenbaby.de - ein weit her geholtes Szenario? Leider nein. In den USA sind vergleichbare Strukturen bereits längst Teil der Realität geworden. Hier gibt es Unternehmen, die sich auf den Verkauf von studentischen Eizellen spezialisiert haben. Geworben wird gezielt auf dem Campus, viele junge Frauen ergreifen diese Möglichkeit, um eine Chance in einem elitären Bildungssystem zu erhalten, dass nun Europa als Vorbild dienen soll.Im Gebührenland Frankreich finanzieren sich mittlerweile geschätzte 40.000 Studentinnen das Studium sogar durch sexuelle Handlungen, auch in England ist diese Form der Prostitution nicht unüblich. Die Bildungsfreiheit ist im Grundgesetz verankert.Studiengebühren sorgen verstärkt dafür, dass Bildung mehr und mehr zu einem Privileg der Vermögenden wird und nicht mehr jedem offen steht. Studiengebühren sind somit ein unsozialer, juristischer Verstoß, der nicht geduldet werden kann. Und wir werden weiter dagegen vorgehen. Für Anregungen und Aktionsvorschläge sind wir offen.Und warum wird nicht erwähnt, dass bspw. an der PH Freiburg ein Boykott – und das, obwohl es der zweite Versuch war – nur sehr knapp nicht zustande gekommen ist?Hätte wohl beides nicht zur "These" des Artikels gepasst, dass die Proteste sowieso nichts mehr bringen und nur noch peinlich seien. Und sich die Studierenden doch endlich damit abfinden sollen.Auch der Verweis auf den Artikel vom Januar, in dem behauptet wird, Studienkredite würden nicht abschrecken, deutet ja darauf hin, was hiermit versucht werden soll. Dass in NRW noch am ehesten Studienbeitragsdarlehen in Anspruch genommen werden, ist dabei kein Wunder. Nur so kann man in den Genuss kommen, keine oder weniger Gebühren zu zahlen. Ein Beweis für den "Erfolg" der Kredite sind sie deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil: Wenn die Kredite so toll wären, hätten sie weit mehr als die genannten 18% in Anspruch nehmen müssen. Selbst BAföG bekommen mehr Studierende.

  2. "Kinderlose fühlten sich zutiefst verletzt und liefen in Internetforen Sturm."Demnächst werde auch ich als Kfz-loser in Internetforen Sturm laufen weil ich mich durch die Autowerbung in meiner Tageszeitung verletzt fühle. :DInteressant auf wessen Gefühle man heutzutage alles Acht geben muss.

    • Anonym
    • 11.03.2008 um 13:09 Uhr

    Die Zeit hat auf ihrer Website einen offiziösen Direktlink zum CHE, daher manch tendenziöser neoliberale Folkoreartikel pro Studiengebühren.Es ist aber trotzdem bemerkenswert, wie durch Studiengebühren jetzt auch im Universitätsbereich privates Einzelinteresse an Steuerdrückerei über Leistungsgerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit gestellt werden. Die satt-destruktive Oberschicht konnte schon immer sehr gerne auf kluge Aufsteiger verzichten, da kommt die Verteuerung des Studiums goldrichtig. "Was bringt mir das?", das ist DIE klassische Frage des Reichen, der nur unwillig sein Geld ausleiht, eine geistlose, destruktive Mentalität und zugleich neuer universitärer Forschungsstandard. Sowas ist inzwischen unerreichbar weit enftfernt vom ehemaligen schöpferischen, leistungswilligen "lasst uns mal machen" der Mittelschicht. Aber es gibt Hoffnung, denn just in dem Augenblick, in dem die deutsche Universität in die exzellente Verclusterung mit buchführungstauglicher Forschungsumpressung in Module und Milestones samt "Effizienzkontrollen" geschunden wird, hat die freie Wirtschaft in ihrer Forschung das Globalbudget mit Gießkannenprinzip wiederentdeckt. Und in den USA wird gerade das weltweit einmalige deutsche Ingenierusdiplom zum Vorbild der dortigen  Ingenieurswissenschaften. Schade um die jetzige deutsche Studentengeneration. Sie ist eigentlich unverzichtbar und wird trotzdem sehenden Auges um ihre Zukunftschancen gebracht. 

  3. In Ihrem Vergleich Frankreich/USA vs. Deutschland vergleichen sie Äpfel mit Birnen. In Frankreich verlangen die Unis bis zu 7.000€ jährlich, die Grandes Ecoles i.d.R. etwa 5.500€.In den Vereinigten Staaten mussten Studenten in den letzten Jahren an staatlichen Universitäten im Schnitt c.a. 4.100$, an privaten Unis ca. 18.300$ bezahlen. (Quelle: http://www.studserv.de/st...)Das so hohe Studiengebühren inakzeptabel sind und wirklich in erheblichem Maße zu einer Sozialauswahl führen, muss wohl nicht diskutiert werden. Mit der Situation in Deutschland ist es jedoch nicht vergleichbar.Zum Thema Studienkredite: Könnte es nicht vielleicht sein, dass diese "nur" von 18% (der Studierenden?) in Anspruch genommen werden, weil die meisten Studenten es aus eigener Kraft schaffen, das Geld für die Gebühren aufzutreiben? 3,7 Mio Arbeitslose hin oder her, dass es in Deutschland schwierig ist, einen Studentenjob zu bekommen, kann mir niemand erzählen. Falls Sie anderer Meinung sind, dürfen Sie mir gerne über das Messagesystem eine Nachricht schreiben, ich helfe Ihnen gerne bei der Suche nach einem Studentenjob.

    • Anonym
    • 11.03.2008 um 15:20 Uhr

    Ich habe meine Zweifel daran, dass die "Reichen" die Urheber der Studiengebühr sind. Menschen, die in Renditen von 20 bis 25 Prozent rechnen, dürfte es doch wohl wirklich egal sein, wofür die hohen Steuern, die sie ohnehinimmer bezahlen, ausgegeben werden.Ich denke es sind eher die Menschen im mittleren bis unteren Spektrum, welche sich mit dem knausernden Politiker identifizieren. Ironischerweise also gerade diejenigen, die von einem gebührenfreien Studium eigentlich profitieren könnten. Menschen, für die aber auch schon klar ist, dass ihre Kinder mal eine Dachdeckerlehre machen werden. Menschen schließlich, für die das politische Ausmaß von Bildungspolitik überhaupt nicht transparent ist, und die daher nur an ihre eigenen Kosten denken. Die Frage "Was bringt mir das?" finde ich generell gar nicht schlecht. Würde sie im Falle der Studiengebühren nicht nur rhetorisch gestellt, würde sich schnell erweisen, dass diese überhaupt nichts bringen außer Stagnation.

    • Hipper
    • 11.03.2008 um 15:46 Uhr

    Das ist ja alles ganz toll, aber führt am Thema vorbei. Die entscheidende Frage ist, ob die Erhebung von Studiengebühren eine Maßnahme ist, mit der man die vordringlichen Probleme des deutschen Bildungswesen lösen kann – ja oder nein! Die strukturelle Bildungsmisere hierzulande liegt sicherlich in der skandalösen Bildungsungerechtigkeit und dem relativen Akademikermangel begründet. Ob Studiengebühren diesbezüglich zur Problemlösung beitragen, ist mehr als zweifelhaft – vielmehr drängt sich einem
    der Schluss auf, dass eine „Campusmaut“ in diesen Fragen kontraproduktiv wirkt.

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