Zunächst die Fakten. Thomas Pletzinger, 1975 geboren, im Ruhrgebiet aufgewachsen. Danach Hamburg, dann Leipzig, jetzt Berlin. Nun ist sein erster Roman erschienen, Bestattung eines Hundes . Was sagt das? Soweit nicht viel. Auch sein Protagonist Daniel Mandelkern, Ethnologe und Journalist, bekommt zunächst nur Fakten vorgelegt. Sein Auftrag: Ein Interview mit dem Autor Dirk Svensson soll er führen, der zurückgezogen am Luganer See lebt. Mandelkern soll ihm und seiner Geschichte auf den Grund gehen und fährt nach Italien.

Der Rahmen des Romans ist dieses Haus am See. Mandelkern bleibt dort vier Tage - deutlich länger als geplant. Doch so viel Zeit er dort auch verbringt, von Svensson erhält er keine Antworten, die er für sein geplantes Autorenportrait verwenden könnte.

Stattdessen fasziniert ihn zunehmend Svenssons Lebensgeschichte, die er zufällig als Manuskript, Astroland betitelt, in seinem Gästezimmer findet: Darin hat Svensson seine Stationen in New York und Brasilien festgehalten, entscheidende Ereignisse, sein Leben. So lernt Mandelkern ihn kennen und die Figuren, die mit ihm am See sind: die schöne Finnin Tuuli mit ihrem Sohn, die Amerikanerin Kiki und schließlich Lua, den dreibeinigen Hund.

In Bestattung eines Hundes entfaltet Thomas Pletzinger seinen ganz eigenen Schreibstil, der nicht zuletzt von den typografischen Einschüben lebt: "Das Hellgrün der zum Wasser hängenden Zweige, ein Junge füttert Schwäne (8) mit Burgerbrötchen aus einer McDonald’s-Tüte, Paare lassen sich vor dem Brunnen fotografieren (ihre Gesichter für die Dauer des Bildes glücklich)." Viel von dem, was Mandelkern beobachtet, hält er in solchen Klammern hinter dem Eigentlichen fest – eine Referenz an Mandelkerns Ausbildung als Ethnologe: Die akademisch geschulte "teilnehmende Beobachtung", der er sich zunächst verschrieben hat, hinterlässt im Text Überbleibsel, Erklärungen in Klammern. Im Laufe des Buches entgleiten ihm diese jedoch immer mehr zu persönlichen Kommentaren: "Aber das ist keine Frage. Es ist auch keine Antwort (konzentrier Dich, Mandelkern!)".

Was dadurch auf geschickte Art entwickelt wird, ist die Perspektive zum "Beobachtungsgegenstand" Svensson. Versucht Mandelkern anfänglich noch, seiner journalistischen Pflicht zu genügen und die Distanz zu wahren, so verliert er diese beim Lesen des Astroland -Manuskripts zunehmend, bis er schließlich sein eigenes Leben mit dem Svenssons so eng verknüpft, dass er selbst zum eigentlichen Gegenstand seiner Beobachtung wird: Mandelkern findet sich. Und mit Hilfe von Svenssons Geschichte kann auch er seiner eigenen Lebensgeschichte eine neue Entwicklung geben. Er kann Entscheidungen treffen. Und er kann sich zuordnen – seiner Frau Elisabeth, seiner Position, seiner Rolle.

"Manchmal komme ich mir wie Svensson vor, ich habe unsere Geschichten verrührt", schreibt Mandelkern an seine Frau. In gewissem Sinne ließe sich Bestattung eines Hundes auch als Liebesroman lesen. Beide, Mandelkern und Svensson, reden ganz direkt über sich und über ihr Herz. Folgerichtig können beide Geschichten, die sich hier dem Leser parallel präsentieren, nur in der Ich-Perspektive geschrieben sein.

Auffällig im Buch sind die unzähligen Zwischenüberschriften: "Beeinträchtigung des Recherchevorhabens" steht da oder auch "Ist das, was Svensson erzählt, erfunden?" – oft mehrere auf einer Seite. Der Zwang zur Kategorie, das Ordnen der Gedanken durchs Aufschreiben – Pletzinger verlängert sein eigenes Schreibverhalten in das seines Protagonisten hinein. "Meine Überschriften, meine Schubladen", heißt es dann auch an einer Stelle. Aber wie schon die Klammern sind auch die Überschriften zunehmend durchzogen von Persönlichem: "Ich habe Elisabeth flüchtig gekannt." Auch hier verliert der Journalist und Wissenschaftler Mandelkern seinen Auftrag zunehmend aus dem Fokus – zugunsten seiner eigenen Geschichte.

"Und wer genau ist Daniel Mandelkern?", bleibt die zentrale Frage, die er selbst sich genauso stellt wie letztlich auch der Autor Thomas Pletzinger.

Der Antwort ist Pletzinger mit Bestattung eines Hundes ein gutes Stück näher gekommen. Und auch der Erfahrung, wie es ist, den ersten Roman zu schreiben. Durch seine eigene Vermittlertätigkeit im Literaturbereich und durch sein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig mit den Funktionsweisen des Betriebs vertraut, stand er, für seinen Debütroman gleich mit mehreren Verlagen in Verhandlung –  begünstigt durch diverse Literaturpreise (wie etwa dem MDR-Literaturpreis 2006).

Doch auch trotz dieser für einen Debütanten optimalen Strukturen ist es eben doch nicht so leicht, einen guten Roman dann auch wirklich zu schreiben. So machte sich Thomas Pletzinger hingebungsvoll an die Arbeit: Seit Herbst 2006 habe er "sich dem Roman täglich vollkommen zur Verfügung gestellt", auch wenn das manchmal hieß, "zu Leiden wie ein Schwein", wie er es ausdrückt.

Die Komplexität seines Projekts habe er dabei total unterschätzt – besonders wegen des Netzes an Verweisen, Bezügen und Kontexten eines 352 Seiten starken Romans, der aus ineinander geschachtelten Geschichten besteht. Diese könnten einfach nicht mehr zugunsten einer simplen, leicht erzählten Handlung ausgeblendet werden. Und so musste dann ein genauer Plan her: Sein Arbeitszimmer habe er zur "Kommandozentrale" umgebaut, die Wände mit Packpapier beklebt, auf denen er die verschiedenen Erzählstränge, Motive und Figuren anordnete. Die Schauplätze waren ihm bekannt, Pletzinger hat sie selbst bereist. Und auch zu den beiden Ich-Perspektiven, so unterschiedlich sie sind, so verschieden ihre Schwierigkeiten, fand er irgendwann den richtigen, jeweils eigenen Ton.

Unterstützung fand er bei dieser Schreibarbeit jedoch weniger im Literaturinstitut – auch wenn Bestattung eines Hundes seine Diplomarbeit ist – als vielmehr in seiner Vernetzung mit anderen jungen Autoren. Nicht nur wie üblich der Lektor stand ihm zur Seite, sondern auch seine Freunde, etwa Saša Stanišić, Benjamin Lauterbach und Katharina Adler, mit denen Pletzinger in Berlin gerade die Autorengemeinschaft "Adler und Söhne" gegründet hat. Eine Zusammenarbeit mit großer Perspektive – und einem sehr spielerischen Zugang zur Literatur.

Auch "Astroland", der Freizeitpark auf Coney Island, ist ein großer Spielplatz – "the playground of the world" wurde er früher genannt. Das gleichnamige Manuskript Astroland ist Svenssons Spielplatz: Sein ganzes Leben. Was er davon retten konnte in die Gegenwart (nicht viel), das findet sich in seinem Kinderbuch Die Geschichte von Leo und dem Nichtviel . Mandelkern erkennt, dass Svensson in diesem Kinderbuch vollenden konnte, was das unabgeschlossene Astroland offen ließ: Die Verarbeitung der eigenen tragischen Lebensereignisse. Durch eine Mischung aus Erinnerung und Fantasie lässt sich die Trauer besiegen, stellt Mandelkern fest: "(Astroland funktioniert genauso, bemerke ich, das Haus am See funktioniert genauso)". Und Kiki, die Amerikanerin antwortet ihm: "Diese Geschichte müsse jetzt mal zu Ende gelesen werden."

Genau das lässt sich so nur als Empfehlung weitergeben: Dass eine so intensive Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Beobachtung und der Reflexion zu einem faszinierenden Roman werden kann, zeigt Bestattung eines Hundes auf eindrucksvolle Weise.

Thomas Pletzinger: Bestattung eines Hundes , Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 352 Seiten, 19,95 EUR. ISBN 978-3-462-03968-9