Bedrängt von Einwanderung und Globalisierung, pessimistisch, unverstanden und ohne Vertretung – eine Untersuchung initiiert von der BBC, malt ein düsteres Bild von Englands "white working class". Jahrelang spielte die weiße Arbeiterklasse im politisch-medialen Kurs überhaupt keine Rolle. Nun vollzieht sich ein bemerkenswerter Wandel.

Der Fernsehsender BBC, einflussreiches Leitmedium Großbritanniens und zugleich Bastion des linksliberalen Weltbildes, nimmt sich auf einmal dieser "vergessenen Klasse" an. Der verantwortliche Redakteur, der die "white week", die nun über 2 Wochen läuft und Dokumentationen und Fernsehspiele aus dem Milieu der Arbeiterklasse bietet, räumt freimütig ein, dass die BBC auch von ihrem schlechtem Gewissen zu dieser Programmentscheidung getrieben wurde. Die weiße Arbeiterklasse sei, sagt Richard Klein, über Jahrzehnte hinweg ignoriert worden, hätte unter dem "Druck politischer Korrektheit" gestanden und es sei zu einem wesentlichen Teil die BBC gewesen, die für diesen Druck gesorgt habe.

Am vergangenen Wochenende wurde in Last Orders die Geschichte eines der vielen sterbenden Arbeiterclubs in Bradford erzählt, denen nach dem Rauchverbot nun endgültig die Luft ausgeht; ein anderes Programm, "All white in Barking", zeigt den Alltag in einer Gegend, in der Einwanderung besonders hoch und die weiße Bevölkerung binnen weniger Jahre zur Minderheit geworden ist. Im Zentrum der Story steht Dave, ein Aktivist der rechtsextremen BNP, der einzigen Partei, die ein offenes Ohr für die Nöte der weißen Arbeiterklasse hat und sich ihrer annimmt.

Erstaunlich ist, wie ernsthaft und fair die BBC sich in einer anderen Dokumentation Rivers of Blood mit der berühmt-berüchtigten Rede des konservativen Politikers Enoch Powell auseinandersetzt. Vor 40 Jahren hatte Powell vor den Folgen massenhafter Einwanderung gewarnt und "Ströme von Blut" vorausgesehen. Die Rede war bei Arbeitern und Gewerkschaften auf starke Zustimmung gestoßen.

Doch ihr politisches Ziel verfehlte diese Brandrede. Im Gegenteil. Powell verhalf dem Multikulturalismus zum Erfolg. So groß war die Empörung über seine Sprache, dass die multikulturelle Strategie beschleunigt eingeführt und durchgesetzt wurde.

Politische wie mediale Klasse verhängten fortan "eine Verschwörung des Schweigens"; über das heikle Thema Einwanderung, wie der frühere Labourminister Frank Field in der Sendung sagte, wurde "vor den Kindern" nicht gesprochen. Das Volk wurde nicht gefragt. Alle Regierungen, auch die von Margaret Thatcher, entschieden sich, den multikulturellen Pfad einzuschlagen.

Linken Intellektuellen hatte die Arbeiterklasse als "Salz der Erde" gegolten - nobel, sozial mobil, dazu auserkoren, als revolutionäre Kraft der Geschichte zu wirken. Doch dieses Bild sollte sich radikal verändern. Die "white working class", die sich nicht für radikale Utopien und intellektuelle Kopfkonstrukte erwärmen mochte, mutierte zur Karikatur: Man unterstellte ihr reaktionäre, ja rassistische Auffassungen, rückte sie in die Nähe rechtsextremer Parteien und mokierte sich endlos über vulgären Geschmack und ordinäre Freizeitvergnügungen der tätowierten "chavs".

Die Sympathien des linksliberalen Milieus gehörten fortan den Menschen der Dritten Welt. Sie allein verdienten Sympathie und aktive Hilfe, zumal bei ihrem Versuch, in immer größerer Zahl in die westlichen Industriestaaten überzusiedeln. Big Business und linksliberales Milieu setzten sich, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, dafür ein, die mit offenen Armen aufzunehmen.

In den Zeiten offiziell deklarierter, multikultureller Toleranz, die nun anbrachen, wurde die weiße Arbeiterklasse "die einzige gesellschaftliche Gruppe, die man gefahrlos verabscheuen" dürfe, schrieb jetzt selbstkritisch der linksliberale Observer.

Dabei ist es die "white working class", die an der multikulturellen Front lebt und mit den nicht immer einfachen Konsequenzen massenhafter Einwanderung fertig werden muss. Moralisierende Kolumnisten, Literaten und Politiker fordern unentwegt dazu auf, die "neue kulturelle Vielfalt zu zelebrieren" und als Bereicherung anzusehen; doch sie leben in aller Regel in lauschigen Vororten fernab der Probleme; ihre Kinder können sie auf Privatschulen schicken, sollten die lokalen staatlichen Schulen überwältigt werden von Jugendlichen mit Immigrationshintergrund, die kein Englisch sprechen und einen geordneten Unterricht erheblich erschweren.

Die Arbeiterklasse muss mit den Neuankömmlingen um Jobs, Sozialgelder und Sozialwohnungen konkurrieren, ihre Löhne werden durch die industrielle Reservearmee der Einwanderer tendenziell nach unten gedrückt, während sich ihre vertraute Umwelt binnen kürzester Frist radikal verändert.

Dabei leistet die weiße Arbeiterklasse die wahre Integrationsarbeit; sie führt ein wirklich multikulturelles Leben - unordentlich, schwierig, spannungsreich; sie teilt sich mit den ausländischen Neuankömmlingen die Viertel, sie arrangiert und streitet sich, liebt und vermischt sich, heiratet, setzt Kinder in die Welt, während sie gleichzeitig um ihre eigene Identität bangt. Wie immer angesichts diverser Einwanderungswellen der Vergangenheit muss sie auch jetzt wieder die Hauptlasten tragen angesichts eines Zustroms, der alles bislang Erlebte in den Schatten stellt.

Die Untersuchung der BBC beleuchtet das Ausmaß der Entfremdung der weißen Arbeiterklasse. Nun wird ihr nach vielen Jahren Gehör geschenkt, in zahlreichen Diskussionsendungen des Radios und online. Der Anruf eines Hörers auf BBC Radio 5 illustrierte das Gefühl, zu einer Minderheit im eigenen Land geworden zu sein. Wenn er sich um einen Job bewerben und dabei mit einer Frau, einem Schwulen und dem Vertreter einer ethnischen Minderheit konkurrierte, sei er "chancenlos", meinte der Anrufer; für ihn setze sich niemand ein, während diverse Organisationen und Antidiskriminierungsgesetze die Interessen der anderen Individuen wahrnähmen.

Richtig an dieser Aussage ist, dass der Multikulturalismus, der über Jahrzehnte hinweg in Großbritannien wie anderswo in Westeuropa unangefochten dominierte, allen ethnischen und sexuellen Minderheiten potenziellen "Opferstatus" zuwies, der nach besonderen Schutzmaßnahmen verlangte. Allein der weißen Arbeiterklasse blieb die Rolle des "Unterdrückers" vorbehalten.

Kein Wunder, dass die weiße britische Arbeiterklasse ohne Hoffnung in die Zukunft schaut. Als Hoffnungsschimmer kann sie es werten, dass die BBC, eine Institution des liberalen Establishments, sich nun eines besseren besonnen hat und diese soziale Gruppe ernst nimmt.

Das hat gute Gründe. Es hat sich in den vergangenen Jahren etwas verschoben. Der Multikulturalismus wird von Labour wie Konservativen mittlerweile als Irrweg betrachtet, der für viele Probleme verantwortlich ist. Auch in den breiten Mittelschichten ist die Stimmung umgeschlagen und ähnelt, vor allem im Blick auf Einwanderung und Integration, jener der Arbeiterklasse. Die BBC schließlich sorgt sich zu recht auch um ihre Zukunft. Hätte sie darauf beharrt, auch weiterhin einen Diskurs zu pflegen, der nach dem Geschmack des linksliberalen Milieus ist und würde sie auch weiterhin nur politisch korrekte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, wäre die Kluft, die sie von der Mehrheit trennt, gefährlich tief geworden.

Ein Public Broadcaster, der gesamten Öffentlichkeit verpflichtet, kann sich das nicht leisten. Zumal die Politik längst begonnen hat, was Einwanderung, Integration und Multikulturalismus betrifft, einen neuen, realistischeren Kurs zu steuern.