Hessischer Machtpoker Selbst versenkt
Andrea Ypsilanti scheiterte nicht, weil sie zu hoch pokerte, sondern weil sie zu viel wollte und zu wenig konnte. Der Schaden ist enorm
Mit Erfolg lässt sich im Nachhinein eine Menge rechtfertigen. Sogar ein Wortbruch. Allerdings richtet umgekehrt ein Misserfolg noch sehr viel größeren Schaden an. Die hessische SPD-Chefin und Spitzenkandidatin für das Amt des Ministerpräsidenten, Andrea Ypsilanti, ist ein hohes Risiko eingegangen. Nach den Maßstäben der Politik hat sie alles verloren. Sie hat einen GAU verursacht – den Größten Anzunehmenden Unfall.
Ypsilanti hat viel gewollt: Die Glaubwürdigkeit der ganzen SPD war sie bereit, aufs Spiel zu setzen, um den bisherigen Ministerpräsidenten Roland Koch abzulösen. Viele wichtige Leute bei den Sozialdemokraten wollten auf keinen Fall etwas mit der Linkspartei zu tun haben. Nur zähneknirschend wurde Ypsilantis Kurs in der Führung und in der Bundestagsfraktion toleriert. Selbst Parteichef Kurt Beck, der ihn schließlich billigte und dilettantisch ausplauderte, soll eigentlich nicht begeistert gewesen sein.
Ypsilanti kündigte trotzdem an, sich von den Linken tolerieren lassen zu wollen. Doch ein Mitglied ihrer eigenen Partei sorgte dafür, dass es keine Minderheitsregierung von SPD und Grünen in Hessen geben wird. Nun steht Ypsilanti für das Amt des Ministerpräsidenten nicht mehr zur Verfügung.
Zu hoch gepokert, ließe sich achselzuckend sagen. Doch das stimmt nicht. Nicht das hohe Risiko war Ypsilantis Problem, sondern die stümperhafte Umsetzung der Pläne. In der Politik ist vieles möglich, Paradigmenwechsel und Kompromisse gehören zum Programm. Doch viel zu früh gab Ypsilanti zu erkennen, was sie vorhatte. Sie jagte den Puls der Genossen hoch, ohne sich bei ihnen ausreichend Rückendeckung für ihre Provokation gesichert zu haben. Keine Vorwarnung, keine Chance auf Diskussion oder Mitsprache – das fanden die Genossen nicht lustig. Was auch die Aussage der Königsmörderin beweist: Bitter beklagte sich Dagmar Metzger darüber, dass es keine Abstimmung gab, niemand gefragt wurde.
Sicher war es auch nicht klug, nicht ausführlich mit der FDP zu sprechen, sie mit Bitten, Zugeständnissen oder gar einem Kniefall zu locken. Von vornherein wirkte der Versuch Ypsilantis, die Sozialliberalen zu einer Koalition zu bewegen, wie ein Alibi. Er verstärkte dadurch nur den Eindruck, dass da jemand unbedingt an die Macht wollte, egal zu welchem Preis. Gegen Ehrgeiz hat niemand etwas, schon gar nicht in der SPD. Offensichtliche Skrupellosigkeit jedoch sieht einfach nicht gut aus. Wer auf rücksichtslose Manager und Heuschrecken schimpft, kann schlecht selbst alles dafür tun, seine Macht zu sichern und derart rücksichtslos mit Wählerstimmen umzugehen.
Grundsätzlich gibt es einen nachvollziehbaren Grund für die SPD, sich auch im Westen mit der Linkspartei zu verbünden: Ohne diese hätte sie kaum noch eine andere Machtoption, als immer wieder den Juniorpartner in einer Großen Koalition zu geben. Nicht umsonst fordern die Parteilinken schon länger eine Öffnung. Denen aber hat Ypsilanti mit ihrem verpfuschten Versuch keinen Gefallen getan.
- Datum 07.03.2008 - 05:20 Uhr
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nicht nur die koalition mit der linken, auch die mit koch wurde von der spd vor der wahl ausgeschlossen. all diejenigen (wie der autor des kommentierten artikels), die damit jetzt keine probleme haben, müssen sich sagen lassen, dass ihre moralischen argumente von wählerehrlichkeit nur vorgeschützt waren und dass sie in wahheit nur eine cdu-regierung (unter-)stützen wollten.
"Der Schaden? Für Ypsilanti ist er enorm. "Lügilanti" nannte sie seit
Tagen die Bild. Wenn das kein Imageschaden ist. Immer schon galt ihr
Widersacher Koch als die bessere Führungsperson und der geschicktere
Politiker."Na bravo, jetzt orientiert man sich also schon an der Bild-Zeitung.Die Zeit schreit "Hurra", eine linke REgierung kommt nicht zustande !Und das, weil eine Abgeordnete profilierungssüchtig ist und gerne im Mittelpunkt steht.Hat Gysi recht gehabt, dass es an Abweichlern bei der SPD scheitert.Ein Trauerspiel.
Die Linke lacht sich ins Fäustchen und lässt die Korken knallen! Sie hat verstanden die Marionetten zu bewegen und den größtmöglichen Schaden für die SPD herauszuholen. Was um Himmelswillen hat Beck zu dieser laienhaft inszenierten Kamikazeaktion veranlasst? Der Ausgang dieser Aktion war doch von Anfang an vorhersehbar.
Herzlichen Glückwunsch BILD und Zeit: Jetzt haben Sie Ihren Lieblings-MP, den brutalstmöglichen Aufklärer, Ausländerhasser, Kindereinsperrer usw. wieder.Es ist schon bemerkenswert wenn die Zeit, glücklich offenbar, die BILD zitieren darf.Ja, das war echte Teamarbeit !Jetzt blühen wieder die Rosen: Der unsägliche Koch bleibt MP.Auch die Männerfreundschaft Koch mi der FDP hat Triumphe gefeiert.Was zählt da der Wähler, der Koch abwählte ?Dummes Stimmvieh, soll Zeitung lesen. Springer und Zeit wissen, wo es lang geht.Wen ich das nächste Mal wähle ? Ist doch klar.
Eine klare, frühzeitige Aussage hätte dieses Debakel ohne weiteres verhindern können. Mich würde schon interessieren, wer da bei Frau Mager mit welchen Gründen auf Heimlichkeit gedrungen hat.
Am Ende könnte Roland Koch als lachender Sieger aus der ganzen Geschichte hervorgehen, obwohl er einen teils widerwärtigen Wahlkampf geführt hat und dramatische Stimmenverluste hinnehmen musste.Die SPD in Hessen hats echt verbockt: durch überhebliche Versprechen vor der Wahl (nicht mit der Linkspart, keine große Koalition) und durch realitätsfernes herumgeeiere nach der Wahl. Die CDU musste einfach nur zuschauen, wie sich die SPD selbst stranguliert. Möchte man so einer Partei die Regierungsverantwortung übertragen?!Wenn die SPD in Hessen sich nicht gänzlich verabschieden will, bleibt sie jetzt am Ball, behält die Initiative und kämpft für eine taugliche Landesregierung. Ich bin gespannt, wies weiter geht.
"Und das, weil eine Abgeordnete profilierungssüchtig ist und gerne im Mittelpunkt steht."Diese Abgeordnete derart zu kritisieren, ist beschämend, genauso wie es beschämend für alle anderen SPD-Fraktionsmitglieder ist, das vor der Wahl gemachte Versprechen so leichtfertig zu verspielen.Die SPD sollte froh sein, dass Frau Metzger so offen und couragiert ist, öffentlich ihre Meinung und ihr Stimmverhalten darzulegen - sonst würde Andrea Ypsilantiwohl ein ähnliches Schicksal blühen wie dereinst Heide Simonis.(Im Grunde genommen müsste die SPD auch heilfroh sein, dass die Sozialisten und Postkommunisten von der Linkspartei in den Landtag eingezogen sind; andernfalls gäbe es eine Mehrheit für schwarz-gelb...)
Herr Biermann und Herr Seils. Genauso wird es von mir auch gesehen.
#4 @köfels: Habe ich da etwas nicht mitbekommen? Wurde Koch in Hessen zum MP gewählt oder wie darf ich Ihre Formulierung deuten: "Jetzt haben Sie Ihren Lieblings-MP, den brutalstmöglichen Aufklärer...wieder".
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