Hektische Schadensbegrenzung auf der einen Seite, verzweifeltes Beharren auf der anderen – die SPD führt gerade einen bizarren Kampf um die Macht. Trotzdem der erste Versuch gescheitert ist, eine von der Linkspartei tolerierte Minderheitsregierung mit den Grünen zu bilden, will die hessische Landeschefin Andrea Ypsilanti von diesem Plan nicht lassen. Ihr Landesverband unterstützt sie dabei. In einem Beschluss, den der hessische Parteirat und der Landesvorstand am Samstag trafen, heißt es: "Der Aufbruch in die soziale Moderne zur Bildung einer Landesregierung unter Führung einer sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Andrea Ypsilanti ist weder beendet noch gescheitert."

Einen Weg dahin sieht man noch – Dagmar Metzger, die Frau, die Ypsilanti aus Gewissensgründen nicht ihre Stimme geben wollte, muss verschwinden. Ohne sie könnte Ypsilanti es noch schaffen. Entsprechend hoch ist der Druck, der derzeit auf Metzger ausgeübt wird, ihr Mandat zurückzugeben . Noch hat sie sich nicht entschieden, doch scheint man in der Landes-SPD optimistisch, sie zur Aufgabe oder zur Änderung ihrer Meinung bewegen zu können.

Allerdings: Vielleicht wäre auch das noch nicht die ersehnte zweite Chance. Immerhin meldet die Frankfurter Rundschau , dass sich auch der dann für Metzger Nachrückende widerspenstig zeigt. Der 31-jährige Aron Krist ist der Ersatzkandidat aus dem Darmstädter Wahlkreis. Er lässt sich von der Zeitung mit den Worten zitieren: Auch er hege "erhebliche Zweifel", ob eine Tolerierung durch die Linkspartei "sinnvoll" sei. Deswegen habe er wie Metzger erhebliche "Bauchschmerzen", Ypsilanti zu wählen.

Die Landesführung ficht das derzeit nicht an. Laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung deutete die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Petra Fuhrmann an, "dass wir es im Mai noch einmal versuchen". "Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen", sagte auch Thomas Spies, Abgeordneter aus Marburg. Ypsilanti selbst sagte, sie habe ihr Vorhaben noch nicht aufgegeben. Es sei "erst einmal auf Eis gelegt".

Metzger selbst sagte am Samstag im ZDF: "Ich werde meinen Entschluss überdenken." Sollte auch ein Landesparteitag für den Ypsilanti-Plan sein, "kann ich mir vorstellen, mein Mandat niederzulegen". Nach der Sitzung von Parteirat und Fraktion in Hessen sagte Metzger, es gehe darum, ob sie einen möglichen Parteibeschluss für eine Minderheitsregierung mittrage oder ihr Mandat niederlege. Sie werde darüber in den nächsten Tagen mit der Parteibasis in ihrem Wahlkreis beraten. Die SPD-Gremien haben Metzger eine Frist bis Dienstag gesetzt.

Bei der Bundesspitze versucht man, sich alle Optionen offen zu halten und trotzdem als nicht allzu verantwortlich dazustehen. So sagte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil: "Die SPD hat den Anspruch, in Hessen zu regieren.“ Das Beste für Hessen sei eine stabile Koalition mit Grünen und FDP. Die FDP jedoch will das auf keinen Fall. Daher schloss Heil auch eine große Koalition nicht aus, allerdings nur eine ohne den bisherigen Ministerpräsidenten Roland Koch. Alles Recht, könnte das heißen, solange die SPD nur mitregiert.

Gleichzeitig schob die Bundesspitze die Verantwortung für diese Verwirrung an Ypsilanti ab. Fraktionschef Peter Struck, von vornherein ein Gegner der Idee einer Kooperation mit den Linken, sagte der Welt am Sonntag : "Die Entscheidung Andrea Ypsilantis für eine Tolerierung durch die Linke haben weder Kurt Beck, seine Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück noch ich begrüßt. Diese Entscheidung war kontraproduktiv zu dem, was wir in Bezug auf die Linken auf der Bundesebene planen."