China “Es herrscht das totale Chaos”

Heftigste anti-chinesische Proteste halten Tibet in Atem. Chinas Polizei und Militär reagieren mit Gewalt

Geschäfte und Polizeiwagen brennen in der tibetischen Hauptstadt Lhasa. Tibetische Demonstranten gehen mit Steinen und Stöcken auf Polizisten los. Restaurants und Internetcafes werden geschlossen. Tausende von Sicherheitskräften umstellen buddhistische Klöster in der Stadt auf dem „Dach der Welt“, berichten Augenzeugen. In Tibet herrscht an diesem Freitag Aufruhr.

„Es ist das totale Chaos“, berichtete eine Augenzeugin telefonisch aus Lhasa. „Überall ist Rauch“, erzählte ein anderer Bewohner. Es würden Steine geworfen und Fenster eingeschlagen. „Wir haben Angst.“ Zuverlässige Angaben über Tote oder Verletzte lagen zunächst nicht vor.

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Der Flughafen von Lhasa soll dem chinesischen Militär unterstellt worden sein, erzählen Reisende. Die Agentur Reuters berichtete, dass Panzer auf dem Platz vor dem Potala-Palast aufgefahren seien, der wichtigsten Touristenattraktion der Stadt.

Die heftigsten anti-chinesischen Proteste in Tibet seit fast zwanzig Jahren hatten am Montag begonnen, dem 49. Jahrestag des gescheiterten tibetischen Aufstandes gegen die als Besatzer empfundenen Chinesen. Was zunächst als Protestmarsch einiger Mönche und Nonnen begonnen hatte, zog im Laufe der vergangenen Tage offenbar größere Kreise. Am Freitag sollen 300 bis 400 Mönche und Einwohner trotz massiver Polizeipräsenz demonstriert haben.

Doch die Lage ist unübersichtlich. Nur wenige verlässliche Informationen dringen aus der abgeschiedenen Region nach draußen. Peking zensiert alle Nachrichten aus Tibet. Journalisten haben keinen freien Zugang.

Die Ausschreitungen am Freitag konzentrierten sich offenbar auf den Platz vor dem Jokhang-Tempel, wo sich jahrelang aufgestauter Frust und Wut über die Chinesen entlud. Neben Mönchen seien auch Studenten und andere Tibeter auf dem Platz gewesen, hieß es. Die Demonstranten hätten die chinesische Flagge eingeholt, die dort gehisst war, und sie mit Füßen getreten.

In den staatlich-kontrollierten chinesischen Medien kamen die jüngsten Demonstrationen mit keinem Wort vor. Nur der englischsprachige Dienst der staatlichen Agentur Xinhua berichtete am Freitag in dürren Worten über die Lage in Lhasa.

Alle Fernsehberichte über Tibet, die der amerikanische Sender CNN nach China ausstrahlte, wurden blockiert. Sobald ein Bericht begann, wurde der Bildschirm schwarz, der Ton blieb weg.

Trotzdem dringen Nachrichten ins Ausland. Der von den USA finanzierte Radiosender Radio Free Asia berichtete, zahlreiche Mönche seien im Hungerstreik. Zwei Mönche aus dem Kloster Drepung, wo die zunächst friedlichen Proteste begannen, hätten sich aus Protest gegen die Politik Chinas die Pulsadern aufgeschnitten. Ihr Zustand sei kritisch.

1959 war der Aufstand gegen die Chinesen blutig niedergeschlagen worden. Das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, flüchtete damals ins indische Exil. Truppen der chinesischen Volksbefreiungsarmee zerstörten zahlreiche Klöster, Tausende von Tibetern starben.

Schon 1950 hatte die junge Volksrepublik Truppen in das dünnbesiedelte Gebiet entsandt und Tibet ein Jahr später annektiert. Das Versprechen, die religiöse und kulturelle Identität der Tibeter zu respektieren, hielt die neue kommunistische Führung nicht ein. Durch eine systematische Ansiedlungspolitik von ethnischen Han-Chinesen fürchten viele Tibeter mittlerweile, in ihrer Heimat zur Minderheit zu werden.

In jüngster Zeit hatte die Pekinger Führung versucht, das verarmte Hochland durch Investitionen stärker an China zu binden. 2006 etwa war die erste Eisenbahnstrecke nach Lhasa eröffnet worden.

Immer wieder hat es aber auch in der jüngeren Vergangenheit Unruhen gegeben. Zuletzt 1989 – damals war der heutige Staats- und Parteichef Hu Jintao Parteichef von Tibet. Er reagierte mit harter Hand, mobilisierte das Militär und verhängte den Notstand. Fast zwei Jahrzehnte später überschatten die neuen Unruhen jetzt auch den laufenden Volkskongress in Peking, auf dem Hu für weitere fünf Jahre als Staatschef bestätigt werden soll.

Fünf Monate vor den Olympischen Spielen in Peking hat China plötzlich einen neuen, wenngleich alten Brandherd. Menschenrechtsgruppen und Organisationen von Exil-Tibetern nutzen seit Monaten die Spiele, um auf die Lage in Tibet hinzuweisen. Peking reagierte bislang gereizt und warnt immer wieder vor einer Politisierung der Spiele. Der Dalai Lama, der nicht die Unabhängigkeit, wohl aber mehr Autonomie für Tibet fordert, wird von Peking als Separatist bezeichnet.

Erst am Donnerstag hatte das chinesische Außenministerium den demonstrierenden Mönchen in Lhasa vorgeworfen, soziale Unruhen zu schüren. „Wir lehnen alle Versuche, Tibet von China zu spalten, entschieden ab“, sagte Außenamtsprecher Qin Gang.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Dalai Lama ein Separatist?Na, da ist er in bester Gesellschaft mit de Gaulle und Tito.

  2. haben in Tibet nichts zu suchen. Sie sind einfach nur widerliche Besatzer. Die VR China ist eine Kolonialmacht und unterdrückt Tibet seit 50 Jahren. Ich kann es nicht verstehen, dass die Olympiade in der Hauptstadt einer brutalen Kolonialmacht stattfinden soll.
    Schaut alle hin, die VRChina ist ein furchtbares Land.
    Es wird den Han-Chinesen auf die Dauer nicht gelingen, die buddhistisch-tibetische Kultur zu zerstören. Sie werden auf die Dauer weichen müssen.
    Gott sei Dank wird die tibetische Kultur außerhalb Tibets weltweit geschätzt und auch behütet. So wird sie sofort, wenn die Han-Chinesen das Schneeland verlassen, zurückkehren können.
     
    China, schäme Dich.

  3. Die Proteste in Tibet haben zumindest ein Ziel erreicht: Sie zeigen auch den Europäern, daß China nicht nur aus lächelnden High-Tech-Produzenten besteht.-Vielmehr handelt es sich um eine kommunistische Diktatur, die eine jahrhuntertealte imperialistische Kolonisationspolitik fortsetzt: Im Gegensatz z.B. zu den Europäern, die stets mit blanker Militärmacht andere Länder unterdrückten, gingen die Chinesen schon seit langem differenzierter vor: Man sucht sich weit unterlegene Gegner und besiedelt das Land einfach mit regierungstreuen Hanchinesen.-So erging es der inneren Mongolei, die heute praktisch nicht mehr existiert, so erging es Tibet und so wird es auch dem sibirischen Teil Rußlands ergehen, wo der Siedlungsdruck in den vergangenen 20 Jahren auch rapide zunahm.-Ist erstmal die alte Kultur des Besatzungsgebietes ausgerottet, sind die verbliebenen Dissidenten sämtlich eingekerkert, dann geht man in Peking daran, für die neue Provinz des Reiches eine regimekonforme Geschichte zu stricken. Nach der vollständigen Befriedung werden dann auch lokale kulturelle Aspekte/Monumente (z.B. Potala-Palast usw.) wieder zum Zwecke der Volksbelustigung folkloremäßig herausgekramt.-Dieser Prozeß der Landnahme verläuft natürlich wesentlich langsamer als der militärische. Dafür ist er jedoch irreversibel. Einfach widerlich.

    • Anonym
    • 14.03.2008 um 23:01 Uhr

    jeder hat es hier selbst in der Hand auf chinesische Produkte zu verzichten, oder auch nicht ???

  4. Besonders peinlich für China ist die Zeitwahl der Tibet-Attacke gerade vor der Olympiade.  Was wird, wenn jetzt einige Länder aus Protest absagen?

  5. aber was geschieht in Europa? Ist da nicht auch eine schleichende Landnahme im Gange. In diesem Jahr werden 50 % dereingeschulten Kinder in Berlin einen Migrantenhintergrund haben. In 10 Jahren passen wir unsere Verfassung den geaenderten "Realitaeten" an.  Ob wir dann noch Moenche haben, die protestieren.  Ich selbst habe hohen Respekt vor dem Buddhismus.

  6. Wieder einmal zeigt sich, wieviel Aufmerksamkeit die Medien - auch die ZEIT - der "Sprache der Gewalt" schenken. Tibet kämpft seit Jahrzehnten auf friedlichem, gewaltfreiem Wege für die Aufmerksamkeit und Unterstützung der Weltöffentlichkeit,die durch (provozierte) Gewaltaktionen offensichtlich viel leichter zu erreichen ist als mit friedlichen Mitteln. Die Aufmerksamkeit für einen "Friedens mit friedlichen Mitteln" (Mahatma Gandhi, Johan Galtung) und die Ausbildung einer entsprechenden Medien-Kultur, muss erst noch gelernt werden.Auf jeden Fall lohnt es sich nun, die Weltethosrede des IOC-Präsidenten Jacques Rogge zu lesen, um die Beziehung zwischen Anspruch und Wirklichkeit vor Augen zu haben:http://www.weltethos.org/...

  7. Da der Link nicht funktioniert, ein neuer Versuch:http://www.weltethos.org/...   oder über  www.weltethos.org   

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