Linke Zurück in die Zeiten des Selbstbetrugs?

Deutschland befindet sich gegenwärtig auf dem Weg nach links! So lautet angesichts der Wahlerfolge der Linkspartei der Befund zahlreicher politischer Kommentatoren

Vorbei seien die Zeiten der Deregulierung, der Privatisierung, der Steuerkürzungen, des verstärkten Wettbewerbs und der „Reformen“ im Wirtschafts- und Sozialsystem (am umstrittensten war und ist die sogenannte „Hartz IV“-Reform mit der Zusammenlegung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe). Fortan gehe es wieder um soziale Gerechtigkeit, Umverteilung, Steuererhöhungen, höhere Löhne und Renten, um ein „Ende der Zumutungen“ ganz allgemein.

Nach einem Jahrzehnt der steigenden Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und quälender Reformdebatten und Reformen ist der Aufschwung endlich da. Die Wirtschaft schreibt ein kräftiges Wachstum, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Steuereinnahmen sprudeln wieder. Jetzt muss der Aufschwung nur noch bei allen ankommen.

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Nun sind höhere Renten und Löhne, ein mehr an Bildungsinvestitionen, mehr Geld für Kinder und deren Betreuung, für Arbeitslose und sozial Schwache, für eine modernere Infrastruktur und für den ökologischen Umbau unserer Gesellschaft angesichts des aktuellen Bedarfs alles andere als unbillige Forderungen.

Und wer das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Spitzeneinkommen und dem durchschnittlichen Verdienst der Beschäftigten in Rechnung stellt, der wird sich zu Recht ernste Sorgen um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft machen.

Verstärkt wird diese Tendenz noch durch das eklatante Führungsversagen Einzelner in den Spitzen der Wirtschaft: Steuerhinterziehung und Steuerflucht, nach oben offene, zweiprozentige Einkommenssteigerungen für Unternehmensvorstände, Abfindungen in zweistelliger Millionenhöhe für teure Versager in den Chefetagen etc. tragen zu dieser desintegrativen Entwicklung noch weiter bei.

Es fühlen sich in Deutschland mehr und mehr Menschen trotz des Aufschwungs benachteiligt, ja bis weit hinein in die Mittelschicht, trotz Arbeit vom sozialen Abstieg bedroht.

Leser-Kommentare
  1. Die multikorrupte CDU des Bimbeskanzlers hat Deutschland nach der Wiedervereinigung fast in die Katastrofe geführt. Schröder - mag man über seine GasProm-Hurerei denken, was man will - hat mit RotGrün tief ins Fleisch des Sozialstaats schneiden müssen, weil Kohl, Schäuble und Co - und, ja, genau der Schäuble, der erst Geld von einem dubiosen Waffenlobbyisten genommen hat und heute den Polizeistaat will - im Angesicht der innenpolitischen Wiedervereinigung so vollständig versagt haben, dass man es mit Absicht nicht hätte schlechter machen können. Beispielhaft hierzu ist jener Bäckermeister, der von der Treuhand 100 000 Wohnungen für eine symbolische D-Mark erwerben konnte. Dieser Eierdeal wurde zwar auf öffentlichen Druck rückgängig gemacht, zeigt aber die CDU in ihrer umfassenden Bürgerfeindlichkeit. Hätten sie stattdessen 100 000 Ex-DDRlern für , sagen wir, 10 000 Mark ihre Wohnung zum Eigentum angeboten, hätte das 1 Mrd. in die klammen Kassen gespült und 100 000 Familien für diesen Staat eingenommen. Aber: Nicht mit der CDU, nicht mit einer Partei, die erst Altnazis in Spitzenpositionen gebracht hat und nach deren Wegsterben dann Bimbeskanzler und andere brutalstmögliche Koofmichs.Wer also eine Zukunft für dieses Land will, sollte diese Partei meiden wie einen Fiebersumpf und er sollte sich unsere einzige Chance auf fortwährende Prosperität immer wieder vor Augen halten:It's the education, stupidDieses Land wird seinen Wohlstand nur halten, mehren, und, das wäre schön, verbreitern können, wenn es sich der internationalen Konkurrenz durch konkurrenzlose Produkte entzieht. Das erfordert Bildung und Bildung und Forschung und eine enge Verzahnung von Anwendungsforschung und Industie und Bildung: Oder hatte ich das schon erwähnt? Im Grunde ist jedes Bundesland gut beraten, sein lokales Wirtschaftsministerium aufzulösen und als Abteilung dem Forschungsministerium zuzuschlagen. Das würde zeigen, dass man die Herausforderungen der Zukunft verstanden hat und die Mittel kennt, ihnen zu begegnen.Geruhsame Karwoche allerseits und meine Empfehlung an den Herrn Bundesminister a.D.schwarzbart

    • Herr-M
    • 17.03.2008 um 9:55 Uhr

    "Die Linksverschiebung der deutschen Politik geht mitnichten auf die Linkspartei und Oskar Lafontaine zurück, sondern vielmehr auf dieses Führungsvakuum an der Spitze der Regierung. "
    Sie geht darauf zurück, dass die Politik überhaupt nicht mehr bereit ist, die Lebenssituation großer Teile der Bevölkerung wahr zu nehemn, insbesondere die von Hartz4 betroffenen.Und wenn, geht sie auf die Wähler zurück, die die Linken wählen.
    Sehr aufschlussreich Herr Fischer auch Ihr "Fördern nach dem Fordern"
    Da bin ich jetzt aber wirklich gespannt drauf. Auf das Fördern.
    Als Hartz4 von der Regierung, der Sie angehörten, eingeführt wurde, hieß es noch:
    "Fordern und Fördern"...Erinnern Sie sich nicht mehr??

    • ali-ch
    • 17.03.2008 um 10:19 Uhr

    Von wegen "Fordern und Fördern" haben Sie wohl etwas missverstanden.
    Das "Fordern" bezieht sich ausschliesslich auf die Arbeitlosen, das "Fördern" ausschliesslich auf die Unternehmen. Richtig verstanden, ist dieser Programmpunkt in geradezu hervorragender Weise verwirklicht worden!

    • ali-ch
    • 17.03.2008 um 10:29 Uhr

    Keineswegs.
    Schön, dass der alte Trick "Alle Handlungsvarianten weglassen, bis auf die dümmste, und auf die dann einprügeln" immer noch funktioniert.
    (Auf der anderen Seite: Von Leuten, die die wunderbare neue Arbeitslosenstatistik - eigentlich ja erstaunlich, dass es statistisch überhaupt noch Arbeitslose gibt - erfunden haben, durfte man ja Grundkenntisse ihres Berufes erwarten.)

  2. Die neuen sozialen und kulturellen Fragen der deutschen Gesellschaft, die der Gesellschaften aller OECD-Staaten und der Welt global stellt Fischer nicht. Dann kann er sie natürlich auch nicht beantworten.Fritz Goergen

  3. Joschka Fischer hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Analyse ist derzeit nicht viel hinzuzufügen. Danke!

  4. Alles richtig, aber alles auch längst bekannt. Das typische professorale Geschwafel eines Elder Statesman eben. Mehr oder weniger scharfsinnige Analysen des Status Quo gibt es wie Sand am Meer, aber was sind die KONKRETEN Konsequenzen?

  5. Fischer schreibt, wie so oft, viel Richtiges und wenig Neues. Der ganze Artikel sagt nur zwei Dinge : "Von nichts kommt nichts" und "wo nichts ist kann nichts verteilt werden".Es fehlen, mal wieder, konkrete Vorschläge, "wie und woher Geld kommen kann" und "wie Geld verteilt werden soll."Vielleicht liegt es daran, daß es eine universell "richtige" oder "gerechte" Finanzpolitik gar nicht gibt.Jede Finanzpolitik hat ihre berechtigten Kritiker und immer wird ein Teil der Gesellschaft sich berechtigterweise benachteiligt (zu kurz gekommen, übermäßig belastet, etc) fühlen.Ich sehe am Beispiel meiner Eltern aber eine Lösung : Beide lebenslang Angestellte in der mittleren Einkommensgruppe, beide kurz vor dem Rentenalter, beide bestürzt über den anstehenden sozialen Abstieg durch Rentenkürzungen und erhöhte Abgaben. Also haben sich beide informiert, Abendkurse belegt, sich von ihrem Sohn im Internet fit machen lassen. Nun wird Geld umgeschichtet, in Fonds investiert, über das Internet Geld gespart und verdient, nebenberufliche und nachberufliche Tätigkeiten gefunden, kurz : durch Eigeninitiative sich selbst geholfen.Forderungen nach sozialgerechter Umverteilung sind nur dann gerechtfertigt, wenn der persönliche Rahmen an Gestaltungsmöglichkeiten ausgeschöpft wurde.Meines Erachtens können deutsche Bürger sich weitaus mehr selbst helfen, als dies zur Zeit geschieht.Ich meine, daß der Staat diese Art von Eigeninitiative fordern darf und dann entsprechend fördern muß - und es m.E. auch tut.

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