Bankenkrise Ein hochansteckendes Virus

Die Traditionsbank Bear Stearns kollabiert, die Börsen sind in Aufruhr. Wie gravierend ist die Krise wirklich? Ein Gespräch mit dem Finanzmarkt-Experten Jan Pieter Krahnen.

ZEIT online: Herr Krahnen, binnen weniger Tage kippt in den USA die Traditionsbank Bear Stearn s, in dieser Woche werden vier Institute ihre Bilanzen vorlegen – mit womöglich weiteren schlechten Nachrichten. Einige Ökonomen warnen bereits vor einer Depression, wie die Welt sie zuletzt 1929 gesehen hat. Wie groß sind die Schwierigkeiten, in denen wir tatsächlich stecken?

Jan Pieter Krahnen: Die Krise hat ein gravierendes Ausmaß angenommen. Die Einbrüche sind größer, als man sich das bislang auch nur vorstellen konnte. Bear Stearns ist nun die erste Investmentbank, die in dieser Krise kollabiert ist. Die drastischen Eingriffe der Zentralbanken zeigen, dass offenbar auch die gut informierten Kreise alamiert sind. Alle Befürchtungen sind im Moment gerechtfertigt.

ZEIT online: Schon am Mittwoch hieß es von der Ratingagentur Standard & Poor's , das Schlimmste sei vorüber. Jetzt kommt es noch wilder. Warum erleben wir immer wieder neue Überraschungen?

Krahnen: Die Folgerung, die Institute würden nicht die Wahrheit sagen und ihre Probleme verschleiern, liegt auf der Hand. Sie ist aber falsch. Wir haben es stattdessen mit einer Krisendynamik zu tun, die immer weiter außer Kontrolle gerät. Es geht nicht mehr nur um Subprimes. Mittlerweile greift die Krise auch auf andere Anlageklassen über, die ebenfalls an Wert verlieren. Deshalb erhöhen sich die Abschreibungen der Banken in so schneller Folge.

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ZEIT online: Welche Anlageklassen sind das?

Krahnen: Nehmen Sie den deutschen Pfandbrief. Der war über Jahre hinweg so sicher wie Staatsanleihen. Jetzt steigen auch hier die Prämien, die die Anleger fordern, die Preise für diese Produkte fallen. Und dass obwohl die Sicherheiten ausreichend sind. Die Anleger sind misstrauisch geworden. Die Frage ist jetzt: Welche Produkte sind ähnlich gestrickt wie die Subprime-Konstruktionen? Je ähnlicher die Produkte sind, umso größer ist das MIsstrauen. Auch die Akteure, die im Subprime-Geschäft tätig waren, haben Vertrauen eingebüßt. So greift die Krise zunehmend auf Teile des Finanzsystems über, die vorher als gesund galten.

ZEIT online: Bear Stearns ist ein großer Prime Broker, also ein Institut, das Hedgefonds mit Krediten versorgt. Was für Folgen hat es, wenn das Finanzhaus nun höhere Sicherheiten für das Geld fordert, das sie den Fonds geliehen hat?

Krahnen: Natürlich hat das Folgen. Die Hedgefonds können solche Mittel nur bereitstellen, wenn sie Wertpapiere verkaufen. Das verschärft die Krise zusätzlich. Diese wirkt im Moment wie ein hoch ansteckendes Virus, das mehr und mehr auch die Randbereiche des Finanzsystems erreicht. Ein anderes Beispiel sind die Private-Equity-Firmen. Diese haben in der Vergangenheit den Strukturwandel in der Volkswirtschaft vorangetrieben, manche sagen: gar eine Revolution entfacht. Jetzt wird es für sie fast unmöglich, sich zu refinanzieren. Weil kaum noch eine Bank Geld für Restrukturierungen verleihen will, wird ihr Geschäft sehr beeinträchtigt. Das entzieht dem System weiter Liquidität, und verursacht enorme volkswirtschaftliche Kosten.

Leser-Kommentare
  1. .... grade über den Ticker gelaufen:Helge Schneider wird vom 1. Mai an die Federal Reserve leiten.Herzlichen Glückwunsch, Helge, und alles Gute im neuen Geschäftsjahr.Yes, you CAN!! 

    • phuter
    • 17.03.2008 um 20:24 Uhr

    Vandal auspacken und feste druffsprühen bis sie alle tot sind. Das wird kommen. Freu mich schon.

  2. ... hat die Federal Reserve zur Verfügung gestellt, um eine einzige Bank zu retten. 1983 waren 30 Milliarden Dollar ungefähr soviel Wert wie 75 Milliarden Deutsche Mark´.
    Im gleichen Jahr erhielt die DDR einen von von Franz Joseph Strauß selig vermittelten Kredit in Höhe von sage und schreibe DREI Milliarden Mark, also weniger als 5 Prozent der genannten Summe.  
    Selbst wenn man in Rechnung stellt, daß diese 3 Milliarden DM damals noch doppelt so viel wert waren,  heute also real etwa 3 Mrd. EURO wert sein müssten, muß der Unterschied immer noch beeindrucken.
    Damals wurde angenommen, mit  3 Mrd. DM ließe sich die Volkswirtschaft eines Landes mit 17 Millionen Einwohnern sanieren. Heute reicht es gerade noch zur Rettung irgendsoeiner Bank, deren Namen den meisten Deutschen bis letzten Freitag unbekannt war.
    Mit 20 Milliarden Dollar Miese galt Polen in den 80er Jahren als "hoffnungslos überschuldet".
    12 Milliarden hat Helmut Kohl 1990 den Sowjets versprochen, damit sie ihre Truppen aus Deutschland abziehen.
    Und jetzt also 30 Milliarden zur REttung einer Bank, die mit ihrem Geld sogenannte "Immobilien" finanziert hat, von denen die meisten ja sowieso nur aus Pappe und Sperrholz bestehen.... 
    Das nenne ich : Inflation

  3. Kurt Tucholskys Feststellung „Finanzpolitik ist die Metaphysik des Pokerspiels“ ist heute sehr gut nachvollziehbar! Die Veranstaltung Kapitalismus ähnelt einem  Casino, wobei Casinos und Lotterien in der Regel (noch) staatlich kontrolliert werden. Der Zustand der kapitalistischen Ökonomie verdient die Kennzeichnung „außer Kontrolle“. Allein die Tatsache, dass in Japan und in den USA das Wachstum des Luxusgüterkonsums von 14 Prozent im November auf 10 Prozent im Dezember 2007 gefallen ist, gilt vielen bereits als Indiz für die herannahende Rezession: Die Reichen, nah an der Herzkammer des Kapitals, müssen´s ja wissen! Alle Teilnehmer an den wichtigen Sitzungen des Offenmarktausschusses der Fed mussten vor den Treffen Prognosen zur Wirtschaftsentwicklung abgeben. Greenspan weigerte sich als einziger,das zu tun. Warum? Im Kapitalismus sei, so Greenspan, „jede Art von Prognosen vollkommen unsinnig“ !
    Es geht die Mär, es sei nur der „alte Kapitalismus“ gewesen, der weitgehend im  Blindflug in Crashs und 1929 in die Weltwirtschaftskrise gesegelt ist. Doch heute sei das alles ganz anders. Es gebe regelmäßige Treffen der Mächtigen (Davos!), Zusammenkünfte der Top-Regierungen (Heiligendamm!) und ein „dichtes Netz von Sicherungen“ (Société Générale!). Doch wie läuft es denn heute tatsächlich? Die „Financial Times Deutschland“ berichtete jüngst, dass die meisten großen Banken und Investmenthäuser fürstlich entlohnte Metereologen eingestellt haben. Warum? „Metereologen haben die Fähigkeit, komplexe Probleme zu analysieren.“ All das wäre amüsant, wenn es sich beim Zocker-Wirken der Banken und Konzerne um Veranstaltungen in geschlossener Reichen-Gesellschaft handeln würde. Doch diese Spiele im Casino Capital sind ernst und folgenreich. Kurz nach dem Milliarden-Verlust bei der Wolfsburger Muttergesellschaft kam es im Volkswagenwerk im mexikanischen Puebla zu einem erbitterten Streik um elementare Forderungen. Das Management in Wolfsburg zeigte sich mehr als drei Monate unnachgiebig und versuchte, die 8000 Beschäftigten buchstäblich auszuhungern. Irgend jemand musste die Zockerverluste neu erwirtschaften. Jack Leesons großes Rad führte zum Zusammenbruch der Barings-Bank, wodurch Tausende Jobs vernichtet wurden. Die fünf Milliarden Euro Verluste der Société Générale und vor allem der Crash, den die SocGen-Zockerei verstärkt haben dürfte, münden in die Vernichtung großer gesellschaftlicher Werte und gefährden oder zerstören Tausende Existenzen.
    Ist nicht sofort ersichtlich, welche politischen oder sozialen Gruppen, Kräfte oder Größen bestimmte Vorschläge, Maßnahmen usw. vertreten, sollte man stets die Frage stellen: Wem nützt es? W.I.Lenin

  4. Es ist ein hochansteckendes Virus!
    So ist Obdachlosigkeit, die jetzt vielen Familien droht, nicht Resultat eines Mangels an Wohnungen, sondern paradoxerweise eine des Überflusses!
    Wie heisst es doch im Kommunistischen Manifest von 1848? "In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre - die Epidemie der Überproduktion."

    • Anonym
    • 18.03.2008 um 2:22 Uhr

    In den vergangenen Jahren hat die Oeffentlichkeit bewundernd an den Lippen der der Finanzschamanen gehangen und aufs ewige Leben gehofft. Die selbsternannten "Experten" in der Presse haben willfaehrig die Heilsversprechungen bekraeftigt und jetzt angesichts der Krise kaprizieren sie sich aufs Gesundbeten eines kranken Systems. In den "Wahren Geschichten von AQ" des chines. Dichter Lu Xun ist dieses Verhalten kaprizioes beschrieben: immer wenn AQ einen Fehler begangen hat, in Schwierigkeiten ist, gibt er sich selbst eine Ohrfeige und straft sich ab; danach ist er zufrieden, denn er hat die Situation gemeistert. Auf die Idee, dass er etwas aendern muesste in seinem Verhalten kommt er nicht; im Gegenteil: angesichts der bevorstehenden Hinrichtung lobt er sich fuer die gemachten Erfahrungen, die ihm im naechsten Leben nuetzlich sein werden. In der gleichen Art und Weise schwadronieren nun die selbsternannten Experten und die Schreiberlinge ueber die Bankenkrise: wichtige Erfahrung gemacht, weiter so. Dabei waere es dringend an der Zeit die Grundlagen des gegenwaertigen Wirtschaftens infrage zu stellen und drastische Massnahmen, Kuren zu verordnen. Stattdessen wird versucht mit Worthuelsen den Patienten gesund zu beten.
    Die Finanzwissenschaft und ihre Adepten in den Publikationen entlarven sich als Schamanen. Und wie das nun mal so ist: Priester und Schamanen haben immer fette Baeuche, predigen Wasser und saufen Wein. Die ganze Wirtschaftwissenschaft hat nicht mehr Gehalt als die Religionen und ist mindestens so schaedlich fuer den Kopf wie diese.
    Lehrreich fuer diese Clique waeren mehrjaehrige Praktika im bergwerk, auf dem Bau, in der Landwirtschaft. Vielleicht klaert die koerperliche Betaetigung ja das Hirn.

    • Anonym
    • 18.03.2008 um 10:37 Uhr

    ...dann geht Sie aufs Eis.Die Fehler der Vergangenheit werden solange wiederholt, bis ihr Prinzip erkannt und verinnerlicht ist.Leider ist es so, dass neue Methoden, lang währender Wohlstand, die Menschen in Sicherheit wiegen.Doch neue Methoden beinhalten alte Risiken, auf die Sicherungssysteme nicht eingestellt sind und nie eingestellt sein können.Wenn Interessenlagen und die Mechanismen der Macht Menschen mit Durchblick keine Handhabe bieten Systeme anzupassen, kommt der nächste Crash so sicher wie das Amen in der Kirche.Je starrer und detailierter und formaler also die Sicherungssysteme, desto wahrscheinlicher ist es, das sie versagen. Doch flexiblere Sicherungssysteme wie in den USA bieten auch keine Garantie, dass sie den Herdentrieb brechen können.Deshalb führt der Sozialismus noch schneller in den Ruin als die Marktwirtschaft, weil eben der Umstand das er unfrei ist, somit keine wirksame Kontrolle der Etablierten ermöglicht.Auf der anderen Seite wie z.B. den USA sind zwar die Sicherungssysteme flexibel, ansonsten wäre das System schon zusammengebrochen, doch auch hier nützt es wenig, wenn im Boom niemand auf die warnenden Stimmen hört und die Verschuldung überhand nimmt.Menschliche Ignoranz, Histerie und von Verstand und Logik befreiter Glaube führen halt immer zu Problemen, besonders wenn diese die eigene Interessenlage begünstigen.Die Quadratur des Kreises ist leider niemals absolut sondern nur Näherungsweise erreichbar und die heißt: Intelligenz den Weg in Spitzenpositionen ebnen und den Gemeinnutz durch Eigennutz erreichbar gestalten. Das bietet langfristig die besten Chancen größtmögliche soziale Berücksichtigung, alles anderer ist nur ein Spiel auf Zeit. Berthold Grabe  

  5. Wahrscheinlich ist schon die ganze Zeit der Goldpreis gestiegen und befindet sich jetzt schon relativ weit oben. Oder ??

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