PEKING 2008 Die Macht des Sports

Ein Boykott der Spiele in Peking würde wenig nutzen. Das IOC und die Sportler aller Länder haben heute ganz andere Möglichkeiten, Druck auszuüben. Ein Kommentar

Ist meine Olympia-Vorbereitung und die von vielen hundert Sportlern schon jetzt, 142 Tage vor Beginn der Spiele, für die Katz? Denn nach dem brutalen Vorgehen der Chinesen in Tibet wird nicht mehr über Trainingsleistungen, Qualifikationswettkämpfe oder Dopingprobleme geredet, sondern gleich über einen Boykott der gesamten Veranstaltung. Natürlich nicht offiziell. An allen offiziellen Statements - vom Dalai Lama bis zu Angela Merkel - fällt im Gegenteil auf, wie entschieden ein Boykott abgelehnt wird. Das klingt doch sehr nach einem verzweifelten Pfeifen im olympischen Wald: Möge uns das politische Gezerre um eine Teilnahme doch bitte erspart bleiben ...

Dabei war schon am 15. Juli 2001 klar, dass es genau zu dieser Eskalation irgendwann vor den Spielen kommen würde. Damals vergab das IOC die Spiele nach Peking, schon damals war Tibet eine der Problemzonen Chinas. Und schon damals konnte man ahnen, dass die Anhänger der tibetischen Sache die von der chinesischen Staatsmacht propagandistisch aufgerüsteten Spiele wie den Umkehrschub eines Düsenjets nützen würden, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Und schon damals übte sich das Internationale Olympische Komitee als Ausrichter der Spiele in einer sattsam bekannten Dialektik, die man auch als Verlogenheit bezeichnen könnte.

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Der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch, als früherer Parteigänger des spanischen Diktators Franco mit den Funktionsweisen totalitärer Staaten bestens vertraut, war für Peking, weil die Spiele eine Stadt "oder sogar ein Land" verändern könnten. Olympia 1988 in Seoul galt ihm als Beweis seiner These: Auf die Spiele folgte die Demokratisierung des Landes. Ähnlich werde es auch in Peking funktionieren, ließ Samaranch verlauten, "wir bauen darauf, dass es in den kommenden sieben Jahren viele Veränderungen geben wird".

Als er mit diesen schwer überprüfbaren Versprechungen seinen Wunschkandidaten Peking durchgedrückt hatte, schied Samaranch aus dem Amt. Nur einen guten Monat später sagte sein Nachfolger, der jetzt amtierende IOC-Chef Jacques Rogge, dass seine Organisation kein "Wachhund" sei für die Einhaltung der Menschenrechte in China. "Das IOC ist keine politische Organisation, sondern eine Organisation des Sports. Einfluss auf die Menschrechtssituation auszuüben, dies ist die Aufgabe der Politik."

Diesem Mantra ist das IOC treu geblieben: Wir machen keine Politik. Und selbst jetzt, im Moment der größten Bedrohung für die Pekinger Spiele, steht als Spitzenmeldung auf der Website der Organisation, dass die Luft in Chinas Hauptstadt für Athleten nicht schädlich sei. Von Tibet kein Wort; wachsweich lässt Rogge ausrichten, man sei besorgt über die Situation und werde genau hinschauen ...

Aber Rogge und alle anderen Offiziellen können reden, so viel sie wollen - die Spiele waren und sind seit jeher ein Politikum, dafür muss man gar nicht an Hitlers Berliner Propaganda-Show von 1936 erinnern. Auch 1956 in Melbourne fehlten sechs Staaten aus politischen Gründen: Ägypten, Irak und Libanon protestierten gegen die Eroberung des Suezkanals durch Israel, die Niederlande, Spanien und die Schweiz fehlten aus Protest gegen die sowjetische Intervention in Ungarn. 1960 in Rom war Südafrika noch einmal dabei, danach wurde es für lange Zeit wegen seiner Apartheidpolitik ausgeschlossen. In Tokyo 1964 wurde Indonesien und Korea die Teilnahme verwehrt, weil sie an den kommunistisch geförderten Ganefo-Spielen teilgenommen hatten. Sogar in Montreal 1976 fehlten neben dem Irak und Guayana 20 afrikanische Länder, weil sich das IOC geweigert hatte, Neuseeland wegen seiner Sportkontakte zu Südafrika auszuschließen.

Leser-Kommentare
  1. dann
    unpolitisch – will sagen – Propaganda kann begegnet werden:1.das
    Tragen von Flaggen oder das Bekunden von politischen Äußerungen  an der Sportkleidung von Athleten ist unseres
    Wissens nach IOC-Richtlinien verboten – aber temporäre Tattoos jedoch nicht.
    Wir möchten mit findigen Tattoo-Designern eine Muster-Kollektion der
    Schriftzüge „Autonomous Tibet“ und „Human Rights for all Peoples of the World“  - in Zhongwen – also Chinesisch und Englisch gemeinsam
    mit der tibetischen Flagge und der jeweiligen Landesflagge auf von
    Sportkleidung nicht
    bedeckten Körperteilen entwickeln.Dass
    es sich dabei um völlig unpolitische Äußerungen handelt sollten findige und
    kreative Juristen im Vorfeld absichern. Juristen können auch ein  Streikverbot – siehe Bahn AG und GDL letzten
    Sommer erwirken. Dann dürfte dies ein leichtes Spiel sein. Das
    zu erwirkende Patent könnte zum Vorzugspreis vom NOK an andere Nationale
    Olympische Komitees verkauft werden. Wer
    sagt, dass man mit Völker- und Menschenrecht kein Geld verdienen kann ist nur
    zu faul zum Denken – oder – er hat zu früh damit aufgehört.2.die
    Athleten, Funktionäre und Journalisten, die über die Spiele berichten sollten
    12  Pflichtseminare in jenem Fach
    erhalten, das verfassungsgemäß Hauptaufgabe der Parteien ist, aber im Zuge der
    zuletzt eskalierenden „Stimmviehkampagnen“ einmal mehr vernachlässigt wurde – politische
    Willensbildung. Mögliche
    Themen:-1989-2008
    – Chinas Öffnung – Globalisierung und Menschenrecht-China
    und die Welt im 20. Jahrhundert-Demokratie
    und Menschenrecht im west-östlichen Kontext-Die
    Macht der Bilder – Allmacht oder Ohnmacht ?-Angst
    und Einschüchterung als Machtmittel – nur in China?-Krieg
    und die Grenzen des Wachstums-Staatsrecht
    und Völkerrecht – Konflikte und Lösungsmöglichkeiten-1+1=1,99911
    – Annäherungen an Wahrheiten-1-1=0,99911
    – Annäherungen an vielfältige Wahrheiten 2. Teil-Freiheit
    und Demokratie – Amnesty International und Human Rights Watch berichten über
    den Stand der Dinge – den Status Quo Vadis-Der
    kritische Staatsbürger – ein noch gewünschtes Exempel der Gattung Mensch ?-Geistige
    Freiheit und Mentale Stärke – Mind-Doping ohne synthetische Hilfe.Diese
    Seminare sollten jeweils  2 ½ - 3 Stunden
    Dauer haben und ohne Weiteres bis zum 8.8.2008 im Termin-/ und /oder
    Trainingsplan eines jeden Athleten, Funktionärs und Reporters unterzubringen
    sein.3.Das Tragen
    der Tattoos aus 1. sollte selbstverständlich freiwillig sein – das NOK sollte
    dies jedoch entsprechend honorieren. Eine entsprechende Handtuchkollektion mit
    denselben Schriftzügen und Flaggen sollte entwickelt werden. Wir bitten
    fairerweise um Kontaktierung und  -
    Vertragsverhandlungen mit Handtuch- und Wäscheproduzenten. Auch String-Tangas -
    also „Underwear“ und Bikinis mit der tibetischen Flagge und den entsprechenden
    Schriftzügen können sexy und kleidsam sein.4.Körpersprache und Gewalt – Gestus im
    west-östlichen  Kontext – wie schütze ich
    mich vor Gesichtsverlust ?  -
    Verhaltenskodex und mentale Stärke – dies wäre nochmals gesondert als begleitender
    Schwerpunkt in den Trainingsplan der Athleten einzubauen. Danach wäre auch das
    Tragen der temporären Tattoos ein Leichtes.5.Die mediale Berichterstattung muss
    schon jetzt, im Vorfeld mehr die in 2. angedeuteten Themenkomplexe abdecken –
    der gesellschaftliche Diskurs muss vorangetrieben werden. Propaganda und
    Gleichschaltung  -Entmündigung durch
    autoritäre, oft menschenverachtende  -und
    korrupte Staatslenker muss wirksam entgegengetreten werden  - allerorten. Wir,
    die Tibeter, die Kurden, die Uiguren, die Dai, Miao und Hui, die Palästinenser,
    die Israelis – Bewohner nicht nur von Aschkalon und Sderot – die Basquen, die
    Tartaren, die Tuaregs, die Batakhs, die Berber, die Tutsis, die Melanesen auf Irian
    Jaya und die Dayaks auf Kalimantan, die Amazonas-Indianer, die Inuit, die
    kanadischen „First Nation People“ – die Indianer der US, die australischen
    Ureinwohner – alle staatenlosen und ständig durch staatliche oder
    terroristische Willkür und  Profitgier
    von Großkonzernen  bedrohten Völker
    dieser Welt benötigen endlich eine Interessensvertretung, die uns und unsere
    Familien – unsere Völker wirksam schützt und supranational agiert – und
    entsprechend die Autorität hat, über dem Recht des einzelnen Staates zu stehen.Wir
    schlagen von daher die Gründung der UP – der United Peoples unter dem Dach der
    in dieser Hinsicht zu stärkenden UN vor.Menschenrecht
    und Völkerrecht muss allerhöchste Priorität vor Wirtschafts- und Staatsrecht
    haben. Letztere müssen endlich den Dialog mit den Menschen suchen. Die
    Isolation Chinas durch den Boykott ist kein probates und zeitgemäßes Mittel. Das
    chinesische Volk hat sich die Spiele genauso verdient wie die Sportler und die Menschen
    in aller Welt, die sich daran freuen.Chinas
    Weg in eine humanere Moderne – und seine Suche nach Anschluss muss gefördert
    werden – dies liegt auch im ureigenen Interesse des „Westens“. i.A.d.K.  

  2. Die Vorbereitungen fuer die Propaganda-Schlacht um die Olympischen Spiele laufen. Darunter zu leiden haben bisher nur die Han-Chinesen in Tibet, die vom Mob gepruegelt, gepluendert, vertrieben oder gar ermordet werden. Und alles zielt darauf ab, dass im Sommer moeglichst jeder Athlet, Offizielle oder Peking-Besucher zum Traeger neoliberaler Regime-Change-Propaganda gemacht werden soll: auf der einen Seite der chinesische Staatsapparat mit seiner Ein-China-Doktrin, auf der anderen Seite westlicher Geheimdienst-Schmuddel und blutiges Abenteurertum. Das Ganze ist so vorhersehbar wie ein von der Berliner Wettmafia gekauftes Fussballspiel.

  3. Kann es sich heute denn irgendein Sportverband eines Landes überhaupt leisten, den olympischen Spielen in Peking fern zu bleiben? Es geht hier weniger um Sport, sondern um Geld - viel Geld u.a. aus Fernsehgeldern. V.a. in China wird gerne und viel gewettet, im Wettgeschäft werden dort gewaltige Umsätze und Gewinne generiert, von denen vieles eben auch über die Fernsehgelder nach Europa und in die USA zurück fließen und die an zahlreichen Stellen für die Zeit nach den Olympischen Spielen mit Sicherheit schon fest eingeplant sind.Hinzu kommt, dass man in Peking mit Sicherheit über einen Boykott der Spiele mit Sicherheit gegenüber den Verbänden, den boykottierenden Staaten und den dort ansässigen Medien- und Sportunternehmen äußerst verärgert reagieren wird. Diese Verärgerung ist dabei grundlegend anders gelagert, als in der westlichen Welt - sie grundsätzlicher Natur, weil ein Zurückrudern mit einem massiven Gesichtsverlust in den eigenen Reihen verbunden ist. 

    • Manu84
    • 18.03.2008 um 13:38 Uhr

    Entgegen ihrem dummen Kommentar geht es hier nicht um die angeblich kommunistische Gesellschaftsordnung Chinas, sondern um ein autokratisches Regime, dass Kritiker und Andersdenkende im eigenen Lanmd einfach unbemerkt entsorgt und Aufstände niederkartätschen lässt. Und sie glauben nicht wirklich, dass eine "Regimechange" Propaganda im Hinblick auf China durch Neoliberale verbreitet wird? Niemand profitiert von der chinesischen Ausbeutergesellschaft mehr als die!

    • phuter
    • 18.03.2008 um 13:51 Uhr

    Ein Tibetisches Sportteam antreten zu lassen - am besten mit Sportlern die auch reale Chancen auf einen Sieg haben und dann auch noch geehrt werden müssen.Dezenter und bissiger kann man China nicht die Hosen runterlassen - den Sportlern schnell eine Staatsbürgerschaft von der Eilregierung verleihen zu lassen kann kein Problem sein.

  4. Abweichende Meinungsaeusserungen sofort als 'dumm' zu bezeichnen, ist doch eher Kindergarten-Niveau. Und dass 'Kritiker einfach entsorgt' wurden ist Verschwoerungstheorie, wo z.B. die chinesischen Yahoo-Blogger sind, weiss die Weltoeffentlichkeit sehr genau. Und der gegenwaertige 'Aufstand' der 'Tibeter' wurde auch nicht 'niederkartaetscht', wie Sie sich auf Youtube ueberzeugen koennen. Vor soviel 'Sachkenntnis' gebe ich mich geschlagen, Frau Kartaetschen-Prinzessin!

    • Anonym
    • 18.03.2008 um 15:11 Uhr

    schon tot ist. Sie hätte das Fest der Völker (2008)sicher wunderbar in Szene setzen können.

  5. Die Idee hat natürlich was - allerdings auch einen Fehler: Sie ist nicht umsetzbar, weil Tibet kein souveräner Staat ist und daher bei den Olympischen Spielen nicht antreten kann. Mehr noch: Der Dalai Lama, als geistiges und zumindest ideell-weltliches Oberhaupt Tibets erhebt nicht einmal mehr den Anspruch auf Souveranität Tibets. Und selbst, wenn er das täte, und das IOC die Mannschaft auch noch anerkannte, so dürften die Sportler fehlen - und Spitzensportler mal eben einzubürgern dürfte an zwei Dingen scheitern: Erstens verlieren die dabei ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft - wollen Sie wirklich einen amerikanischen oder EU-Pass gegen den tibetischen eintauschen? Sämtliche patriotischen Gefühle mal ganz ausgeschlossen?Zweitens, und viel wesentlicher ist aber, dass solche Spitzensportler meist schon mal für ihr Land in einer Olympiade angetreten sind - die Regeln des IOC verbieten aber, dass eine Person in verschiedenen Olympiaden für verschiedene Länder antritt.Die Idee an sich allerdings hat schon ihren Charme, das gebe ich gerne zu...

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