Tibet Kriegsrecht in Lhasa

Auch am Samstag kam es in Tibet zu einzelnen anti-chinesischen Demonstrationen. Die Organisatoren der Olympischen Sommerspiele in Peking wenden sich indes gegen einen Boykott

Einen Tag nach den heftigsten anti-chinesischen Protesten in Tibet seit fast zwei Jahrzehnten ist die Anzahl der Toten weiterhin unklar. Der US-Sender Radio Free Asia zitierte Tibeter, die von 80 Toten ausgehen. Die tibetische Exilregierung im nordindischen Dharamsala schätzt die Zahl der Toten sogar auf 100. Offiziellen chinesischen Angaben vom Samstag zufolge kamen lediglich zehn Menschen ums Leben. "Die Zahl der Verletzten und Toten steigt weiter", berichtete jedoch die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Viele Polizisten seien schwer verletzt worden.

Nach Informationen des in Indien ansässigen Tibetischen Zentrums für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) gab es allein am Jokhang-Tempel, am Ramoche-Tempel und einem Markt im Zentrum von Lhasa rund 25 Tote. Hunderte seien verletzt worden. Die Unruhen hatten auch andere Orte sowie Klöster in den Provinzen Gansu und Qinghai erfasst. In Gansu sollen auch Schüsse gefallen sein. Die tibetische Exilregierung teilte mit, das "Kriegsrecht" sei über Lhasa verhängt worden. Tibets Regierungschef Qiangba Puncog hatte das zuvor in Peking bestritten.

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Nach Augenzeugenberichten sollen chinesische Sicherheitskräfte auch am Samstag wieder geschossen haben. In der Hauptstadt Lhasa, die am Vortag Schauplatz schwerer Ausschreitungen war, seien trotz des massiven Sicherheitsaufgebots wieder Demonstranten auf die Straße gegangen, berichtete die Organisation Free Tibet Campaign unter Hinweis auf ein Interview des britischen Fernsehsenders ITV mit einem Ausländer in Lhasa. Es seien Schüsse zu hören gewesen.

Auch buddhistische Mönche des Labrang Tashikyil Klosters in Sangchu in Gansu demonstrierten nach exiltibetischen Angaben wieder. Ihnen hätten sich einfache Tibeter angeschlossen. Sie forderten die Unabhängigkeit Tibets und bekundeten ihre Unterstützung für den Dalai Lama. Sicherheitskräfte seien gegen die Protestierer vorgegangen, hätten in die Luft geschossen und Tränengas gegen die Mönche eingesetzt, berichtete die Organisation. Es habe Festnahmen gegeben. Auch sollen Demonstranten verprügelt worden sein. Die tibetischen Sicherheitsbehörden haben den Teilnehmern an den schweren Ausschreitungen am Vortag eine Frist bis Montag um Mitternacht gesetzt, um sich der Polizei zu stellen. Sie würden "mit Nachsicht" behandelt werden. Wer sich ergebe, könne mit Strafminderung rechnen.

Inzwischen gerät China wegen seines Verhaltens in Tibet immer stärker unter internationalen politischen Druck. Politiker der Vereinten Nationen, der USA und anderer Länder forderten China auf, die Pressefreiheit sowie das Demontrations- und das Versammlungsrecht zu respektieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich besorgt über die Unruhen in Tibet. "Gewalt - egal von welcher Seite - führt zu keiner Lösung der offenen Fragen", sagte Merkel am Samstag nach Angaben des Regierungssprechers Ulrich Wilhelm.

Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Eckart von Klaeden (CDU), forderte die chinesische Regierung auf, internationale Beobachter und die Presse in Tibet zuzulassen. Die Nachrichten aus Tibet seien erschreckend, sagte er den Zeitungen Welt am Sonntag und BZ am Sonntag . Vor dem Hintergrund der anstehenden Olympischen Spiele müsse es auch im Interesse der chinesischen Regierung sein, sich nicht dem Verdacht auszusetzen, die Vorgänge in Tibet verbergen zu wollen.

Die chinesischen Organisatoren der Olympischen Spiele betonten indessen, die Austragung im Sommer in Peking sei von den Unruhen nicht betroffen. Hollywood-Schauspieler und Tibet-Aktivist Richard Gere hatte dem britischen Sender BBC zuvor gesagt, wenn China nicht angemessen auf die Proteste in Tibet reagiere, müssten die diesjährigen Olympischen Spiele in Peking boykottiert werden. "Es wäre skrupellos, wenn wir so weiter machten, als wäre alles in Ordnung", betonte der bekennende Buddhist.

Die Führungsspitze des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hält einen möglichen Boykott der Spiele für die falsche Entscheidung. "Der Boykott würde nichts lösen. Im Gegenteil. Er bestraft nur unschuldige Athleten", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge am Samstag auf der Karibikinsel St. Kitts. Zuvor hatte sich bereits IOC-Vizepräsident Thomas Bach gegen einen Boykott ausgesprochen. "Der Boykott wäre der falsche Weg, weil dadurch Gesprächsfäden abgeschnitten würden", sagte Bach der Deutschen Presse Agentur dpa .

In mehreren deutschen Städten protestierten am Samstag Menschen gegen die chinesische Tibet-Politik. In Hamburg nahmen nach Angaben der örtlichen Tibet Initiative 150 bis 200 Menschen an einem Zug durch die Innenstadt teil. In Berlin und Frankfurt am Main demonstrierten nach Angaben der Polizei jeweils rund 70 Menschen vor den chinesischen Vertretungen. In Frankfurt kam es dabei zu einer kleineren Rangelei zwischen Demonstranten und Polizisten, als Exil-Tibeter auf das Gelände des Konsulats vordringen wollten. In Düsseldorf beteiligten sich 50 Menschen an einer Mahnwache.

Die bisher heftigsten Proteste gegen die Chinesen gab es in Tibet im Jahr 1959, als die Besatzer den Aufstand blutig niederschlugen. Das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, flüchtete damals ins indische Exil. Truppen der chinesischen Volksbefreiungsarmee zerstörten zahlreiche Klöster, Tausende von Tibetern starben. Nach der Machtübernahme der Kommunisten 1949 in Peking war die chinesische Volksbefreiungsarmee 1950 in Tibet einmarschiert hatte das größte Hochland ein Jahr später annektiert. Seitdem kämpfen die Tibeter erfolglos darum, dass ihre religiöse und kulturelle Identität respektiert wird.

 
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