Im Auftrag der Frauenzeitschrift "Brigitte" wurden insgesamt 1020 Frauen im Alter von 17 bis 19 und 27 bis 29 Jahren nach ihren Wünschen und Lebensentwürfen befragt. Berücksichtigt wurden dabei der Schulabschluss der Frauen und wo sie leben (in der Stadt oder auf dem Land, im Osten oder im Westen). Ebenfalls abgefragt wurden Sozialkompetenz und die Art, wie Freundschaften gepflegt werden. Nicht hinreichend berücksichtigt wurden Personen mit Migrationshintergrund. Außerdem lässt sich nicht erkennen, ob die Frauen ihre Einstellungen im Laufe ihres Lebens ändern. Besonders interessant ist die Studie aber dadurch, dass auch die Männer zu Wort kommen. Denn schon in der Vorbereitung mussten sich die Forscher die Frage stellen: Ist das nun Geschlecht oder Generation, was wir da sehen?

ZEIT online: „Ich weiß, dass ich gut bin“, sagen 99 Prozent der befragten Frauen. Über 90 Prozent wollen „auf eigenen Beinen stehen“. Was ist so neu an diesem Selbstbewusstsein der Frauen von morgen?

Jutta Allmendinger: Ich finde, dass es in der Tat was Neues ist, weil die Generationen, über die wir hier sprechen, in einer grundlegend anderen Gesellschaft aufgewachsen sind als ihre Mütter- und Großmüttergenerationen, die sich teilweise zwischen Beruf oder Kindern entscheiden mussten. Aber kaum eine der Mütter und Großmütter konnten eine Karriere mit Kindern verbinden. Aus dieser Beobachtung des Scheiterns haben die jungen Frauen ein anderes Problembewusstsein entwickelt: Wenn man nicht auf sich aufpasst, kann schnell was schiefgehen. Heute machen wesentlich mehr Frauen Abitur, je nach Bundesland sind es fast 50 Prozent. Diese Frauen haben schon im Kindergarten und in der Schule erfahren, dass sie mindestens genauso gut wie die Männer sind. Das setzt sich in der Berufsausbildung, im Studium und auch in der Berufswelt fort. Außerdem sind sich die Frauen bewusst, dass sie gebraucht werden. Die deutsche Wirtschaft braucht ihre Kompetenzen und ihre Arbeitskraft. Sie wissen um ihren Wert und gehen mit sich selbst wie mit einem preziösen Gut um. Das war in den Generationen davor noch ganz anders. Da hatte man den Eindruck, man muss sich durchsetzen, um in die Betriebe zu kommen. Neu sind also nicht nur die Frauen an sich, neu ist auch die Situation, in der diese Frauen aufgewachsen sind, die sich aufgrund der demografischen Veränderungen und des Bildungsgewinns von Frauen maßgeblich verändert hat.

ZEIT online: Auf welche Art und Weise werden Frauen die Berufswelt erobern?

Allmendinger: Was wir sehen konnten, ist, dass Frauen tatsächlich noch immer ein enges Repertoire an Berufen haben, in denen sie tätig sind. Erfreulich ist, dass die Wunschberufe wesentlich breiter gefächert sind. Im Vergleich der beiden Altersgruppen haben wir die Tendenz zu einer stärkeren Akademisierung der 17- bis 19-jährigen Frauen. Die Männer hingegen favorisieren immer noch typisch männliche Berufe, während die Frauen immer stärker in geschlechterentmischte oder geschlechterheterogene Berufe streben.

ZEIT online: Wie gehen die jungen Frauen mit der beruflichen Praxis um? Damit, dass Frauen heutzutage noch immer bis zu 30 Prozent weniger Lohn im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen bekommen?

Allmendinger: Etwa 75 Prozent aller Frauen ist der Beruf ganz wichtig, aber die Zufriedenheit mit dem Beruf ist enorm niedrig und liegt bei den berufstätigen Frauen nur bei knapp zwei Dritteln, das heißt, da wird deutliche Kritik geübt. Die Frauen sehen ganz klar, dass Männer bevorzugt werden, dass sie schlechtere Aufstiegschancen haben, die nicht auf Leistung, sondern auf Geschlecht beruhen. Inwieweit die Frauen Engagement zeigen werden, diese Situation zu ändern, lässt sich aus der Studie allerdings nicht schließen. Aber die Artikulation von Unzufriedenheit durch eine breite Masse lässt hoffen.

ZEIT online: Mehr als ein Drittel der befragten Frauen streben in Führungspositionen. Wird das den Führungsstil in den Chefetagen deutscher Firmen verändern?

Allmendinger: Ein spezifisch weiblicher Führungsstil ist nicht zu erwarten. Frauen in leitenden Funktionen werden nicht etwas so grundsätzlich anderes tun, als es Männer tun. Die Vorstellungswelten, wie man führt, sind so gut wie identisch.