Olympische Spiele „Meinen Startplatz gebe ich nicht her“

Was in Tibet geschieht, findet Annett Böhm traurig. Trotzdem ist die Judosportlerin gegen einen Olympia-Boykott – Sport und Politik gehören für Sie nicht zusammen. Ein Interview

ZEIT online: Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat einen Boykott der deutschen Mannschaft bei Olympia ausgeschlossen. Was halten Sie davon?

Annett Böhm: Ich bin bereits für Peking qualifiziert und finde es sehr gut, dass der DOSB einen Boykott ausschließt. Wenn wir die Spiele boykottierten, wäre es nicht nur für mich eine Katastrophe. Die ganze Welt trifft sich bei den Olympischen Spielen. Es geht um Völkerverständigung und Gleichheit. Politik sollte außen vor bleiben. Es gab schon einmal einen Boykott, 1980 in Moskau. Schon damals hat es nichts gebracht. Wir Sportler bereiten uns sehr lange, vier Jahre, auf die Spiele vor. Im Falle eines Boykotts verlieren wir alles.

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ZEIT online: Werden Sie Ihren Olympia-Start infrage stellen, falls die Auseinandersetzungen zwischen Tibetern und chinesischen Sicherheitskräften anhalten?

Böhm: Nein, ich trenne Sport und Politik. Was in Tibet geschieht, finde ich sehr traurig, aber meinen Startplatz gebe ich nicht her.

ZEIT online: Was bedeutet eine Olympiateilnahme für Sie?

Böhm: Für mich sind die Olympischen Spiele das Wichtigste. Als Sportler richten wir unser ganzes Leben auf Olympia aus. Alles andere, Privates, die Familie, einfach alles, richtet sich nach diesem Turnier. Es gibt auch nichts Vergleichbares. Eine WM haben wir ja alle zwei Jahre, aber bei einer Olympiade startet man meist nur ein oder zwei, manchmal drei Mal. Vor vier Jahren in Athen konnte ich die Bronzemedaille gewinnen. In diesem Jahr möchte ich mich steigern.

ZEIT online: Fühlen Sie sich als Sportler an den Pranger gestellt, wenn Sie öffentlich erklären, an Olympia teilnehmen zu wollen?

Böhm: Ich persönlich wurde noch von niemandem an den Pranger gestellt. Aber ich denke, es gab schon 2001 Probleme, als die Olympischen Spiele nach Peking vergeben wurden. In China gibt es nicht erst seit heute interne Konflikte. Aber jetzt wären die Sportler die Leidtragenden.

ZEIT online: Welche Risiken würden Sie mit einem individuellen Olympia-Boykott eingehen?

Böhm: Ich würde mir nur selbst schaden, wenn ich die Politik in den Sport einbezöge. Das mache ich nicht. Auch wenn es hart klingt, aber: Es würde auch nichts nutzen.

Leser-Kommentare
  1. Ich kann die Dame verstehen, da trainiert man hart und nun soll wegen politischer Entwicklungen gleich das Ganze abgesagt werden oder zumindest im Rahmen boykottiert. Wer wäre da nicht, besonders im Anbetracht der Tatsache das ein Sportler ja nur auf dieses Ziel hinarbeitet, dagegen.Nun handelt es sich in China aber nicht um politische Störungen im Sinne einer gescheiterten Wahl oder eines Justizskandals oder ähnlichen. "Ethnischer Völkermord", sagte der DL der ja nun nicht für Übertreibungen bekannt ist. Nehmen wir die anderen Menschenrechtsverletzungen hinzu, kommt da schon ganz schön was zusammen. Sicher war es ein Fehler die Spiele leichtfertig, ohne "Auflagen" an China zu vergeben. Aber gut, das sind natürlich mehr wirtschaftliche, denn sport-völkerverständliche Gründe. Olympia, liebe Athletin ist eben doch "mehr", ob Sie es wollen oder nicht. Ich bin auch sehr dafür Sport von Politik, wie auch Politik und Religion, zu trennen. Dies ist sinnvoll! Aber denken Sie nicht, angesichts der Tatsachen, über die Sie sich hoffentlich noch ein wenig mehr informieren (in China wird dies übrigens schwer möglich sein), die Spiele nicht "einfach so" ablaufen können?Ich weiß, der Vergleich hinkt und ist etwas überzogen, auch wenn die schwerere Menschenrechtsverletzung die geringere Verletzung nicht wegmacht, aber hätten Sie 1936 auch Sport und Politk getrennt? Ich weiß, und freue mich im Übrigen, dass viele Chinesen sich auf die Spiele freuen. Ebenso die Machtelite und die gedopten Sportler. Aber man könnte, sozusagen mit der "alten" demokratischen Macht des Westens mal wenigstens ein Zeichen setzen. Denn von der "neunen" chinesischen Macht in der Macht und wirtschaftlicher Erfolg ALLES sind ist dies wohl leider nicht zu erwarten.Aber Sie haben leider auch kein gutes Vorbild, denn Frau Merkel hat dem DL aus "terminlichen Gründen" abgesagt. Man möchte mit dem Partner China eben keine Verstimmungen. Ich habe übrigens noch nie erlebt, dass Frau Merkel mal in Israel absagen würde, wenn sich Israelis und Palestinenser auf die Köpfe schlagen. Mein Vorschlag: Fahren Sie hin, gewinnen Sie eine Medallie für Deutschland und für sich! Aber zeigen Sie dann wenigstens zum Regime Distanz! Denn Sie wollen ja Sport und Politik trennen. Also werden Sie das schaffen. Lassen Sie sich nicht einlullen und stellen Sie auch mal wenigstens eine kritische Frage. Und nehmen Sie eine Zeitung mit, vielleicht ja "Die Zeit".Denn nur weil man sich als Athlet fühlt, darf man ruhig auch (politisch) denken!Viel Erfolg!!!!

    • wahrum
    • 26.03.2008 um 8:18 Uhr

    Nationaler wie internationaler Sport ist immer den Interessen (z.B. Werbung) und der Lobbyarbeit unterlegen. Nur geht es hier nicht um wirtschaftlichen Nutzen, sondern um ideellen Wert. Menschen in tiefster Not wirksam zu helfen. Die Interessen des Einzelnen stehen zurück.Sportler (hierzu zählen z.B. auch Schachspieler) haben die größte friedliche Macht, ein großes Publikum zu erreichen. Und wie immer geht es primär nicht um Worte, sondern um Bilder. Auch hier.Zudem macht Sport Spaß, und wenn Menschen offensichtlich leiden, vergeht mir die Freude.Apropos: Ich ziehe die Linie (auch Achse genannt) des Anstoßes weiter, nämlich bis nach Washington D.C. Auch hier die Macht in der Hand weniger. Die Frage ist, wie Energie eingesetzt wird: konstruktiv oder desktruktiv. Die bloße Existenz von Entropie darf uns nicht hindern, stets und bedingungslos konstruktiv zu sein.Markus Steffens.

    • Anonym
    • 26.03.2008 um 8:49 Uhr
    3. albern

    da können sie auch bühnenarbeiter fragen, warum goethe ausgerechnet das geschrieben hat, was er geschrieben hat. und klugerweise würde der wenigstens anworten, damit ich was zu tun habe. is das nicht toll?
    soviel einsicht kann man von sportlern natürlich nicht erwarten. da die ja meistens damit beschäftigt sind, noch unbedarfter zu erscheinen als auf eine flagge geht.

    • wahrum
    • 26.03.2008 um 9:08 Uhr

    @noanswerIch denke, dass Sie Ihren eigenen Einsichten unterliegen.Und wie Ihr Nickname vermuten lässt, möchten Sie auch keine Antworten geben; und schon keine Fragen finden.Der Sarkasmus und das Verlieren gehen Hand in Hand.Markus Steffens

  2. Die meisten Großveranstaltungen haben politischen Charakter. Deshalb werden diese Veranstaltungen vom Staat gefördert. Auch die Sportler.
    Die Haltung der Sportler ist verständlich. Aber auch Unternehmen sind an die politische Entwicklung gebunden.
    Werden die westlichen Großkonzerne ihre Investitionen aus China abziehen? Wohl kaum.
    Die Olympischen Spiele werden ein weiterer Beweis der perfekten chinesischen Eigenwerbung sein. Der wahre Kampf findet nicht in Tibet oder auf den Sportplätzen der Olympischen Spiele statt.
    Der Kampf um Weltanschauung und Wirtschaftsmacht wird an den (nicht mehr) vorhandenen Arbeitsplätzen entschieden.

    • Kometa
    • 26.03.2008 um 9:23 Uhr

    Wer sich in einen solchen Gewalt-Sektor begibt, wo Zwang, Korruptheit und Lügen das tägliche Leben bestimmen, könnte selber einmal - wegen geringer Abweichung oder durch Zufall - Opfer dieser Inhumanität werden. Und dann soll das große internationale "Retten" medial engagiert werden - warum eigentlich?Die Redensart von der "Höhle des Löwen" ist einfach und könnte bei Menschen, die nicht einseitig ihre Muskeln an komischen, unnützen Stellen zwecks Präsentation trainiert haben, Einsichten erzeugen.*Es gibt keine Sport, der nicht gedopt ist, durch Medizin oder Politik.

  3. Nunmehr ist die Lage in Tibet, traut man Berichten, doch dramatischer als gedacht. Die chin. Armee schlägt nieder. Ein Mönch verhungert usw."Meinen Startplatz gebe ich nicht her" und Ihre Würde?Vielleicht sollten wir doch etwas mehr Distanz wagen und dem Sport neben seiner völkerverständigen Wirkung auch eine Nebenwirkung zutrauen: Zeichen setzten gegen Menschenrechtsverletzungen! 

  4. Na, nu werden die Sportler gefragt...Spannender wäre folgendes:Fragt doch etwas eindringlicher die Sportfunktionäre, die, die eben doch an der Schaltstelle zwischen Sport und Politik oder zwischen Sport und wirtschaftlichen Interessen  sitzen. Was kostet denn ein Boykott, das wäre doch ein schönes Thema, und wer verliert wieviel Geld durch einen Boykott? Vielleicht käme da etwas Nachhaltigeres zum Vorschein als "Mein Name ist Hase und ich weiß von nix". Trotzdem wäre es natürlich schön, wenn auch Sportler mehr Zeit zum Denken fänden...

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