Montagskolumne Pekings Macht und Tibets Zukunft
Das scheinbar so übermächtige China vermag die Tibetfrage nicht zu seinen Gunsten zu lösen. Warum?
Die Volksrepublik China hat in Tibet ein Problem, ein sehr großes sogar. Der Glaube der chinesischen Zentralregierung über die Jahrzehnte hinweg, die Tibetfrage mit einer Mischung aus gewaltsamer Unterdrückung, erzwungener Umsiedlung und kultureller Majorisierung durch ein Übergewicht der eingewanderten chinesischen Bevölkerung für sich abschließen zu können, hat sich als beharrlicher Irrtum erwiesen.
Denn trotz der Unterdrückungspolitik Pekings ist Tibet seit 1951, dem Jahr der endgültigen Besetzung durch die chinesische Volksarmee, niemals wirklich zur Ruhe gekommen. Das Streben der Tibeter nach Selbstbestimmung war einfach nicht zu unterdrücken.
Den tibetischen Freiheitsdrang vor allem auf die Umtriebe des Exils und eines feindlich gesinnten Auslands zu reduzieren, wie es die chinesische Propaganda tut, wird diesen Fehler nur noch verlängern. Dabei sprechen die nackten Zahlen von einer fast hoffnungslosen Sache der Tibeter. Den 6 Millionen Tibetern stehen heute in Tibet, nach Angaben des tibetischen Exils, bereits 7,5 Millionen Chinesen gegenüber. Insgesamt umfasst die Bevölkerung Chinas heute etwa 1,3 Milliarden Menschen.
China ist eine aufsteigende Weltmacht und zugleich Nuklearmacht, ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat, bereits heute die verlängerte Werkbank der Weltwirtschaft, und wird morgen oder spätestens übermorgen eine der größten und dominierenden Volkswirtschaften der Welt sein. Dennoch vermochte und vermag das scheinbar so übermächtige China die Tibetfrage nicht zu seinen Gunsten zu lösen. Warum?
Weil es der chinesischen Politik in den Augen der Mehrheit der Tibeter ganz offensichtlich an Legitimität (sprich: Zustimmungsfähigkeit) mangelt. Der Charakter der Macht hat sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts verändert. Denn Macht allein kann, anders als in früheren Zeiten, aus sich heraus nicht mehr genügend Legitimität hervorbringen.
Russland machte diese Erfahrung im Kaukasus (und wird sie dort auch in Zukunft wohl ein weiteres Mal machen müssen), die USA im Irak und China in Tibet. Überlegene Macht mag für eine längere Zeit Ruhe erzwingen können, doch ohne eine auf Zustimmung der Beteiligten gründende politische Lösung werden diese unterdrückten Konflikte immer wieder erneut und gewaltsam aufbrechen.
Aus Sicht der Tibeter läuft die chinesische Politik auf die kulturelle Assimilierung und damit Zerstörung der tibetischen Kultur und Identität hinaus. Die Tibeter sollen in ihrem eigenen Land zu einer tolerierten Minderheit gemacht werden, deren Kultur allmählich der Vergangenheit angehören und damit musealen Charakter bekommen soll. Genau dagegen richtet sich der Jahrzehnte währende Widerstand der Tibeter.
- Datum 01.04.2008 - 06:06 Uhr
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Mit Verlaub, diesmal hat sich Herr Fischer zu weit aus dem Fenster gelehnt. Die Zeittafel ist schon sehr antichinesisch - die 1720 gestartete Expedition des Kaisers Kangxi war natürlich militärisch, aber das war eine Reaktion auf den Versuch benachbarter Stämme, die Kontrolle in Tibet zu gewinnen. Kann man alles auf der englischen Wikipedia-Seite nachlesen, welche sich auf englische Historiker beruft - sicher nicht chinesisch beeinflußt. Und Kangxi war noch nicht mal Han-Chinese, sondern Mandschu! Somit fällt die Einbindung Tibets in das chinesische Reich in eine Zeit der Minderheitenherrschaft, die heutzutage regierenden Hanchinesen haben damit nur soviel zu tun, daß sie sich als Rechtsnachfolger der Qingdynastie der Mandschus gesehen haben. Ein bißchen mehr Differenzierung könnte man also von Herrn Fischer oder demjenigen, der dieseZeittafel mit in den Artikel eingefügt hat, schon erwarten. Auch die Berufung auf exiltibetische Angaben zur angeblichen Sinisierung Tibets ist mehr als fragwürdig. Woher haben die Exiltibeter diese Zahlen? Man kann allenfalls, wenn man die dort langjährig wohnenden Tibeter befragt, Aussagen erhalten wie "es werden immer mehr Chinesen". Eine echte Volkszählung kann aber nur die Regierung abhalten. Daß man sich auf so ungenaue Angaben stützt, und damit Resentiments in der deutschen Bevölkerung schürt, zeigt nicht gerade von logischem Schließen, eher von Propaganda.
Anscheinend braucht Herr Joschka Fischer noch mehr China-Kenntnisse, bis er die anderen Zeit-Leser erzeugen kann.Auch die Behauptung: China führt Unterdrückungspolitik in Tibet ein, ist sehr fragwürdig. Viele erkennen die Tatsachen schon an, dass der Lebensstandard der Tibeter immer mehr verbessert ist. Und dass Tibet ein Teil von China ist, hat auch die Bundesregierung ausdrücklich angegeben. Die jenigen, die mit Gewalt Tibet unabhängig machen wollen, würden in anderen Ländern genau "unterdrückt" werden. Worauf beruht sich bitte Ihre Logik?
Lieber kiautschou,Falls Sie es nicht wissen sollten: Herr Fischer war mal Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Sie haben es also hier sicherlich mit jemandem zu tun, der mehr Kenntnisse der internationalen Politik hat als die meisten Menschen, die hier im Forum schreiben.Herr Fischer stellt mehrere Thesen auf, weshalb sich die VR China mit der Tibet-Frage so schwer tut.Leider gehen Sie auf diese nicht ein, sondern wünschen sich nur noch mehr Kenntnisse bei Herrn Fischer.Die Diskussion von Herrn Fischers Thesen - so kontrovers diese auch sein mag - halte ich aber dennoch für sehr wichtig.Zum Anstoß kopiere ich eine These nochmals für Sie ein:Drittens ist sich die kommunistische Führung der inneren Probleme Chinas und der sich daraus ergebenden
möglichen Risiken nur zu bewusst. China braucht über einen längeren Zeitraum hinweg ein jährliches
Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 10 Prozent, um die inneren Widersprüche seiner
Modernisierungspolitik kontrollieren und die Herrschaft der Kommunistischen Partei aufrechterhalten zu
können.
Trotz einer erfolgreichen Wachstumspolitik nehmen in China in letzter Zeit dennoch die Anzeichen sozialen
Protestes mit Streiks und regionale Unruhen zu. Was würde es aber erst für den Zusammenhalt Chinas heißen,
wenn dieses hohe notwendige Wirtschaftswachstum nicht mehr zu gewährleisten wäre? Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie dazu inhaltlich Stellung nehmen könnten.Beste Grüße
Endlich mal eine abgewogene Meinung!
-
Martin Berger
---matrix: Es geht nicht um kleinen Streit um Zahlen (die
übrigens nicht als Tatsache behauptet, sondern als Sicht Tibets berichtet wurden)kiautschou: Das krampfhafte
Festklammern an 'Wahrheiten' führt zum Ertrinken, denn es gibt diese
Wahrheiten nicht. In der Frage der Unterdrückung gibt es nur
Meinung. Was für die Unterdrückten Unterdrückung ist, ist für die
Unterdrücker natürlich keine. Trotzdem liegt es auch im Interesse der
(zu Recht oder Unrecht so bezeichneten) Unterdrücker, dass sich niemand
unterdrückt fühlt. Und darum geht es. Die Tibeter fühlen sich
unterdrückt und deswegen liegt es im Interesse von China, Lösungen zu
suchen, die für alle Seiten von Vorteil wären.oshra: ' ... inhaltlich Stellung nehmen' - genau das würde ich mir auch wünschen: inhaltliche Stellungnahme, Antwort der chinesischen Poster auf die Frage, wie ist der Tibet Konflikt zum Vorteil Chinas, zum Vorteil der Tibeter und zum Vorteil der Welt zu lösen. Also bitte ihr chinesischen Poster, wie sehen Eure Vorschläge aus?
Joschka Fischer schreibt:
"Aus Sicht der Tibeter läuft die chinesische Politik auf die kulturelle Assimilierung und damit Zerstörung der tibetischen Kultur und Identität hinaus. Die Tibeter sollen in ihrem eigenen Land zu einer tolerierten Minderheit gemacht werden, deren Kultur allmählich der Vergangenheit angehören und damit musealen Charakter bekommen soll. Genau dagegen richtet sich der Jahrzehnte währende Widerstand der Tibeter."
Genau das versteht man, glaube ich, unter "Überfremdung", einem zum Unwort erklärten Begriff, den der Grüne Joschka Fischer natürlich vermeidet.
Trotzdem finde ich sein Mitgefühl mit den Tibetern sympathisch. Das ist eine gute Tradition seiner Partei, unter anderem repräsentiert durch seine Vorgängerin Petra Kelly.
Verständnis für Abneigung gegen Überfremdung (Pardon: meine Wortwahl!) finde ich in Ordnung.
Auch wir Deutschen sind der Gefahr von Überfremdung ausgesetzt: Erst die der Amerikanisierung und neuerdings der Islamisierung.
Verständnis für das ferne Tibet: Ja! Für Deutschland: gleich Null - das befremdet mich bei den Grünen.
Lieber Kiautschou,die ZEIT ist heute voll von Kommentaren."Kommunistische Partei muss ihre Stärke beweisen Dahinter stecken diffuse Ängste und konkrete Befürchtungen: "Sie wollen keinen Präzedenzfall schaffen", sagt Harris. Denn wenn Tibet sich auch nur mit der geringsten Forderung durchsetzen kann, drohen andere Provinzen auch Mut zu schöpfen: die überwiegend muslimische Provinz Xinjiang oder die Innere Mongolei zum Beispiel. Auch deshalb wolle Peking zum Beispiel das Kosovo nicht anerkennen. Solche Beispiele − selbst am anderen Ende der Welt − machten der Führung in Peking Angst, "weil es große Teile seines Territoriums mit Gewalt beherrscht", sagt Harris. Der Führungsanspruch der Kommunistischen Partei (KP) basiere auch auf der Tatsache, dass sie die einzige Führung ist, die es geschafft hat, China zusammenzuhalten, sagt Tsering Wangdu Shakya, Tibet−Experte an der Universität in Vancouver. "Wenn Tibet verloren würde, dann sähe die KP so aus, als sei sie unfähig, das Land intakt zu halten." "Auch über diese These können wir gerne inhaltlich diskutieren.Martin142 hat ja schon geschrieben, dass "Fakten" nicht immer eine hinreichende Basis für eine Diskussion liefern, zumal Fakten vom jeweiligen Betrachter interpretiert werden.Es gibt so etwas wie Objektivität in solchen Auseinandersetzungen nicht.Beste Grüße
gerthans, Wollen sie tatsächlich die Chinesen in Tibet mit den Türken in Deutschland vergleichen?
Auch der neueste Beitrag des ehrenwerten Neukolumnisten der ZEIT ("Herr Fischer stellt mehrere Thesen auf") läßt sich leicht und bekömmlich lesen.So erfährt man da Sachen, die man ber. seit etwa zehn Jahren über China lesen und vor Ort persönlich sichten kann, wie z.B. die Tatsache, dass China´s Einparteienherrschaft sich mit der Modernisierungspolitik nicht verträgt sowie die Umweltverschmutzung einen Ausmaß erreicht, der teils nicht mehr kontrollierbar erscheint.Alles längst bekannte Sachen, die Chinesen wissen´s freilich genauso, absolut nichts neues. (leider könnte man sagen)Nicht destotrotz birgt auch dieser Beitrag wundersame Sachen,denn bei alldem Gerede über die inneren Widersprüchen (Chinas...) werden eben die Widersprüche in der Argumenattion des Kolumnisten selbst sichtbar. Und so kommt es:"Der chinesischen Führung müsste eigentlich klar sein, dass ihre bisherige Politik keine Lösung des Konflikts herbeiführen kann. Nur in der Verbindung des Prinzips der territorialen Integrität Chinas mit einem starken Autonomiestatut für Tibet liegt die Möglichkeit einer politischen Lösung."Es bedarf keiner größeren Anstrengung eines aufmerksamen pol. Beobachters (auch der bisherigen Themenwahl des Kolumnisten)... um zur Einsicht gelingen zu können, dass eine vergleichbare Beobachtung bei anderen Konfliktherden dieser Erde,z.B. auf dem Balkan (Kosovo)... Wunderbares zutage fördern kann..ABER:"China (sic!) ist viel zu groß und zu mächtig, als dass es von außen zu irgendeinem Verhalten gezwungen werden könnte. Und es ist auch viel zu wichtig (sic!), als dass seine Nachbarn und internationalen Partner in Asien und der Welt einfach zusehen könnten, wie das Land sich in seine zunehmenden internen Widersprüche verrennt.".Aha, da sind wir. Erinnert sich noch jemand an die Staatsflüge von Rot-Grün nach Peking? Die versammelte Industrieelite der Bundesrepublik im Huckepack, mitsamt der passenden Cohiba- und sonstiger -versorgung, freilich alles auf Staatskosten, dicke Hermes-Burgschaften im Rücken, der Koch wie Kellner strahlend...Und weil die Tienanmen-Platz-Flöhe da unter´m Brioni-Hemd und der von Mad Albright gewürdigten Kravatte ein wenig jucken, die heimische Journaille eine Heldentat des Widerstands der freien"westlichen Welt" erwartet, so deutet man vorsichtshalber in einer kl. Runde vor den Studenten der Pekinger Uni - naja - auf ein paar Sachen hin, die halt ääähm verbesserungswürdig seien. Schon berichten die ÖRen zuhause von einem offenen und heldenhaften Bestehen auf demokratische Reformen in China. Und die heile Welt darf weiter werkeln, Zinseszins rollt... Währenddessen tun sich die Partei- und Wirtschaftsbonzen Chinas mit den europ. heldenhaften Gästen wunderbar verstehen, hinterverschlossenen Türen werden Verträge in Billionenhöhe nur so aus dem Ärmel geschüttet... War da was von Tibet zu hören?.Jetzt aber kommt der Weisheit letzter Schluss:"Tibet könnte sich dabei sogar als ein gutes Beispiel erweisen. Denn wirkliche Autonomie steht keineswegs im Widerspruch zur Einheit eines Landes (!), genauso wenig wie die Entwicklung eines Sozialstaates zur Überwindung sozialer Widersprüche und die eines Rechtsstaates mit Mehrparteiensystem. So zumindest lautet die europäische Erfahrung.".So lautet "die europäische Erfahrung" ?Woran wohl der ehrenwerte Kolumnist dabei gedacht haben mag? Mir fällt da nur ein einziges europäisches, frisches Beispiel ein.Aber das Thema meidet man und da waren die Vorzeichen umgekehrt..So geht es weiter mit rhetorischen Perlen wie im folgenden:"Welchen anderen Weg als diesen könnte China denn tatsächlich gehen? Etwa den der Verbindung von Modernisierung mit Gewalt und Korruption? (ohjeohje)Das funktionierte während der kommunistischen Phase, als die revolutionäre Ideologie der Kommunistischen Partei noch nicht erschöpft war. Davon kann heute allerdings keine Rede mehr sein. Diese Alternative wird sich unter den neuen Verhältnissen auf Dauer als nicht belastbar erweisen.".Holla die Waldfee - was für eine Weitsicht! (sic!)Was für wunderbare neue "Thesen" Herr Fischer da aufstellt..."Denn Widersprüche kann man zwar mit Gewalt unterdrücken, bis sie eines Tages dann schließlich doch explodieren.".So ist es, Herr Fischer..MfGZack.ps.@ kiautschou (Nr.2, 24.03.2008 um 09:36)"Anscheinend braucht Herr Joschka Fischer ... bis er die anderen Zeit-Leser erzeugen kann."Werter kiautschou, hoffentlich nicht wirklich "erzeugen".
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