Krimi Der Held bin ich

Hansjörg Schneider liebt die derbe Sprache, kleine Gauner und das Landleben. Wie sein Kommissar Hunkeler. Nun wird der Autor 70 Jahre alt. Ein Besuch beim Schriftsteller

"Der Engel" hockt mit Schwarzwälder Wuchtigkeit über der Dorfstraße in Todtnauberg. Postkarten zu 30 Cent verheimlichen ihr Alter nicht, an einem schneelosen Wochentag fühlt man sich hier Täler entfernt vom Trubel des Wintersports. Im "Engel" liegt ein Prospekt des Ammann Verlags aus Zürich. Kein Zufall: Der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider verbringt das halbe Jahr hier oben. Im April richten ihm die Todtnauberger die "Hunkeler-Tage" aus. Denn bald erscheint Schneiders siebter Krimi um den knorrigen Kommissar bei Ammann – und am 27. März wird Schneider 70 Jahre alt.

Hansjörg Schneider führt ins Hinterzimmer, wo man noch raucht. Hinter ihm geht ein Durchlass auf den Flur, auf dem ein skurriles Ballett weißer Bademäntel aus den Zimmern Richtung Wellnessbereich und zurück schreitet.Schneider raucht und spricht. Ruhig, zögerlich fast, dann bricht es wieder aus ihm raus. Er ist größer, gebräunter, überhaupt frischer als es Verlagsfoto erwarten ließe, auf dem er wie ein etwas aufgekratzter Omar Sharif blickt. Schneider mag es in Todtnauberg, das er mit seiner verstorbenen Frau zum Langlaufen entdeckt hatte. Und zum Joggen. Das bringt sein Denken in Bewegung.

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Die Liebe zum "Engel" teilt er mit Martin Heidegger, der abends gerne von seiner Hütte herab stieg und sich an den Ofen setzte. Schneider teilt diese Liebe auch mit Peter Hunkeler, Kriminalkommissar in Basel. Seine erfolgreichste literarische Erfindung! Er hat ihm viel von sich gegeben: Hunkeler, der einige Jahre ältere, kommt wie Schneider aus Zofingen im Aargau; beide pflegen ihre ländliche Herkunft bis zur Koketterie, wie ein Antibiotikum gegen die Aufgeregtheit der Stadt. Ab und an brauchen sie beide eine Kur und fliehen aufs Land, wo sie mit den Leuten leichter reden.

Hunkeler, der oft grimmige und schroffe Ermittler ist Schneiders Alter Ego: Er hat seine Wut, seine Schmerzen, seinen Witz, seine Liebe und auch seine Trauer. Sein Haus im Elsass unweit von Basel hat Schneider nach dem Tod seiner Frau verkauft, weil er allein zu traurig wurde; nun wohnt sein Held Peter Hunkeler mit seiner Hedwig darin.

Wie Schneider ging Hunkeler nach der Schule nach Basel, dorthin, wo Schneider promovierte. Später zogen sie nach Paris, dann wieder nach Basel, wo sie die gleiche Wohnung bewohnen und zum Bier in dieselben Kneipen gehen. Hunkeler ist Polizist in Basel, Schneider Autor, erst bei der Zeitung, dann Regieassistent am Theater, später erfolgreicher Dramatiker. Polizist hätte er selbst nie werden können, sagt Schneider. "Ich würde die alle laufen lassen. Sobald ich verstehe, warum sie taten, was sie taten." Sein Held Hunkeler denkt sich wie der Maigret des verehrten Georges Simenon in die Täter hinein, bis er versteht. Und das macht ihm Probleme.

Denn die wirklich großen Gauner erwischt er doch fast nie. Und für die Kleinen hat auch Schneider mehr als ein Herz: "Ihnen gehört meine Liebe." Deshalb ist Schneider nach einem Drehbuch für die Serie Eurocops gerne Krimiautor geworden. "Der Krimi ist eine Art Volksliteratur. Darin kann ich die Beschissenen beschreiben, die sonst nicht literarisch dargestellt werden." Mehr Leser gibt es obendrein. Zum ersten brauchte es noch eine Prise Zufall und Schneiderschen Starsinn. Silberkiesel entstand, nachdem in der Basler Kanalisation Diamanten aufgetaucht waren.

Die Umsetzung des Drehbuchs hatte Schneider jedoch nicht gepasst. Also brachte er die Geschichte als Buch heraus. Kommissar Hunkeler war geboren. Und über diesen erbitterten Sozialdemokraten kann Schneider gesellschaftskritische Themen anschlagen, ohne sich gleich aufspielen zu müssen. In Hunkeler macht Sachen rührt er so ein niedergeschwiegenes Thema der Schweizer Geschichte an, die von den Behörden geraubten Kinder der fahrenden Leute. Schneiders Krimis sind kleine Mentalitätslehren rund ums Dreiländereck am Rheinknie.

Dennoch wird es in Basel keine großen Geburtstagsfeiern geben. Zumindest keine offiziellen. "In Basel bin ich ein Fremder. Und will es auch sein." Das ist so ein typischer Schneider-Hunkeler-Zwiespalt: Basel, wo er so lange lebt, das sich so dankbar von ihm kartographieren ließ, hat ihn nie wirklich aufgenommen. "Die Basler sind reserviert", sagt Schneider. Ihm ist das ganz recht. So kann er sich freier bewegen.

Noch heute kann er als einer der berühmtesten Autoren des Landes in Badehose am Rheinufer entlanglaufen. Schneider genießt das. Er wird nicht gern angesprochen. "Das würde mich sonst schon anscheißen." Wie seine Bäuerlichkeit kultiviert Schneider das gelegentliche derbe Wort. So sehr, dass sich sein ehemaliger Basler Hofnachbar, der Schriftsteller Martin R. Dean, schon einmal über den Lärmpegel beschwert hat. "Weil ich beim Schreiben so laut fluche, wenn ich nicht weiterkomme."

Zu den Dingen, die Hunkeler und Schneider kaum ertragen, gehört eine gewisse Sorte Mensch. Aus dem Theater ist Schneider als Regisseur geflohen. Die Eitelkeiten dort hätten ihm einen Nervenzusammenbruch gebracht. Seither schreibt er zwar noch sehr erfolgreich Stücke, macht aber nur noch Theater auf dem Land, mit Laien. Auch Hunkeler sucht auf dem Land Befreiung, geht in Gasthöfe, spricht mit dem Stammtisch, mit den Bauern. Gerne hätte man Hansjörg Schneider im Elsass besucht, wenn er abends beim Nachbarn in den Stall zu den Kühen ins Warme ging und ihn erzählen lassen von Zofingen, von früher.

Vielleicht geht das ja bald, denn Schneider plant einen Band Erinnerungen. "Was soll man denn sonst noch schreiben mit 70?" Schreiben heiße authentisch schreiben, glaubwürdig. Und das könne er nur von Dinge, die er selbst kenne. Das werde langsam schwierig.

Seit Jahrzehnten führt Schneider Traumtagebuch. Seither kommt er mit seinen Träumen besser klar. Einer sitzt mitsamt dem Schmerz besonders tief, im neuen Roman lässt er ihn aus Hunkeler auf der Massagebank herauswalken: "Jeder Mensch hat eine versteckte Trauer", sagt die Masseuse. Hunkeler sagt ohne zu müssen: "Die Mutter." Mehr nicht. Dramaturgisch braucht ein Leser diese kleine Stelle nicht unbedingt. Seinem Autor bedeutet sie hingegen viel. Schneider hat die Mutter noch als Jugendlicher verloren. Sein Roman Wasserzeichen ist davon geprägt.

Und dann erzählt Schneider noch einen Traum, den er bis heute immer wieder träumt. Er sitzt auf der Tribüne eines Fußballstadions. Seiner Mannschaft fehlt jedoch ein Spieler. Der Trainer blickt ins Rund, bis er ihn gefunden hat: "Schneider! Sie müssen helfen." Und dann vergisst der 70-Jährige vor Glück sein Knie, greift sich die Schuhe und spielt. Ob ihm dann was gelinge? Das oft strenge, ein wenig schiefe Gesicht öffnet sich zu einem bubenhaften Lachen: "Immer!"

 
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