Krimi Der Held bin ichSeite 2/2

Dennoch wird es in Basel keine großen Geburtstagsfeiern geben. Zumindest keine offiziellen. "In Basel bin ich ein Fremder. Und will es auch sein." Das ist so ein typischer Schneider-Hunkeler-Zwiespalt: Basel, wo er so lange lebt, das sich so dankbar von ihm kartographieren ließ, hat ihn nie wirklich aufgenommen. "Die Basler sind reserviert", sagt Schneider. Ihm ist das ganz recht. So kann er sich freier bewegen.

Noch heute kann er als einer der berühmtesten Autoren des Landes in Badehose am Rheinufer entlanglaufen. Schneider genießt das. Er wird nicht gern angesprochen. "Das würde mich sonst schon anscheißen." Wie seine Bäuerlichkeit kultiviert Schneider das gelegentliche derbe Wort. So sehr, dass sich sein ehemaliger Basler Hofnachbar, der Schriftsteller Martin R. Dean, schon einmal über den Lärmpegel beschwert hat. "Weil ich beim Schreiben so laut fluche, wenn ich nicht weiterkomme."

Zu den Dingen, die Hunkeler und Schneider kaum ertragen, gehört eine gewisse Sorte Mensch. Aus dem Theater ist Schneider als Regisseur geflohen. Die Eitelkeiten dort hätten ihm einen Nervenzusammenbruch gebracht. Seither schreibt er zwar noch sehr erfolgreich Stücke, macht aber nur noch Theater auf dem Land, mit Laien. Auch Hunkeler sucht auf dem Land Befreiung, geht in Gasthöfe, spricht mit dem Stammtisch, mit den Bauern. Gerne hätte man Hansjörg Schneider im Elsass besucht, wenn er abends beim Nachbarn in den Stall zu den Kühen ins Warme ging und ihn erzählen lassen von Zofingen, von früher.

Vielleicht geht das ja bald, denn Schneider plant einen Band Erinnerungen. "Was soll man denn sonst noch schreiben mit 70?" Schreiben heiße authentisch schreiben, glaubwürdig. Und das könne er nur von Dinge, die er selbst kenne. Das werde langsam schwierig.

Seit Jahrzehnten führt Schneider Traumtagebuch. Seither kommt er mit seinen Träumen besser klar. Einer sitzt mitsamt dem Schmerz besonders tief, im neuen Roman lässt er ihn aus Hunkeler auf der Massagebank herauswalken: "Jeder Mensch hat eine versteckte Trauer", sagt die Masseuse. Hunkeler sagt ohne zu müssen: "Die Mutter." Mehr nicht. Dramaturgisch braucht ein Leser diese kleine Stelle nicht unbedingt. Seinem Autor bedeutet sie hingegen viel. Schneider hat die Mutter noch als Jugendlicher verloren. Sein Roman Wasserzeichen ist davon geprägt.

Und dann erzählt Schneider noch einen Traum, den er bis heute immer wieder träumt. Er sitzt auf der Tribüne eines Fußballstadions. Seiner Mannschaft fehlt jedoch ein Spieler. Der Trainer blickt ins Rund, bis er ihn gefunden hat: "Schneider! Sie müssen helfen." Und dann vergisst der 70-Jährige vor Glück sein Knie, greift sich die Schuhe und spielt. Ob ihm dann was gelinge? Das oft strenge, ein wenig schiefe Gesicht öffnet sich zu einem bubenhaften Lachen: "Immer!"

 
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