Olympische Spiele "Macht doch einen Wirtschaftsboykott!"

Der Deutsche Sport Bund will die Spiele in Peking nicht boykottieren. Dafür wird er scharf kritisiert. Nun wehrt sich Generaldirektor Michael Vesper im Interview.

Michael Vesper war von 1995 bis 2005 Bauminister und stellvertretender Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Heute ist er Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). Dieser sprach sich am Ostermontag gegen einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking aus - trotz der blutigen Ausschreitungen in Tibet. Dafür werden der DOSB und Vesper, ein Günen-Politiker, nun scharf kritisiert, auch und gerade von seinen eigenen Parteifreunden.
  
ZEIT online : Claudia Roth sagt, sie würden Peking durch ihren Beschluss einen Blankoscheck für weitere Menschenrechtsverletzungen ausstellen. Sind Sie als alter Grüner an Kritik von Roth noch gewöhnt oder schmerzt diese Erfahrung? 

Vesper : Nein, wir sind gut befreundet, und das ist ja keine persönliche Kritik. In der Sache liegt sie falsch: Wir geben keinen „Blankoscheck“, sondern wenden uns ebenso entschieden gegen Menschenrechtsverletzungen. Allerdings halten wir einen Boykott für ein falsches Mittel. Manche Stimmen aus der Politik kommen mir schon so vor, als forderte man den Boykott bloß um des Boykotts willen.

Anzeige

ZEIT online : Aber Ihnen müsste die Menschenrechtspolitik doch auch am Herzen liegen?

Vesper : Tut sie auch! Aber das führt doch nicht zwangsläufig zur Boykottforderung. In meinen zehn Jahren als Grüner Minister war ich im Gegensatz zu vielen Kollegen kein einziges Mal in China. Nehmen Sie die Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking: Da hat niemand einen Boykott gefordert, obwohl die Menschenrechtslage damals, auch in Tibet, eher schlimmer war. Nur wurde sie nicht so stark zur Kenntnis genommen wie heute vor den Spielen. Mich überrascht, dass der Mut vieler Politiker, die sich jetzt äußern, immer da endet, wo ihr eigenes Spielfeld beginnt. Klar, es ist viel leichter, vom Sport einen Boykott zu fordern, als selbst beispielsweise einen Wirtschaftsboykott zu beschließen. Warum dringt der EU-Parlamentspräsident eigentlich nicht darauf?

ZEIT online : Jetzt zeichnen Sie den Sport als Sündenbock. Tragen Sie denn keine gesellschaftspolitische Verantwortung?

Vesper : Natürlich tun wir das, und wir stellen uns ihr auch. Unser Positionspapier vom Montag sagt unmissverständlich, dass wir entsetzt sind über die Gewalt in Tibet. Schon im Mai 2007 haben wir einstimmig ein Grundsatzpapier verabschiedet, in dem wir die Menschenrechtsfrage in China pro-aktiv aufgegriffen haben. Soweit ich weiß, war das das erste Mal, dass ein Nationales Olympisches Komitee so etwas getan hat. Natürlich haben wir eine humanitäre Aufgabe, kümmern uns um Verständigung und Dialog. Gleichwohl hat der Sport nicht die Kraft, in 17 Tagen das zu lösen, was Generationen von UN-Generalsekretären und Staatsmännern jahrzehntelang nicht gelöst haben.

ZEIT online : Empfiehlt der DOSB auch dann keinen Boykott, wenn es zu weiteren und noch blutigeren Krawallen kommt?

Vesper : Ein Boykott würde die Lage der Menschen in Tibet doch nicht verbessern, sondern eher verschlimmern. Er würde China in die Isolation zurückwerfen, und kaum einer sähe noch hin. Wenn die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit sich von China abwenden, ist die Gefahr, dass Menschenrechte verletzt werden, doch viel größer.

Leser-Kommentare
  1. Amnesty International ist der gleichen Meinung. -Am 18.März, vier Tage nach dem Aufstand in Lhasa sagte deren China Experte Dirk Pleiter zum Tagesspiegel: 'Für die Chinesen sind die Spiele eine Anerkennung für die beachtlichen Fortschritte, die sie in den vergangenen Jahren gemacht haben' *-Amnestiy kennt die Fakten und nimmt kein Blatt vor den Mund, wo Anlass besteht. Offenbar gibt es an berechtigte Zweifel, ob die Chinesen den Aufstand der Tibeter vom 14.März wirklich 'brutal unterdrückt' haben, wie viele hier glauben.-Vielleicht hat China die Demonstration in Lhasa ja zur Abwechselung mal zugelassen, statt sie zu unterdrücken.-Martin Berger -* http://www.tagesspiegel.d...

  2. Amnesty 1Amnesty 2Denn mit zwei Volltexten sieht man besser.

  3. In einem hat der gute Vesper recht: Ein Wirtschaftsboykott wäre sinnvoller.Eine europaweite Importblockade von chinesischen Waren und China würde Tibet innerhalb von drei Tagen verlassen, denn DEN wirtschaftliche Verlust wäre den chinesischen Politikern das Stückchen Hochland mit Steinen bestimmt nicht wert.Aber dazu sind wir Europäer ja zu feige, fürchte ich, also lasst uns lieber beim Sport Nägel ohne Köpfe machen...

  4. Für mich hängt das beides ziemlich eng zusammen. Da der Sport heute eh schon zum Großteil nur mehr Wirtschaft ist und der olympische Gedanke unter den Sportlern wohl auch nicht mehr wirklich zählt.Zitat eines österreichischen Schwimmer vor der EM die jetzt grad war: "Wenn ich bei der EM kein Gold mach, dann fahr ich gar nicht hin zu Olympia. Dann bin ich zu schwach"Von wegen "dabei sein ist alles". Der Sport stellt sich zwar immer wieder auf eine große Bühne, in Wirklichkeit interessiert viele Teilnehmende (Sportler, Manager, Länder, Veranstalter,...) aber nur ihr finanzieller Gewinn und Prestigezuwachs, Nationalstolz nicht zu vergessen.Ich finde es deshalb ganz passend, dass die Olympiade in einem Land wie China stattfindet. Da zeigt sich wenigstens mal wie es um solche Großveranstaltungen wirklich bestellt ist und was Sinn und Zweck derselben ist.Achja, wegen dem Boykott. Warum sollte man China boykottieren? Da müsste man dann bei nächster Gelegenheit auch gleich noch die Amis boykottieren, ein paar EU-Staaten, vielleicht auch Südafrika, ev. noch Russland oder halt sonst die restliche Welt.Weil um Menschenrechte kümmern sich sowieso die wenigsten wenn es um ihre persönlichen Interessen geht.

    • Kaito
    • 27.03.2008 um 11:37 Uhr

    Bzw. sie sind es schon.Olympischer Gedanke? Ist das etwa die Werbung seitens VW? Oder die "gesponsorten" Kameras von z.B. Siemens?Die Antwort ist: Was früher einmal "nur" ein Wettkampf zwischen Provinzen war ist mittlerweile ein Spektakel sondersgleichen. Nationale und internationale Interessen sind an dieses Ereignis gekoppelt. Sie können - wie bei der WM2006 - in China äußerst positive wirtschaftliche Folgen haben. Ein Sportboykott lässt sich somit mit einem Wirtschaftsboykott gleichsetzen. Trotz dieser Fachsimpelei bin ich der Meinung, dass ein Sportboykott nur bedingt helfen würde: Es muss JETZT gehandelt werden, weil diese Menschen jetzt misshandelt werden und nicht erst in der Zukunft. Und es erfordert endlich einmal Maßnahmen, die wirklich aktiv sind: Eine Handelsblockade, dergleichen. Aber es müssten wenn schon alle Länder mitziehen, und dies wird sich nicht durchsetzen, weil eben zu viele nationale Interessen einem Boykott gegenüberstehen.Moralische Werte lassen sich heute nur noch in zwei Faktoren messen: Der Menge des Geldes sowie dem Einfluss einer Person, einer Organisation oder eines Landes. Die Menschenrechte sind nur dann interessant, wenn sie in nationalen Interessen liegen...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service