Belletristik Raketenjungs, bitte kommen!
Drei Kinder besteigen ein Raumschiff und suchen deutsche Spuren im All: In Jörg Albrechts Roman trifft Pop auf Geschichte, Realität auf Science-Fiction und Guido Knopp das Sandmännchen.
Ein Experiment mit Erstklässlern: Tym, Kym und Martyn starten ins All. Eben noch sieben sind sie plötzlich siebzehn, zehn Jahre gealtert. Das ist nur einen Countdown her. Die drei sind die jüngsten Astronauten in der Geschichte der Raumfahrt, Mission Audio 3 an Bord von Raumschiff "Emily". Die Reise, auf die sie der junge Schriftsteller Jörg Albrecht schickt, führt sie zum Mond und zu den Sternen - und nebenbei vorbei an sämtlichen Ereignissen der deutschen Geschichte von 1981 bis, ach Schreck, 2088!
So erzählt, klingt es zunächst wie aus Kinderträumen erdacht, nach Fantasien, die aus den Raumfahrtbüchern blinzeln, die einem die Oma mal schenkte. Doch Albrecht erzählt in Sternstaub Goldfunk Silberstreif keinen Abenteuerroman, sondern eine Weltraumoper voller medialer Versatzstücke, Stilbrüche, Formenwechsel. Als Gute-Nacht-Märchen taugt das nicht.
Soll es auch nicht. Albrecht hat etwas anderes vor: Er wirft seine Helden in ein Kammerstück, in dem Wirklichkeit und Science-Fiction verschwimmen. Die Sterne, die der deutsche Raumfahrer Ulf Merboldt vormals sah, sind hier ebenso real wie die Galaxie von Raumpatrouille Orion . Das All wird zur Versuchsanordnung: Was wäre, wenn alle medialen Bilder des Weltraums wahr wären? Wenn der Mensch von dort aus in die Geschichte eingreifen, sie verändern könnte?
Kym, Tym und Martyn tun das. Ungewollt führen sie die Wiedervereinigung herbei, besuchen Kanzler Kohl in Oggersheim, erleben die Geburt von MTV - alles in einem herzerfrischend wüsten, teilweise höchst unterhaltsamen Spiel mit typografischen Eigenheiten: Scrabble-Steinen, Google-Screenshots, den Musik-Charts und Energieanzeigen, wie in einem Videospiel.
Albrecht sammelt, sammelt, sammelt. Ob wahr oder falsch, Fiktion oder Realität, alles ist gleichwertig: Wikipedia-Infos zur Marsatmosphäre oder das Telespiel Space Invaders , Zitate des V2-Erfinders Wernher von Braun oder des Kolportagehelden Perry Rhodan die archivarische Wut des Autors ist nicht nur raumfahrtgeschichtlicher, sondern auch popkultureller Natur. Geschichte wird Pop, Pop wird Geschichte. Und das Sandmännchen winkt von oben auf uns herab.
Zeilen aus Liedtexten fügen sich an SMS-Quizfragen und Interviewfragmente aus dem Internet, türmen sich auf zu einem Textungetüm. Der Roman ist das erste eBook auf Papier, das Weltall auf allen Kanälen, allen Bildschirmen, in jedem MP3-Player. So funktioniert diese Hyperventilationsprosa. Sie hat keine eindeutige Erzählrichtung, sondern springt, zerstreut sich oder kommt plötzlich so hölzern und repetitiv daher wie eine Bedienungsanleitung eines Raumgleiters. Wenn es den gäbe, Albrecht könnte ihn fliegen. So viel ist sicher.
- Datum 26.03.2008 - 12:50 Uhr
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