Meinungskolumne War Beethoven ein Österreicher?
„Der Anschluss“ von 1938 ist keine österreichische Folklore. Anmerkungen zu einem großdeutschen Missverständnis
Wenn man wie ich seit mehr als drei Jahrzehnten als Österreicher in Deutschland lebt, bleibt es nicht aus, dass man in Gespräche über Deutsche und Österreicher verwickelt wird. Oft geht es dabei um Fußball, vornehmlich um Länderspiele wie die gemeinsame Schande von Gijon oder den österreichischen Triumph von Córdoba, gelegentlich auch um das rot-weiß-rote Debakel von Basel (Halbfinale '54), ohne das es kein “Wunder von Bern“ gegeben hätte. Geschichtskundige können auch über das Berliner Meisterschaftsfinale von 1943 zwischen Rapid und Schalke 04 mitreden (das die Wiener gewannen).
In ernsthafteren Gesprächen geht es dann schon mal um die Brüche in der gemeinsamen Geschichte und das Trennende der gemeinsamen Sprache. Man plaudert oder debattiert über große Ereignisse und kleine Zwischenfälle, über den großen Preußenkönig und die kinderreiche Wiener Kaiserin, über Bismarck und Metternich, über Österreichs militärische Schmach von Königgrätz und die endgültige Ausgrenzung der k.u.k. „Deutschen“, über Sarajewo und die Folgen und damit um die Frage nach der Schuld am Ersten Weltkrieg. Und unvermeidlich wie das Amen in der Kirche enden die Gespräche dann auf dem Heldenplatz und bei dem Jubel für Hitler.
Gedenktage brauchte es nicht unbedingt dazu. Aber natürlich ergaben sich dann solche Gespräche wie von selbst. So wie jetzt, da sich am 15. März „der Anschluss“ zum 70. Mal jährte – „der Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“, wie Hitler damals vom Balkon der Wiener Hofburg gebrüllt hatte, wogegen die Massen auf dem Platz nicht gerade protestierten. Wie oft bin ich daran erinnert worden.
Gespräche eines Österreichers mit Deutschen über den „Anschluss“: Das kann manchmal ganz schön die Nerven strapazieren. Was mir dabei immer wieder auffällt, ist ein häufig anzutreffender ironischer Unernst der deutschen Gesprächspartner, gepaart mit bemerkenswerten Informationslücken. Es ist, als nähmen sie das Thema nicht richtig ernst. Sie tun es wahrscheinlich auch nicht. Die Österreicher mögen sich damit – endlich – beschäftigen und miteinander über diverse Schuldfragen und Schuldzuweisungen streiten. Die Deutschen sehen zu und amüsieren sich. Sie wissen, dass die Ösis wie besoffen vor Freude waren. Klarer Fall: selbst schuld, basta! Oft landet man bei dem Kalauer: Die schlauen Österreicher haben der Welt eingeredet, Hitler sei Deutscher und Beethoven Österreicher gewesen (was übrigens, pflege ich einzuwenden, karrieremäßig nicht ganz falsch ist).
Mein jüngstes Beispiel für die Österreichdebatten mit Deutschen ist der weltläufige Jurist aus dem Westen der Republik, ein gebildeter Mann von Anfang bis Mitte 50, Staatsrechtslehrer an einer renommierten Universität und dem Nachbarland anscheinend wohlgesonnen. Von den Gedenkveranstaltungen dort hat er gelesen oder gehört, Details hat er keine mitbekommen. Aber natürlich weiß er so viel, dass er sich alsbald verschmitzt lächelnd nach der Opferrolle des Landes erkundigt und nach den Menschenmassen an der Ringstraße und auf dem Heldenplatz und wie ich ihm das wohl erklären könne. Lauter Opfer? Und wer, bitte sehr, waren dann die Täter?
Das sind natürlich legitime Fragen, die wir Österreicher uns samt dem ironischen Unterton mit unserer jahrzehntelang gepflegten Lebenslüge redlich verdient haben. Also gebe ich erst einmal alles zu. Ja, sie („wir“) haben gejubelt, endlich „deutsch“, das hatten sie („wir“) ja schließlich immer gewollt, seit das k.u.k. Großreich zur schwarz-roten Minirepublik geschrumpft und damit ein „Staat, den keiner wollte“ geworden war, wie das erste populäre Geschichtsbuch darüber geheißen hatte.
- Datum 02.01.2009 - 13:34 Uhr
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Beethoven war Österreicher? Beethoven war Bonner.So viel ich weiß, geht es immer darum, ob Mozart Österreicher war. Immerhin stammt Mozart aus Salzburg, das war damals ein Erzstift, der kulturell und geografisch (und später auch politisch) zu Bayern gehörte; sein Vater war aus Augsburg zugezogen.
Liebe @EvaSchweitzer
Bitte richtig lesen, es handelt sich um den „AsbachUralt“-Kalauer (Zitat ZEIT):
„Die schlauen Österreicher haben der Welt eingeredet, Hitler sei Deutscher und Beethoven Österreicher gewesen (was übrigens, pflege ich einzuwenden, karrieremäßig nicht ganz falsch ist).“
Zum Artikel:
Dass der Verfasser sich nach 3 Jahrzehnten Deutschland seinen Kummer von der Seele reden will, kann man ja verstehen.
Zitat:
„Was mir dabei immer wieder auffällt, ist ein häufig anzutreffender ironischer Unernst der deutschen Gesprächspartner, gepaart mit bemerkenswerten Informationslücken.“
Die scheint der Verfasser offensichtlich nicht zu haben, allerdings lässt er auch einige wesentliche Aspekte (warum auch immer) unerwähnt.
Die Alliierten behandelten Österreich bezüglich der Zugehörigkeit zu Nazideutschland „als erstes Opfer“. Das machte in der Folge vieles leichter, ein strenges, vergleichbares Vorgehen gegen Nazis wie in Deutschland, blieb aus.
Zur Erinnerung: Die hat es zuhauf gegeben. Österreich war bestimmt nicht das Land der Widerstandskämpfer und Partisanen. Da muss ich dann in Geschichte wohl geschlafen haben.
Obwohl Österreich bis 1955 wie Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt war (die größte Zone war übrigens die sowjetische!), erlangte die Republik ihre volle Souveränität am 27. Juli 1955, basierend auf der Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages am 15. Mai 1955 (Neutralitätszusicherung).
Auf der Interpretation der Alliierten fußend, „erstes Opfer Nazideutschlands“ gewesen zu sein, weigerte sich die österreichische Regierung auch lange Zeit, Restitutionsansprüchen geraubten Vermögens nachzukommen.
Ein später Stich in die Herzen der „Ösis“ als Folge der Verquickung mit Nazideutschland sei die „Waldheim-Affäre“ genannt. Kurt (Josef) Waldheim, Un-Generalsekretär von 1972 bis 1981, späterer Bundespräsident wurde vorgeworfen, hinsichtlich seiner NS-Vergangenheit (Offizier im Stab der Heeresgruppe, es ging um die Kenntnis der Deportation von 40.000 Juden) gelogen zu haben. Der Jüdische Weltkongress beantragte daher sogar seine Aufnahme in die WATCH-List (unerwünschte Bürger in den USA).
Der „häufig anzutreffender ironischer Unernst der deutschen Gesprächspartner“ beruht vielleicht auch auf der Kenntnis solcher Tatsachen.
je nun, was hätte das österreichische heer der wehrmacht anderes entgegenzusetzen gehabt als symbolische akte -- die unweigerlich menschenleben gekostet hätten, ohne auch nur die illusion zu erwecken, dass irgendetwas dadurch geändert würde?
zudem darf man den verantwortlichen wie den direkt betroffenen durchaus zugestehen, dass der eindruck von aufschwung und bedeutung, den das reich im ausland erweckt hat in österreich sicher nicht ganz ohne anziehungskraft blieb.
die unwissenheit in bezug auf anschlussverbot ("was hilft's, wenn optimisten vom anschluss träumen -- wir waren schon immer spezialisten im anschluss versäumen"), dollfuss & cie ist allerdings peinlich -- wobei ich zu bedenken gebe, dass auch die zeit sich in unregelmässigen abständen in solcherlei peinlichkeit befleissigt.
Süffisant formuliert Ihr Beitrag, aber gewiss nicht ohne Charme (im vorliegenden Fall wäre sogar „Schmäh“ angemessener), besonders in Bezug auf Dollfuss…
Ich wusste vorher so gut wie nichts über den Anschluss. 1938, es gibt Fotos, wie Hitler umjubelt wird - gut, das hätten die im Zweifelsfall schon irgendwie erzwungen. Allerdings weiß ich auch nach dem Artikel noch nichts, was mich überrascht hat. Gestapo, Wehrmacht und NSDAP haben dann in Österreich wohl auch das gemacht, was sie in Deutschland bereits taten: Opposition vernichten, gleichschalten, alles unabhängige unterwerfen. Die Eroberung war sanft, aber dennoch eine Eroberung.Allein, das Österreich diesen Anschluss ebenso gewollt hätte, dass er also ein Konsensakt war wie die Wiedervereiningung, das habe ich noch nie gehört, weder in Schule noch im Studium. Es scheint mir auch reichlich apologetisch
Beethoven wurde in Bonn geboren.Alle wichtigen Werke hat er in Wien geschrieben.Aus Wien ist er nie weggegangen-trotz verlockender Angebote.Warum sollte der Komponist etwas anderes sein als ein Wiener ?
Sehr geehrter Herr Perger,ich bin zwar weit nach 1945 geboren, moechte aber folgendes anmerken:Den von Ihnen erwaehnten "Bürgerkrieg" und andere politische Vorereignisse gab es im Deutschen Reich ebenfalls.Bitte bedenken Sie, dass Hitler in Bayern inhaftiert war, nachdem sein Putschversuch niedergeschlagen wurde. Desweiteren arteten die Wahlveranstaltungen der Weimarer Republik regelmaessig in Strassenschlachten zwischen SA und DKP Anhaengern aus.
Auch "Jubelszenen" gab es sowohl im Deutschen Reich als auch unter den Vorfahren der jetzigenMenschen in Deutschland.Bitte bedenken Sie, dass viele Menschen in der Bundesrepublik aus Gebieten stammen, die ebenfalls ihren "Anschluss" bzw. ihre "Befreiung" im Verlaufe des 2. Weltrkriegs erleben durften.Danzig, Memel, Westpreussen, Teile Oberschlesiens, das Sudetenland.Wo ist also der Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern zu suchen ?Meines Erachtens in der Ehrlichkeit im Umgang mit der Geschichte.Die meisten Deutschen wissen halt genau, wie es dann letztendlich doch zum Triumph der Ueberheblichkeit kommen konnte. Aber sie versuchen eben nicht, die ganze Verantwortung jmd anders in die Schuhe zu schieben. Das erklaert auch das Schmunzeln, auf das Sie immer wieder treffen."Die Deutschen sehen zu und amüsieren sich".Herr Preger, weil wir halt wissen, wie es wirklich war.Wir wissen, wie ueberheblich und fanatisch Deutsche wie Oesterreicher manchmal sein koennen,dass wir uns damals augenscheinlich zuviel vorgenommen haben. Und wir erkennen, dass da wohl jemand die gemeinsame geschichtliche Verantwortung einseitig relativieren will. Dass der Hitler aus Oesterreich stammt, ist dann nur noch eine nebensaechliche Pointe.....
Viel wichtiger als eine Diskussion über den Anschluss 1938, finde ich die Frage, inwieweit die KuK Monarchie Brutstätte wesentlicher Elemente der nationalsozialistischen Ideologie gewesen war. Hat sich doch sowohl Panslawismus als auch der militante Pangermanismus in den Grenzen dieser vergessenen Weltmacht entwickelt und einen Konflikt hervorgerufen, an dem der Vielvölkerstaat letztlich zu Grunde ging. Nicht zu vergessen ist auch der weit verbreitete und erfolgreich politisch instrumentalisierte Antisemitismus mit dem u.a. der junge Hitler in Wien in Berührung kam ( z.B. durch Wiens populären Bürgermeister Karl Lueger )
PS:
Ja, vielleicht kann man Beethoven tatsächlich als Wiener bezeichnen – das macht ihn aber ( ebenso wie Mozart und Haydn ) noch lange nicht zu einem Österreicher. Diese Argumentation
ist anachronistisch, da weder ein österreichischer Nationalstaat noch eine genuin österreichische Identität seinerzeit existierten. Anders gesagt: Mozart und Beethoven verstanden sich selbst natürlich als Deutsche.
Das hatten sie in der Tat mit Hitler gemein! Allerdings war dieser - im Gegensatz zu oben genannten - bis 1925 ein amtlich beglaubigter österreichischer Staatsbürger!
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