Kolumne Lob oder finanzielle Krise
Wie gut ist die Beurteilung des Weinführers "Gault Millau" wirklich? Und wie unabhängig arbeiten die berühmten Weinkritiker eigentlich? Der 10. Teil unserer Weinkolumne
Deutsche Weintrinker gehen nicht ohne ihre Bibel auf Reisen: den
Gault Millau
, der jährlich über 800 deutsche Winzer beurteilt, schulmeisterlich lobt und tadelt. Wer hier nicht gelistet wird, muss sich Gedanken machen. Er liegt nicht auf der
Gault Millau
-Route, die von Weintrinkern befahren und leer gekauft wird.
Armin Diel und Joel Payne sind Chefredakteure des Weinführers und damit die einflussreichsten Weinkritiker Deutschlands. Sie gelten als die „Vorkoster der Nation“, sie geben vor, wie deutsche Weine zu schmecken haben. Aus ihrer Vorliebe für edelsüße Weine machen die beiden keinen Hehl. Wer gut beurteilt werden möchte, sollte sein Weinangebot dementsprechend ausrichten.
Über 10.000 Weine wurden für den Jahrgangsführer 2008 verkostet - eine herkulische Arbeit, die der
Gault Millau
sich damit zumutet. Seine Leistung aber ist umstritten. Nicht wenige Winzer stellen die Unabhängigkeit und Neutralität der Weinpäpste infrage. Öffentlich äußern will sich jedoch kaum einer, aus Angst vor möglichen Konsequenzen. Wer vom
Gault Millau
abgekanzelt wird, muss mit einer existenziellen Krise rechnen.
„Ich kann seine Urteile nicht nachvollziehen“, klagt ein bekannter Winzer aus der Pfalz. „Er bestätigt alle Vorurteile gegen offene Verkostungen. Wir hätten gerne Blindverkostungen und geschulte Verkoster.“ Bei seinen Bewertungen hält sich der
Gault Millau
nicht an die Grundregel, dass Weine blind, also unter Abdeckung des Etiketts, verkostet werden sollten, um möglichst viel Objektivität zu gewährleisten.
Vor allem Armin Diel wird die Verquickung von Interessen vorgeworfen. Diel ist selbst Winzer und Besitzer eines großen Weinguts, gleichzeitig Vorsitzender des Verbands der Prädikatsgüter (VDP) an der Nahe und damit einflussreicher Weinlobbyist. Er schreibt seine Kritiken als Wettbewerber im Weinmarkt und steht in Konkurrenz zu den bewerteten Winzern – eine unappetitliche Konstellation.
Diel und Payne gelten als konservative und standesbewusste Kritiker. Wer neue Wege geht wie biodynamisch arbeitende Winzer oder wer als Quereinsteiger Wein erzeugt, wird von den beiden mit Argwohn betrachtet. „Wahrscheinlich muss man 20 Jahre gute Weine machen, bis man vom
Gault Millau
nicht mehr ignoriert wird“, sagt der Dresdner Winzer Klaus Zimmerling.
Weitaus mehr Verständnis für Außenseiter zeigt da Gerhard Eichelmann, der Ersatz-Papst unter den Weinkritikern. Er bringt den Jahrgangsbegleiter
Deutschlands Weine
heraus, der mit dem
Gault Millau
konkurriert. Während der sich gut stellt mit den etablierten Winzern, werden sie bei Eichelmann härter angefasst. „Er hat scheinbar ein antiautoritäres Karma abzuarbeiten und muss renommierte Winzer abwatschen“, mutmaßt Reinhard Löwenstein vom Weingut Heymann-Löwenstein.
Prophet der jungen Weingemeinde, die nicht zur satten Genuss-Bourgeoisie gehören will, ist Stuart Pigott. Seit Jahren arbeitet er mit an der Renaissance des von ihm so geschätzten deutschen Weins, stärkster Ausdruck davon ist sein großartiges Buchmonument
Wein spricht Deutsch
. In Pigotts Weinwelt ist alles erlaubt, was Spaß macht. Inzwischen ist der ehemalige englische Kunststudent omnipräsent und scheint an mehreren Orten gleichzeitig zu sein: London, Berlin und dann noch eine Weinpräsentation auf einem Schiff in Stade. Pigott möchte der Rockstar, der
wild boy
unter den Weinjournalisten sein, seine eigene Inszenierung ist ihm inzwischen so wichtig wie der Wein selbst. In Berlin ist er der Mittelpunkt einer „WeinPeepShow“, manche finden es peinlich, von Eitelkeit zeugt es allemal.
Trotzdem ist Pigott neben Mario Scheuermann einer der wenigen Weinkritiker, die journalistisches Gespür auch für unangenehme Themen besitzen. In deutschen Weinmedien wird ansonsten viel Gefälligkeitsjournalismus betrieben. „Die Anzeigenkunden bestimmen viele Inhalte“, sagt der Redakteur eines Weinmagazins. „Die Weinszene ist besonders korrumpierbar.“ In ihr sind Mechanismen aktiv, die wohl selbst in bayrischen Amigo-Kreisen schwere moralische Bedenken auslösen würden.
Guten Wein sollte man trotzdem trinken. Klaus Zimmerling rät Weintrinkern, sich viel stärker auf ihr eigenes Urteil zu verlassen. „Wir im Osten lesen keine Weinliteratur, wir probieren die Weine ausgiebig. Man sollte sich nicht abhängig machen von Kritikern.“
Über den Autor:
Rainer Schäfer schreibt am liebsten über Wein und Fußball. Er war zuletzt Chefredakteur des Fußballmagazins
RUND.
- Datum 26.03.2008 - 11:15 Uhr
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








zum Kommentar "eingeschenkt":
Daß Weinbeurteilungen immer Diskussionen hervorrufen - und auch sollen - steht außer Zweifel. Für Kunst- und Literaturkritiken gilt das Gleiche. Dieser Autor allerdings zielt weit unter die Gürtellinie. Zieht man ein Fazit seines Textes, so sind die führenden Weinkritiker Deutschlands entweder unseriös, haben ein psychisches Problem mit Autoritäten oder albern durchgeknallt-eitel durch die Gegend. Halt: bis auf den Fußball- und Weinexperten Rainer Schäfer freilich, der seine Kollegen mal eben in die Pfanne haut.
Es ist schon erstaunlich, wie jemand auf der Basis von Hörensagen und Vorurteilen urteilt, aber anderen unseriöse Arbeit unterstellt. Da fällt mir nur der Balken im eigenen Auge ein.
Die Behauptung, wer öffentlich den Gault-Millau kritisiere, werde hinterher schlecht beurteilt, ist ehrabschneidend und unwahr. Ich weiß das deshalb, weil ich seit Jahren für die Verkostungen in der Pfalz verantwortlich bin und ebenso gerne wie regelmäßig mit Winzern über meine Beurteilungen diskutiere. Ich bin sehr gespannt, ob der Autor auch nur ein einziges Beispiel findet, daß jemand für Kritik an meinen Bewertungen "bestraft" wurde.
Jürgen Mathäß, Weinjournalist
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren