Migranten Der vergessene Brain Drain

Die türkische Bildungselite sieht sich immer noch mit vielen Vorurteilen von deutschen Kommilitonen konfrontiert. Eine neue Studie will das jetzt ändern.

Feliz Aydin und Anja Feldberg bieten eine seltenes Bild: Sie sitzen im Café der Universität Duisburg-Essen, zusammen, an einem Tisch. Das ist eine Ausnahme, denn normalerweise haben die beiden Gruppen, Deutsche und ihre ausländischen Kommilitonen, kaum Kontakt zueinander. "Hier studieren sehr viele Türken. Kein Wunder, dass sie eher unter sich bleiben", sagt Feliz, die kurz vor ihrem Abschluss in BWL steht. "Doch deutsche Studenten meiden den Kontakt auch", ergänzt Anja.

Doch nicht nur unter den Studenten selbst ist das Wissen über die Migranten an den Hochschulen gering. Auch die Wissenschaft hat vor allem die relativ große Gruppe der türkischstämmigen Akademiker bisher kaum näher in Augenschein genommen. Dabei wüssten Integrationsforscher über sie gern mehr, denn gerade diesen Hochschulabsolventen ist gelungen, was sich Politik und Wirtschaft für weitaus mehr Migranten wünschen: Sie haben das deutsche Bildungssystem äußerst erfolgreich durchlaufen.

Anzeige

Wie sie das geschafft haben, ist eine interessante Frage, deren Beantwortung jedoch einige Schwierigkeiten birgt. "Eine davon beginnt schon bei der Datenerhebung in dieser Gruppe: Das Statistische Bundesamt und die Universitäten erfassen nur die Staatsbürgerschaft, nicht aber das Herkunftsland", weiß Kamuran Sezer.

Er leitet für das Futureorg Institut derzeit eine erstmals breit angelegte Studie über türkische Studierende und Akademiker und befragt sie dabei zu vielen Aspekten ihres Alltags - von ihrer Migrationsgeschichte und politischen Einstellung bishin zu ihrem Freizeitverhalten und etwaigen Zukunftsplänen. Die Forschergruppe um Sezer erhofft sich neue Erkenntnisse; die bisherigen Zahlen jedenfalls besagen nicht sehr viel mehr, als dass es rund 24.000 Studierende mit türkischem Pass an deutschen Hochschulen und damit rund 8 Prozent der 18 bis 25-jährigen Jugendlichen.

Insbesondere die Wirtschaft hat zunehmend ein Interesse daran, mehr über die türkische Bildungselite in Deutschland zu erfahren. "Universitär gebildete Migranten haben in ihrer Umgebung meist einen erhöhten Einfluss auf Einstellungen und auch auf Kaufentscheidungen. Damit können sie die Rolle von Vorreitern einnehmen, die auch die Integration vorantreiben", erklärt Sezer.

Nicht zuletzt könnten sie die deutsche Wirtschaft vor dem bedrohlichen Fachkräftemangel bewahren. Denn verglichen mit ihren deutschstämmigen Kommilitonen wählen türkischstämmige Studierende häufiger ein ingenieur- oder wirtschaftswissenschaftliches Fach. Auch Medizin und Jura stehen ganz oben auf der Liste der beliebtesten Studienfächer. Schöngeistige Fächer, die nicht auf ein klares Berufsziel vorbereiten, liegen nicht so hoch im Kurs. "Ökonomische Überlegungen spielen für türkischstämmigen Studierende eine größere Rolle bei der Entscheidung für ein Studienfach", so Sezer.

Leser-Kommentare
  1. Ich möchte den Zusammenprall von Orient und Okzident mal von einer anderen Seite beleuchten."Deutsch bezahlen" nennt man es auf türkisch in den Restaurants, wenn jeder Gast seine eigene Börse zückt. "Kann ich mir mal eine Scheibe Brot machen?" Bei diesem von einem Deutschen nicht so selten ausgesprochenen Satz fällt ein türkischer Gastgeber in Ohnmacht. Es bedeutet nämlich im Klartext: "Du bist ein schlechter Gastgeber." Das sindnur zwei Beispiele dafür, wie die beiden Kulturen bis in die feinsten Gesten und Sätze unterschiedlich sind, so unterschiedlich, dass sie oft nicht einmal darüber reden können, weil auch das gegen türkische Höflichkeit verstößt.  Nach jahrelangem Zusammenleben mit einem Türken und täglichem Aufenthalt unter ihnen ist mir bewusst geworden, dass es möglich ist, sich in die andere Kultur einzufühlen und diese Dinge zu lernen -- nur: Wer will das wirklich? Jede Seite sieht, dass es auch einen Verzicht auf vertraute und anerzogene Lebensart bedeutet. Man tauscht sich nicht wirklich aus, es sei denn, man sei so ein Kultur-Chamäleon wie ich, man spricht nur leiser Türkisch oder lieber Deutsch, wenn Deutsche in der Bahn danebensitzen, man dreht den Gesang von Sezen Aksu in prophylaktischer Höflichkeit leiser.Warum habe ich das so ausführlich dargestellt? Weil ich glaube, dass Integration an ihre Grenzen stößt, wenn sie bedeutet, vertraute Werte aufzugeben. Dann nämlich wird die heimische Kultur als die wertvollere empfunden, wird Integration zum Verlustgeschäft. Was haben wir dagegenzusetzen? Unserer Kultur ist vielfältig gebrochen und heterogen. Wir haben keine klassische deutsche und wirklich populäre Musik, wie es bei der türkischen Klassik der Fall ist. Ich empfinde, wenn ich in einer türkischen Familie bewirtet und ausgefragt werde, irgendwie eine Heimkehr in eine  kleine gesellschaftlichen Zelle,  die bei mir Sehnsucht auslöst.Andererseits macht mich die Unfähigkeit zum klaren/klärenden Wort nervös. Ein Gast, der einfach nicht gehen will, auch wenn der Gastgeber vor Müdigkeit fast umfällt: Das darf nicht zur Sprache gebracht werden. Da freue ich mich dann über deutsche Deutlichkeit.Fortschritte im demokratischen Umgang untereinander: Das ist wohl das einzige, was mir an wirklichem Wert in der Kultur der Deutschen einfällt, sieht man von Dichtern und Denkern ab. Wenn dieser demokratische Umgang jedoch in einer Form daherkommt, die in türkischen Ohren sehr unhöflich klingt, dann ist auch dieser Fortschritt schwer vermittelbar.Die zweite und dritte Generation der "Almancilar" beherrscht vielleicht beide Instrumentarien, versteht beide Kulturen. Wenn sie sich eher gegen unsere entscheidet, dann ist das auch Folge der Gleichgültigkeit gegen die türkische Kultur, mit der sich Deutschland erfolgreich gegen die Integration gewehrt hat.

    • Anonym
    • 01.04.2008 um 14:49 Uhr

    Offensichtlich leiden die gut gebildeten Türken genauso unter der Masse der Problemeinwanderer wie die einheimische Bevölkerung und zwar wegen der Verwechslungsgefahr.
    Ganz nüchtern betrachtet allerdings sind doch die Fragen nach Kopftuch und Elternhaus aufgrund der Pressemeldungen doch leicht nachvollziehbar. Um sich dadurch zurückgesetzt zu fühlen, bedarf es auch einer gewissen Ignoranz gegenüber den Geflogenheiten so manchen ehemaligen Landsmannes.
     
    Berthold Grabe

    • lef
    • 01.04.2008 um 15:25 Uhr

    dass Techniker und Ingenieure gefragt sind, aber wenn gleichzeitig Unwillen zur Akzeptanz westlicher Werte (z.B. erst kritisches Nachdenken, dann Aufregen) so deutlich sichtbar wird, wie es z.B. hier: http://www.politikcity.de/forum/showthread.php?t=23057in einem ausdrücklich von "intelligenten" Türkeischstämmigen getragenen Forum zu einem Reizthema deutlich sichtbar wird,dann sollte wirklich überlegt werden, ob wir auf Technokraten solcher Art nicht lieber verzichten sollten.Es ist schlimm genug, dass auch "Deutschstämmige" hierzulande immer noch lieber  völlig anachronistische Traditionen als "Kultur" bewahren wollen:"Wir haben keine klassische deutsche und wirklich populäre Musik, wie es
    bei der türkischen Klassik der Fall ist. Ich empfinde, wenn ich in
    einer türkischen Familie bewirtet und ausgefragt werde, irgendwie eine
    Heimkehr in eine  kleine gesellschaftlichen Zelle,  die bei mir
    Sehnsucht auslöst."Ja, es ist wirklich zum Weinen, dass das "Musikantenstadl" zum Beispiel nur noch samstagabends und nur im ARD zelebriert wird??Da ist die Türkei als Altersruhesitz wirklich zu empfehlen!

  2. 4. @ lef

    Haben Sie sich jemals mit der Großartigkeit und Subtilität der klassischen türkischen Musik beschäftigt? Oder glauben Sie etwa, deutsche und türkische Volksmusik stünden auf einem Niveau? Nein, da liegen Gebirge dazwischen!Wenn Sie Klassik als Anachronismus ansehen, sollten Sie über Ihr Kulturverständnis nachdenken.Sie haben jedenfalls ein "Quod erat demonstrandum" für meinen Kommentar abgeliefert.

    • lef
    • 05.04.2008 um 1:03 Uhr

    nein, habe ich nicht und ich werde es auch nicht tun,ich wüsste auch nicht, warum.Wenn sie Ihre Identität in anderen Kulturen suchen müssen (das habe ich z.B. nicht nötig), sind Sie herzlich ausgeladen, dort hin zu gehen.Mir reicht die Entität der europäischen Kulturen vollkommen - zumal sie recht angenehm zu leben ist.Was ich bei der türkischen insgesamt beim besten Willen nicht finden kann.Aber wenn man (gerontologisch bedingt) alle Öffnungen verschließen muss (bis auf eine) ist vielleicht auch die türkische Kultur erträglich,zumal dann , wenn man nichts mehr merkt und alles Türkische in einen Topf wirft.....

  3. Die "Subtilität" türkischer Musik. Auweia! Ich vermute hinter solchen Äußerungen meist flachsten Exotismus. Aber: Es gibt eine nationale (d.h. eigensprachliche) populäre Musiktradition in den meisten Ländern , nicht nur in der Türkei. Der Vergleich mit dem Musikantenstadl ist wirklich unangebracht, weil es sich bei der jeweiligen Musiktradition um durchaus schönes, sozusagen "moderne Volksmusik" handelt, die oft hochpoetisch ist. Der Musikantenstadl ist dagegen nur Schall gewordene Plörre.Ihre "Erfahrungen" mit der türkischen Kultur sind leider sehr emotional und nur auf Sie persönlich anwendbar. Um zu einem Verständnis einer anderen Kultur zu kommen, braucht es aber etwas mehr. Der Bauch muss dabei sein, ohne Verstand geht das aber nicht. Denn etwas fremdes verstehen bedeutet auch immer, sich vom Vertrauten zu emanzipieren. Wenn Sie (oder ihre türkischen Gesprächspartner) sich über oberflächliche Maßstäben wie "Höflichkeit" nicht erheben können, dann sind Sie sich nachwievor sehr fremd.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service