Vertriebene Umkämpftes Zeichen

Nach jahrelangem Streit mit Polen hat die Bundesregierung die Einrichtung eines Dokumentationszentrums zu Vertreibungen in Berlin beschlossen.

Das vom Bund der Vertriebenen initiierte und lange umkämpfte Zentrum wird nach der Entscheidung des Kabinetts dem vom Bund getragenen Deutschen Historischen Museum in Berlin angegliedert. Es soll über 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Erinnerung und das
Gedenken an das "Jahrhundert der Vertreibungen" wachhalten und zur Versöhnung beitragen. Schwerpunkt wird eine Dauerausstellung im Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof in der Hauptstadt sein.

Der Beschluss geht auf den Koalitionsvertrag zurück. Darin hatten Union und SPD vereinbart, in Berlin ein "sichtbares Zeichen" zur Erinnerung an das Unrecht der Vertreibungen zu setzen. Die genaue Ausgestaltung war aber lange Zeit nicht nur zwischen Berlin und Warschau, sondern auch innerhalb der Koalition umstritten. Polen hatte moniert, dass durch das Zentrum die Deutschen zu "Opfer" des Kriegs gemacht würden. Außerdem war die Regierung in Warschau gegen Berlin als Ort der Ausstellung.

Anzeige

Als Standort sind nun zwei Etagen im Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof unweit des Potsdamer Platzes vorgesehen. Sie sollen in den nächsten Jahren für etwa 29 Millionen Euro umgebaut und eingerichtet werden. Die jährlichen Kosten werden bisher auf 2,4 Millionen Euro veranschlagt.

Im Mittelpunkt steht eine Dauerausstellung auf etwa 1200 Quadratmetern zur historischen Dokumentation der Themen Flucht, Vertreibung und Integration vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart, und zwar sowohl in Deutschland als auch im übrigen Europa. Ein Schwerpunkt soll auf die Darstellung von Einzelschicksalen gelegt werden. Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den früheren Ostgebieten werden einen Hauptakzent bilden. Außerdem sind begleitende Veranstaltungen, Publikationen und auf einer ergänzenden Fläche von etwa 500 Quadratmetern Wechselausstellungen geplant. Auch ist ein Dokumentations- und Informationszentrum für wissenschaftliche Arbeiten vorgesehen.

Im Stiftungsrat der neuen Dokumentationsstätte sollen Vertreter des Bundestages und der Bundesregierung sitzen. Ferner ist eine "angemessene Gremienbeteiligung der deutschen Vertriebenen" und anderer gesellschaftlicher Gruppen geplant. Unklar ist noch, ob auch die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, dem Gremium angehören wird. Dagegen hat sich die polnische Regierung scharf gewandt. In einem wissenschaftlichen Beirat sollen auch ausländische Experten, insbesondere der europäischen Nachbarländer, mitwirken.

Die BdV-Vorsitzende Steinbach, die das Zentrum selbst angeregt hatte, begrüßte den Kabinettsbeschluss als wichtigen und längst überfälligen Schritt. "Was lange währt wird endlich gut", sagte sie. In einer Erklärung des BdV hieß es: "Jetzt ist der Weg frei für eine würdevolle Ausstellungs-, Informations- und Dokumentationseinrichtung". Damit werde "ein weißer Fleck in der Gedenkstättenlandschaft der deutschen Hauptstadt endlich bearbeitet". Für die Generation, die Flucht und Vertreibung noch erlebt habe, werde es "am Ende ihres Lebens ein tröstliches Gefühl sein, dass ihr Schicksal nicht vergessen ist, sondern einen festen Ort im kollektiven Gedächtnis unseres Vaterlandes hat".

Steinbach dankte Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kulturstaatsminister Neumann für deren Unterstützung. Neumann hatte sich in den vergangenen Monaten mit der polnischen Regierung trotz verbliebener Differenzen auf die Einrichtung des Vertriebenen-Zentrums verständigt.

 
Leser-Kommentare
  1. Als nach 12 Jahren das "1000-jährige Reich" und damit die Barbarei Nazi-Deutschlands endgültig zerschlagen war, da gab es wohl keinen in Deutschland, der nicht wußte oder zumindest ahnte, daß der Zorn der überfallenen und geschundenen Völker groß sein wird. Und ein jeder wußte ganz genau, warum.Einem jeden, der nicht im Widerstand war, war bewußt, der Zivilisationsbruch Nazi-Deutschlands wird furchtbare Konsequenzen für das Land haben. Ein jeder wußte, was sich in Polen, in der Sowjetunion oder im "Protektorat Bömen und Mären" zugetragen hatte. Und ein jeder wußte, was in Auschwitz, Treblinka, in Esterwegen oder Dachau, in Majdanek oder Theresienstadt geschah. Ganz genau wußten alle, hier lag eine kollektive Verantwortung vor, vor der sich niemand drücken konnte. Nicht verstecken, weil "nur die Pflicht getan wurde", nicht drücken, weil "nichts gewußt wurde".Und so wurde die Zerstörung deutscher Städte durch die allierten Bomberverbände, so wurde der Zorn der siegreichen Roten Armee, der befreiten Länder und überlebenden KZ-Häftlinge, nicht zu vergessen, die vereinzelten Übergriffe der Allierten nachdem sie die Leichenberge in den befreiten Lagern sahen, hingenommen, im Bewußtsein, daß das eigene Leid nur ein Bruchteil dessen war, was der NS-Staat über die Welt brachte.Ein neuer Anfang, eine Stunde Null erschien möglich: Abrechnung mit den Nazi-Tätern, sich stellen der Frage, warum dieses Land in die Barbarei verfallen konnte und, warum so wenige sich dem Zivilsitionsbruch entgegenstellten. Einer Frage, die bis heute nicht beantwortet ist. Daß dem nicht so wurde, ist bekannt. Die Deutschen wurden gebraucht, gebraucht als nützliche Idioten im Kalten Krieg. Das Bewußtsein der Schuld ging verloren und Nürnberg als lästig empfunden, die Täter in Justiz, Militär, Polizei, Industrie, im Schul- und Gesundheitswesen blieben weitgehendst unbehelligt. Nicht verschwiegen sei dabei die "Ehrenerklärung für den deutschen Soldaten" durch die USA, eine Erklärung, die sie spätestens dann bereuten, als der deutsche Bundeskanzler den amerikansichen Präsidenten Reagan nötigte, der Waffen-SS in Bitburg seine Referenz zu erweisen.Nützliche Idioten waren sie, auch die "Vertriebenen", nützlich gegen die kommunistischen Staaten Polen und der CSSR, nützlich gegen die Sowjetunion. Auf der Strecke blieb die "Trauerarbeit" (A. Mitscherlich). So verwundert es nicht, daß der erste Bundespräsident nie gefragt wurde, warum er dem Reichsermächtigungsgesetz einst zustimmte, es verwundert nicht, ein Nazi Bundeskanzler wurde und es verwundert nicht, daß den Widerständlern jeglicher Respekt verwert wurde.Geschenkt die Hupkas und Czajas. Geschenkt das Unwesen der Vertriebenen-Verbände. Geschenkt, weil sie vergaßen warum. Geschenkt auch, weil die Biologie das Land davon befreite und die wenigen Uralten richten keinen Schaden mehr an. Nicht mehr geschenkt, daß kein einziger den ungezählten Nazis, die dieses Land bis in die 90er Jahre repräsentierten, die Rechnung präsentierte, die Rechnung für den Verlust der Heimat.Wo war Frau Steinbach, als Öttinger den Mit-Täter Filbinger zum Widerständler umfälschte? Wo war sie, als Stoiber von einer "durchrassten Gesellschaft" schwadronierte? Wo war sie, als der (gekürzt. Bitte unterlassen Sie Beleidigungen. Die Redaktion/jk) Roland Koch gegen die Ausländer unterschreiben ließ? Und wo war sie, als ein übler Antisemitismus in der Gestalt Möllemans beinahe gesellschaftsfähig wurde?Meine Hand also, Frau Steinbach, so sie glaubhaft "wehret den Anfängen" sagen. Den Anfängen, die ursächlich für das Leid der Vertriebenen waren. Das Leid, das freilich doch nur ein Bruchteil dessen war, was "Deutsche Leitkultur" über die Menschheit brachte. Und meine Hand, Frau Steinbach, wird im "Zentrum gegen Vertreibung" erkennbar, warum die Vertreibung geschah, warum Deutsche "heim ins Reich" gejagt wurden.Burkard Schulte-Vogelheim 

  2. Ein Zentrum, das sich explizit mit Vertreibungen, Anzeichen für deren Vorbereitung und möglichen Präventionsmassnahmen befasst, wird gerade in Europa dringend benötigt, wie gerade wieder die Vorgänge in Südserbien zeigen. Aber auch in westlichen Grossstädten kann jederzeit leicht die notwendige Pogromstimmung hochgeschaukelt werden: Man lese z.Bsp. "Indian Killer" von Sherman Alexie - er entwirft ein Szenario, wie in der Millionenstadt Seattle vor dem Hintergrund einiger Morde, die einem indianischen Serienmörder zugeschrieben werden, die Situation eskaliert. Schliesslich brüllt der weisse Mob: "Verschwindet aus unserem Land!"

    • naimed
    • 22.03.2008 um 16:39 Uhr

    Ich bin mir sicher Sie hätten im Widerstand große Taten vollbracht. Große Reden schwingen können Sie schließlich.
    Sie machen es sich wirklich etwas zu einfach.
    Ist nicht eine deutsche Frau die von einem Polen vergewaltigt wird genauso ein Opfer wie eine polnische Frau die ein Deutscher vergewaltigt? Kann das mit zweierlei Maß gemessen werden?
    Täter ist der der die Tat vollbringt, nicht seine Angehöerigen. Auch nicht alle Mitglieder seiner Ethnie und auch nicht sein Nachbar.
    Ihr Kommentar passt perfekt in die heutige Strömung.

    • Anonym
    • 22.03.2008 um 17:40 Uhr

    fragen Sie, Herr Burkard Schulte-Vogelheim, in Ihrem Beitrag. Erlauben Sie mir also auch die Frage, wo waren Sie (?), daß Sie feststellen können: "Ein jeder wußte, was sich in Polen, in der Sowjetunion oder im "Protektorat Bö(h)men und Mä(h)ren" zugetragen hatte. Und ein jeder wußte, was in Auschwitz, Treblinka, in Esterwegen oder Dachau, in Majdanek oder Theresienstadt geschah."
    Nicht nur mich, sondern auch andere Leser würde also Ihr Alter und zur besseren Beurteilung auch Ihr damaliger Aufenthalt interessieren. Vielleicht ist es Ihnen möglich, sich insoweit zu "outen".
    Ich will es jedenfalls tun:  Jahrgang 1928, war ich bei Kriegsende also 16 Jahre alt. Von Arbeitsdienst und Wehrmacht blieb ich  verschont; nur Ausbildung aber kein Einsatz beim "Volkssturm" gehörten kurz vor Kriegsende noch zu meinen "Erlebnissen". Das war in Oberschlesien; Auschwitz war -Luftlinie- nicht sehr weit entfernt. Weder von "Auschwitz" noch von anderen Konzentrationslagern wußten wir - und damit meine ich meine gesamte Familie und Verwandtschaft - etwas, geschweige denn, was dort geschehen ist!!
    Wir waren somit  n i c h t  "ein jeder". Wenn S i e also vor 1928 geboren und somit älter sind als ich, wäre meine Frage, was Sie zur damaligen Zeit dagegen unternommen haben, wenn Sie "ein jeder" waren und somit um die Verbrechen wußten?
    Abschließend noch mein Hinweis, daß mich das "Dokumentationszentrum" nicht sonderlich interessiert und ich nicht zu denen gehöre, die deutsche Schuld mit der Schuld anderer Völker aufarbeiten möchten.
     
     
     

  3. Ich stimme Ihnen zu! >Große Reden schwingen können Sie schließlich.< Dieser Herr BSV ist völlig unglaubwürdig und zudem ausgesprochen selbstgerecht. Habe ihn in diversen Foren  schon  "kennen gelernt"... ("Googlen" Sie mal...) Es lohnt sich... 

    • Anonym
    • 23.03.2008 um 11:38 Uhr

    "Gegen das Vergessen" ist Ihr Betreff. Haben Sie vergessen, sich zu outen oder sind Sie in "volle Deckung" gegangen. Dann müßte ich davon ausgehen, daß "pummesbude" mit seiner Feststellung Ihrer Unglaubwürdigkeit richtig liegt!
    Ich habe allerdings vergessen, Ihnen als weiteres Beispiel das ehem. Konzentrationslager Bergen-Belsen Kreis Celle, jetzt zentrale Gedenkstätte, zu nennen. Was dort zur Nazizeit geschehen ist, mögen vielleicht wenige Funktionäre gewußt haben, die Bevölkerung jedenfalls nicht. Das vermute ich nicht, das ist mir durch viele Gespräche bekannt.
     

    • Anonym
    • 23.03.2008 um 12:04 Uhr

    ich habe eben noch gegouggelt und u.a. folgendes gefunden:
    "Burkard Schulte-Vogelheim hat die Schule Gymnasium Essen-Werden (Gymnasium) bis zum Jahr 1967 besucht."
    Er kann also nur "große Reden schwingen". Mehr zu sagen wäre Zeitverschwendung.

    • u.t.
    • 23.03.2008 um 12:15 Uhr

    Ihre Darstellung hakt daran, dass sie die Frage nach den Vernichtungslagern behandelt. Die Reichskristallnacht konnte jeder Deutsche verfolgen und jeder, der im näheren oder weiteren Umfeld verfolgte Mitbürger hatte, musste schon die Augen verschließen, um nicht die Frage zu stellen, wo die hingekommen sind und was mit ihrem Besitz gemacht wurde. Dass viele Menschen nicht um die KZs oder zumindest nicht um die genauen Vorgänge dort bescheid wussten, steht außer Frage (das glaube ich auch meinen Eltern und Großeltern). Aber es gehört schon etwas Verdrängung dazu, wenn man die Behandlung von jüdischen Mitbürgern und politisch Verfolgten vor Ort in Deutschland registrierte, aber dann wohl dachte, dass die nach der Verschleppung leidlich human behandelt würden. 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service