Bahn "Senk ju vor träwelling"
Wie Sie mit der Bahn fahren und trotzdem ankommen. Auszug aus einem satirischen Überlebensführer für Bahnreisende. Heute: Alle gegen den Automaten und der Automat gegen alle
Möglicherweise verspüren Sie nach drei, vier elementaren Schaltererfahrungen den brennenden Wunsch, Ihre Zugbuchung unter Umgehung von Jessica Schipp selber vorzunehmen, in einem Bruchteil der Zeit und ohne Computerabsturz. Beispielsweise an einem Automaten. Früher war der oft selbst auf gottverlassenen Bahnhöfen zu finden, angerostet, von marodierenden Jugendbanden mit Sexparolen beschmiert und von Vandalen mit Faustschlägen und Tritten verbeult. Warf man unvorsichtigerweise oder mangels Alternativen sein Geld in den Einwurfschlitz, spuckte das Gerät unter schaurigem Gekreisch die verstaubte Fahrkarte des vorigen Benutzers aus.
Heute ist alles anders. Sie können Reiseplanung, Fahrkartenkauf und Platzreservierung an den hochmodernen selbsterklärenden Automaten im oder am Kundenzentrum oder irgendwo sonst am Bahnhof tätigen. Sollten Sie dies tatsächlich in Erwägung ziehen, berücksichtigen Sie bitte unbedingt die »Neun goldenen Regeln« für die Benutzung des Fahrkartenautomaten:
1. Es gibt im Zweifelsfall doch keinen Automaten. Das kann viele Gründe haben. Entweder wurde Ihr »Haltepunkt« nicht mit einem Automaten ausgestattet. Oder der Automat ist defekt. Oder der Automat ist nicht auffindbar, weil er sehr gut versteckt wurde, um ihn vor Vandalismus zu schützen. Bis Sie ihn finden, womöglich auf dem Dach der Wartehalle (siehe dazu Punkt 6), ist Ihr Zug abgefahren (auch der schwer verspätete).
2. Gibt es einen Automaten, wird er von Gottfried Broiler benutzt. Gottfried Broiler ist ein rüstiger Rentner, der seine Freizeit gerne auf Bahnhöfen oder an zugigen Haltepunkten zubringt. Und Gottfried Broiler möchte seinen Kriegskameraden Emil Panschek in Gera anlässlich von dessen goldener Hochzeit besuchen. Das Ereignis findet in drei Wochen statt. Gottfried Broiler probiert aber am Automaten schon einmal die 47 verschiedenen Alternativen aus, dorthin zu gelangen. Er druckt für jede dieser Verbindungen einen eigenen Reiseplan aus und drückt dann auf »Abbruch«, bevor er erneut mühevoll die Daten eingibt, die er sich auf einem Schmierzettel zusammengestellt hat. Jeder Versuch, ihn zu unterbrechen, ist zum Scheitern verurteilt, denn Gottfried Broiler ist erstens ertaubt, und außerdem ist die Fahrt nach Gera sehr wichtig. Haben Sie also noch ein wenig Geduld: Irgendwann wird Broiler aufgeben, weil seine Blase drückt. Bis er zurückkehrt und Sie schimpfend zur Seite schiebt, weil Sie ungehöriger Flegel (bzw. Sie unverschämtes Weib) seinen Automaten benutzen, sind Sie dran.
3. Geben Sie jetzt niemals Ihre Kredit- oder EC-Karte ein, auch wenn der Automat sehr bestimmt danach fragt. Sie wird unter Umständen für immer eingezogen oder schwer beschädigt, oder es werden Dienstleistungen abgebucht, die Sie niemals in Auftrag gegeben haben. Sollten Sie so tolldreist sein und die Karte trotz dieser Warnung einführen, wird Ihnen das auch nichts nutzen. Denn Ihr Magnetstreifen ist von nun an und auch später im Hotel »nicht lesbar«. Barzahlung ist übrigens auch nur möglich, wenn man akzeptiert, dass der Automat nicht wechselt. Oder der Automat erklärt sich bereit, zu wechseln, aber er lügt. Oder Ihr letzter Schein wird beharrlich nicht angenommen, so verzweifelt Sie ihn auch zerknittern und glattstreichen. (Beachten Sie: Wenn Sie den Schein tobend vor Wut zerreißen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Automat ihn akzeptiert, noch deutlich geringer.)
4. Seien Sie höchst vorsichtig mit »Automatenguides«. »Automatenguides« gibt es, weil die modernen, selbsterklärenden Fahrkartenautomaten bei Teilen der Bevölkerung (ca. 98,7%) auf totales Unverständnis stoßen. Daher stehen um die Automaten hoffnungslos dreinschauende Menschen in roten T-Shirts herum und versuchen hartnäckig, die fragenden Blicke und winselnden Bettellaute der Automatenkunden zu ignorieren. Dieses Personal hat die Bahn offenbar teilweise in kasachischen Freizeitklubs akquiriert, der Rest stammt aus den üblichen Resozialisierungsprogrammen. Da es häufig an Deutsch- und Ortskenntnissen fehlt, sollten Sie den Auskünften der Damen und Herren (sofern Sie sie verstehen) mit einer gesunden Portion Skepsis begegnen: Amsterdam liegt nicht unbedingt in England. Und von Stuttgart nach Mannheim kann man zwar sicher auch über Passau fahren, aber vernünftiger ist, man tut es nicht.
5. Vertrauen Sie den roten Helfern, vor allem jenen, die überraschend freundlich und zuvorkommend auf Sie zutreten, kein Bargeld oder Kreditkarten an. Die dafür im Gegenzug übereigneten handgeschriebenen Fahrausweise sind selten gültig. Und die Fahrplanauskünfte (deretwegen Sie ja eigentlich gekommen sind) sind gar nicht gebührenpflichtig. Es ist auch unwahrscheinlich, dass der »Automatenguide« seine Brieftasche verloren hat und nun noch sieben Euro für die Fahrkarte nach Hause benötigt, die Sie ihm doch prima bis morgen leihen könnten. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass Ihnen ein echter Automatenguide schon auf dem Bahnhofsparkplatz entgegentritt und um eine Spende für die Streikkasse einer kleinen, tapferen Bahngewerkschaft bittet, deren einziges Mitglied bislang er ist.
6. Führen Sie immer einen dunklen Sonnenschutz (Witwenschleier, Tschador) mit sich, den Sie mit ein paar Klebestreifen vorn am Automaten installieren und über Ihren Kopf ziehen können wie ein Fotograf im vorletzten Jahrhundert. Bei direkter Sonneneinstrahlung ist es nämlich unmöglich, auf dem Bildschirm des Automaten auch nur ein Wort zu lesen. Dies ist bahnintern längst bekannt. Da man sich bei der Subunternehmer-Firma Ottokar Knickerboff & Sohn aus Pforzheim, die für die Aufstellung und Instandhaltung der Automaten zuständig ist, aber unangemessen bezahlt fühlt, werden die Automaten, um ihre Benutzung also unnötigen Verschleiß zu vermeiden, üblicherweise an der jeweils hellsten Stelle im Freien, zumindest aber im Einzugsbereich von Panoramafenstern der Bahnhofshalle in Süd-Südwestausrichtung installiert.
7. Nutzen Sie den Automaten, wenn er Ihnen im Hinblick auf Ihre Reise schon nicht weiterhelfen kann, wenigstens zur sozialen Interaktion (vor allem an ohne Umsteigen erreichbaren Bahnhöfen!): Wo würden Sie sonst ein verzweifeltes, bildhübsches Düsseldorfer Model kennenlernen, das sämtliche Kreditkarten geschrottet hat und nun mangels Zahlungsmittel nicht mehr nach Hause kommt? Einen entnervten Schauspieler, der sich gerade (des Automaten wegen) von seiner Freundin getrennt hat und ganz hingerissen von Ihnen ist? Oder den weißhaarigen Manager eines mittelständischen Weidezaunherstellers aus Geislingen, dem Sie mit ein paar souveränen Tastendrücken helfen und der für seinen Betrieb dringend einen fähigen Nachfolger sucht, der sich ein bisschen mit Technik auskennt? Und mit Erna Brökmann aus Paderborn können Sie so manche unterhaltsame Stunde vor der »ollen Zauberkiste« verbringen und über Gemeinsamkeiten zwischen dem »Apparat« und Frau Brökmanns erster Wäscheschleuder diskutieren, die sie 1969 von ihrem inzwischen ja leider verstorbenen Ehemann Heinrich geschenkt bekam.
8. Sollten Sie trotz Missachtung der vorstehenden Regeln erfolgreich einen Vorgang abgeschlossen haben, wird Ihnen das nichts nützen. Das Papier des Automaten staut, Ihre Reiseauskunft wird auf die Walze gedruckt, während der Automat munter piept und blinkt. Danach versetzt er sich in den Out-of-Order-Status und Sie zurück auf »Los«. Es war übrigens der einzige funktionierende Automat am ganzen Bahnhof. Und es gibt natürlich keinen Schalter (denn es gibt ja den Automaten), aber es ist verdammt kalt.
9. Sollte Sie spätestens jetzt die Anwandlung überkommen, den Automaten schreiend mit Faustschlägen traktieren zu wollen, denken Sie daran, vorher den Tschador vom Kopf zu nehmen, damit für die Umstehenden kein Zweifel über Ihre wahren Absichten besteht.
- Datum 31.03.2008 - 13:39 Uhr
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in Österreich gibt auch zuhauf Automaten auf sogenannten Selbsbedienungsstrecken, d.h. auf der ganzen Strecke gibt es keinen einzigen durch Schalterpersonal besetzten Bahnhof mehr, aber keinerlei Personal, welches auch nur annähernd bereit wäre, Hilfe bei der Bedienung der Automaten zu leisten. Dafür Kontrolleure, denen es egal ist, ob und wie der Automat zu bedienen ist, die aber knallhart Strafen austeilen, da man trotz Zahlungswillen als Schwarzfahrer gilt. Und was das bei älteren Mitbürgern, deren einzige Möglichkeit besteht von A nach B zu kommen aus finanziellen Gründen (noch) die Bahn ist, auslöst, kann man sich denken. Deswegen, felix Germania!P.S.: Es gibt solche Fahrscheinautomaten auch in Zügen, doch hat sich scheinbar niemand Gedanken gemacht, wie diese bei dem Geruckel der Bahn ohne dabei zu verunfallen, zu Bedienen sein sollen. Vermutlich irgendwelche zerebral degenerierten, hoch bezahlten, selber nie die Bahn und schon gar nicht einen Fahrscheinautomaten benutzenden Manager.
Ausgezeichneter Artikel. Daraus spricht der von Erfahrung Gebeutelte.
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