Bahn "Senk ju vor träwelling"Seite 2/2

5. Vertrauen Sie den roten Helfern, vor allem jenen, die überraschend freundlich und zuvorkommend auf Sie zutreten, kein Bargeld oder Kreditkarten an. Die dafür im Gegenzug übereigneten handgeschriebenen Fahrausweise sind selten gültig. Und die Fahrplanauskünfte (deretwegen Sie ja eigentlich gekommen sind) sind gar nicht gebührenpflichtig. Es ist auch unwahrscheinlich, dass der »Automatenguide« seine Brieftasche verloren hat und nun noch sieben Euro für die Fahrkarte nach Hause benötigt, die Sie ihm doch prima bis morgen leihen könnten. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass Ihnen ein echter Automatenguide schon auf dem Bahnhofsparkplatz entgegentritt und um eine Spende für die Streikkasse einer kleinen, tapferen Bahngewerkschaft bittet, deren einziges Mitglied bislang er ist.

6. Führen Sie immer einen dunklen Sonnenschutz (Witwenschleier, Tschador) mit sich, den Sie mit ein paar Klebestreifen vorn am Automaten installieren und über Ihren Kopf ziehen können wie ein Fotograf im vorletzten Jahrhundert. Bei direkter Sonneneinstrahlung ist es nämlich unmöglich, auf dem Bildschirm des Automaten auch nur ein Wort zu lesen. Dies ist bahnintern längst bekannt. Da man sich bei der Subunternehmer-Firma Ottokar Knickerboff & Sohn aus Pforzheim, die für die Aufstellung und Instandhaltung der Automaten zuständig ist, aber unangemessen bezahlt fühlt, werden die Automaten, um ihre Benutzung – also unnötigen Verschleiß – zu vermeiden, üblicherweise an der jeweils hellsten Stelle im Freien, zumindest aber im Einzugsbereich von Panoramafenstern der Bahnhofshalle in Süd-Südwestausrichtung installiert.

7. Nutzen Sie den Automaten, wenn er Ihnen im Hinblick auf Ihre Reise schon nicht weiterhelfen kann, wenigstens zur sozialen Interaktion (vor allem an ohne Umsteigen erreichbaren Bahnhöfen!): Wo würden Sie sonst ein verzweifeltes, bildhübsches Düsseldorfer Model kennenlernen, das sämtliche Kreditkarten geschrottet hat und nun mangels Zahlungsmittel nicht mehr nach Hause kommt? Einen entnervten Schauspieler, der sich gerade (des Automaten wegen) von seiner Freundin getrennt hat und ganz hingerissen von Ihnen ist? Oder den weißhaarigen Manager eines mittelständischen Weidezaunherstellers aus Geislingen, dem Sie mit ein paar souveränen Tastendrücken helfen und der für seinen Betrieb dringend einen fähigen Nachfolger sucht, der sich ein bisschen mit Technik auskennt? Und mit Erna Brökmann aus Paderborn können Sie so manche unterhaltsame Stunde vor der »ollen Zauberkiste« verbringen und über Gemeinsamkeiten zwischen dem »Apparat« und Frau Brökmanns erster Wäscheschleuder diskutieren, die sie 1969 von ihrem inzwischen ja leider verstorbenen Ehemann Heinrich geschenkt bekam.

8. Sollten Sie trotz Missachtung der vorstehenden Regeln erfolgreich einen Vorgang abgeschlossen haben, wird Ihnen das nichts nützen. Das Papier des Automaten staut, Ihre Reiseauskunft wird auf die Walze gedruckt, während der Automat munter piept und blinkt. Danach versetzt er sich in den Out-of-Order-Status und Sie zurück auf »Los«. Es war übrigens der einzige funktionierende Automat am ganzen Bahnhof. Und es gibt natürlich keinen Schalter (denn es gibt ja den Automaten), aber es ist verdammt kalt.

9. Sollte Sie spätestens jetzt die Anwandlung überkommen, den Automaten schreiend mit Faustschlägen traktieren zu wollen, denken Sie daran, vorher den Tschador vom Kopf zu nehmen, damit für die Umstehenden kein Zweifel über Ihre wahren Absichten besteht.

 
Leser-Kommentare
  1. in Österreich gibt auch zuhauf Automaten auf sogenannten Selbsbedienungsstrecken, d.h. auf der ganzen Strecke gibt es keinen einzigen durch Schalterpersonal besetzten Bahnhof mehr, aber keinerlei Personal, welches auch nur annähernd bereit wäre, Hilfe bei der Bedienung der Automaten zu leisten. Dafür Kontrolleure, denen es egal ist, ob und wie der Automat zu bedienen ist, die aber knallhart Strafen austeilen, da man trotz Zahlungswillen als Schwarzfahrer gilt. Und was das bei älteren Mitbürgern, deren einzige Möglichkeit besteht von A nach B zu kommen aus finanziellen Gründen (noch) die Bahn ist, auslöst, kann man sich denken. Deswegen, felix Germania!P.S.: Es gibt solche Fahrscheinautomaten auch in Zügen, doch hat sich scheinbar niemand Gedanken gemacht, wie diese bei dem Geruckel der Bahn ohne dabei zu verunfallen, zu Bedienen sein sollen. Vermutlich irgendwelche zerebral degenerierten, hoch bezahlten, selber nie die Bahn und schon gar nicht einen Fahrscheinautomaten benutzenden Manager.

  2. Ausgezeichneter Artikel. Daraus spricht der von Erfahrung Gebeutelte.

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